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Alkoholfrei Ausgehen: Von der Spaßkanone zum Außenseiter: Warum kein Alkohol auch keine Lösung ist

Wer nicht trinkt, verliert Gewicht, hat reine Haut und fühlt sich frisch und jung – oder? Unsere Autorin hat es ausprobiert. Ihre Erkenntnis: Es ist nicht leicht, nüchtern zu lachen, wenn die Festivalcrew das Nachbarcamp vollpinkelt.

Von NEON-Community-Mitglied Milena

Tanzende Leute mit Wasserflasche auf Festival

Rumsitzen, fremdschämen und ständig das Wasser nachfüllen: Das Leben in Abstinenz kann ganz schön Langweilig werden (Symbolbild)

Unsplash

Seit meinem 21. Lebensjahr habe ich gänzlich aufgehört Alkohol zu konsumieren. Mein Beweggrund war, neben dem etwas ausschreitenden und sehr exzessivem Genuss, auch die Einnahme von Antidepressiva, die sich schlecht mit meinem Freund, dem Alkohol verstand. Ich beschloss also, dass die Psychopharmaka die einzig bewusstseinsverändernde Substanz in meinem Körper sein sollen – so weit, so gut! Das war ein legitimer Grund aufzuhören, der auch für Freunde und Bekannte einigermaßen einleuchtend war. 

Gewichtsreduktion, schöne Haut und neue Energie – oder?

Ein gesundes und vernünftiges Leben sollte vor mir stehen. Ich freute mich auf die allseits bekannten Nebenwirkungen eines abstinenten Lebens: Gewichtsreduktion, schönere Haut, Wohlbefinden, neue Energie, ein klarer Kopf, Party ohne Kater und jede Menge Geld, das ich durch den Verzicht sparen würde – alles wird schön und nichts tut weh! 

Bevor all die wunderbaren Dinge eintrafen, zeigten sich zunächst die Nachteile des neuen Lifestyles. Sozialkontakte schwanden dahin wie Schnee im Sommer. Gut, denkt man sich, die waren dann wohl eh nichts und auf einem Fundament aus Alkohol will man sowieso keine Freundschaft aufbauen.

Plötzlich ist man ein humorloser Außenseiter

Dann kam die Langeweile: "Wochenende – saufen – geil", war nicht mehr. Die Hemmung feiern zu gehen, wurde größer. Aber nicht weil man keinen Bock auf Feiern hat, sondern weil alle anderen Trinken. Denn das hat zur Folge, dass du unbewusst zum Außenseiter wirst, der sich dumme Sprüche à la "Sauf doch mal mit!" anhören muss. Zum Vorglühen erscheine ich schon gar nicht mehr, denn dort gibt es für mich nichts zu tun. Alles was ich mache, ist herumsitzen, zusehen wie andere ihre Körperbeherrschung verlieren, mich fremdschämen und ständig in die Küche rennen, um das Wasserglas nachzufüllen, an dem man aus Verlegenheit so oft nippt. 

Der Alkohol nimmt bei diesen Zusammenkünften mehr Raum ein, als man als Betrunkener erwartet. Und tatsächlich ist er auch der Kleber, der die meisten Freundschaften zusammenhält. Langweilig ist auch, dass man als nüchterner Mensch die Dinge einfach weniger attraktiv findet und der Humor plötzlich starke Differenzen zu dem der Alkoholisierten zeigt. Es ist schwer, nüchtern zu lachen, wenn deine Festivalcrew das Nachbarcamp vollpinkelt. 

Schwindende Sozialkontakte

Heute verlasse ich Partys viel früher als damals. Im nüchternen Zustand sendet der Körper deutlichere Signale von Müdigkeit. Was ich aber am meisten einbüßen musste, waren die Erlebnisse. Klar, man kann auch ohne Alkohol Spaß haben und wilde Abenteuer erleben, aber seitdem ich alkoholfrei unterwegs bin, habe ich keine krassen Stories mehr zu erzählen. Die verrücktesten Dinge sind mir besoffen passiert. 

Die Freundschaften von damals haben sich verändert, weil man keine krassen Sachen mehr zusammen erlebt. Früher ist man nach dem Konzert mit der Band im Tourbus mitgefahren, heute fährt man selbst im Kleinwagen nach Hause – alleine. Was übrig bleibt, ist oft nur der jämmerliche Versuch an etwas festzuhalten, was lange nicht mehr da ist. 

Es gibt ihn, den nüchternen Kater

Ein weiterer enttäuschender Nachteil ist der Kater. Meine Erwartung: Hey cool, wenigstens bist du am nächsten Tag fit und verbringst nicht den ganzen Tag mit brummendem Kopf über der Kloschüssel. Lüge! Es gibt ihn, den nüchternen Kater! 

Neben den sechs Bier, fünf Pfeffi und drei Gläsern Wein ruinieren nämlich auch andere Faktoren deinen Körper. Laute Musik, einen mit Zigarettenrauch eingenebelter Raum ohne Licht und Fenster, ins Ohr geschriene Gespräche, viel zu wenig trinken (und wenn dann nur ungesunde Energydrinks und Softgetränke), den ganzen Abend stehen oder tanzen, und dazu der Bruch des normalen Tagesryhthmus – das macht einen genau so fertig! Ich habe am nächsten Morgen einen genauso schlimmen Brand, Kopfschmerzen und Unwohlsein. 

Nun aber zu all den erhofften Vorteilen dieser ganzen Aktion: Es gibt sie nicht! Meine Haut wurde nicht reiner, ich habe nicht abgenommen, keine neuen Energien oder mehr Wohlbefinden. Und das gesparte Geld gebe ich ganz unbemerkt für andere Schwachsinnigkeiten aus. Es ist alles wie bisher nur nüchtern und mit weniger Kotze. 

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