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Meinung

Die unterschätzte Droge: Wir brauchen einen neuen Umgang mit Alkohol – sofort!

Alkohol gehört zum Alltag irgendwie dazu. Und wenn es zu viel wird, dann ist das eben hinterher eine lustige Geschichte. Dabei unterschätzen wir die Volksdroge Nummer eins noch immer. Das hat massive Folgen.

Zehn Fakten zum Alkohol

Es muss irgendwann gegen drei Uhr gewesen sein, vielleicht auch noch später, in einer dieser langen Großstadtsamstagnächte. Die Zeit auf jeden Fall, in der in der S-Bahn nur noch Leute sitzen, die benebelt vor sich hin dösen oder viel zu gut (und zu laut) drauf sind. In der Sitzreihe neben mir saß eine junge, hübsche Frau, geschminkt, gut angezogen, aber offensichtlich etwas alkoholisiert. Und plötzlich übergab sie sich ohne Vorwarnung in ihre McDonald's-Papiertüte.

Keine Ahnung, ob die kotzende Unbekannte jemals jemandem von ihrem S-Bahn-Malheur erzählt hat. Vielleicht hat sie sich am nächsten Morgen geschämt, vielleicht konnte sie sich nicht einmal ganz genau erinnern. Aber vielleicht hat sie auch irgendwann auf einer Party diese Geschichte herausgeholt, dann nämlich, wenn reihum die peinlichsten Alkoholgeschichten erzählt werden. Und alle hätten gelacht und das Mädel wäre doch zumindest ein wenig stolz auf diese Nacht gewesen.

Ungewöhnlich wäre das nicht. Immer wieder berichten Menschen – und zwar auch solche, die längst nicht mehr im jugendlichen Alter sind – von ihren Suffstorys, als wären es Heldentaten. Übermäßiger Alkoholkonsum scheint etwas zu sein, womit man angeben kann. Wer lieber verzichtet, wird angeschaut, als wäre er ein Alien. Das ist ein Problem: Denn in Wirklichkeit ist zu viel Alkohol mit all seinen Folgen weder cool noch lustig noch harmlos.

Zu viel Alkohol ist weder cool noch lustig noch harmlos

Alkohol gehört irgendwie zum Leben dazu, in Deutschland ist das noch stärker der Fall als in vielen anderen Ländern. Eine Party ohne alkoholische Getränke ist für viele undenkbar. Dann werden Witze und halbironische Sprüche der Marke "Man kann auch ohne Spaß Alkohol haben" oder "Kein Alkohol ist auch keine Lösung" gerissen. Aber wer ohne seine Drinks keine gute Zeit haben kann, der hat womöglich ein noch deutlich tiefer sitzendes Problem.

Apropos Problem. Dass Alkohol hierzulande eine ernstzunehmende Gefahr darstellt, hat auch der diesjährige Drogenbericht der Bundesregierung, der in der vergangenen Woche vorgestellt wurde, gezeigt. Die Zahlen, die dort referiert werden, sollten selbst einem Angetrunkenen einleuchten: Jeder Sechste in Deutschland trinkt Alkohol in gesundheitlich schädlichem Ausmaß. Insgesamt pflegen 18 Prozent der Männer und 14 Prozent der Frauen einen riskanten Alkoholkonsum. Rund 21.000 Menschen in Deutschland sterben jährlich daran. 

Und falls jemand doch lieber in Geld denkt: Die direkten Kosten des Alkoholkonsums (Krankheiten, Pflege, Unfallfolgen) summieren sich laut dem Bericht auf jährlich mehr als neun Milliarden Euro, rechnet man die indirekten hinzu, entsteht ein volkswirtschaftlicher Schaden von knapp 40 Milliarden Euro. Dazu zählen zum Beispiel Ausfälle in der Wirtschaft durch Krankheitsphasen oder auch einfach eine alkoholbedingte verminderte Leistungsfähigkeit.

Die Leidtragenden sind oft Unbeteiligte

Auch wenn der Konsum insgesamt zurückgegangen ist, warnt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler: "Alkohol wird in Deutschland noch deutlich zu viel und vor allem viel zu gedankenlos getrunken." Recht hat sie. Man kann solche Warnungen als Spaßbremse abtun. Aber das Thema ist längst kein Spaß mehr. Der hört nämlich bei sexueller Belästigung, Trunkenheit am Steuer und häuslicher Gewalt endgültig auf. Alkohol ist dafür keine Entschuldigung – und spätestens hier wird klar, dass es nicht nur um Sucht, sondern auch um den einmaligen Rausch gehen muss.

Im Jahr 2016 haben insgesamt mehr als 240.000 Tatverdächtige ihre Tat unter Alkoholeinfluss begangen, das sind zehn Prozent aller Tatverdächtigen. Insgesamt wurden in dem Jahr 40.000 Gewalttaten von Betrunkenen verübt (27,3 Prozent aller aufgeklärten Fälle im Bereich der Gewaltkriminalität). Kein Wort und keine Tat lässt sich rückgängig machen, auch nicht, wenn sie unter Alkoholeinfluss geschehen. Es muss gar nicht in Gewalt ausarten. Manchmal zerbricht auch eine Freundschaft an einem Streit im betrunkenen Zustand.

Auch der einmalige Rausch kann schon gefährlich werden

Angesichts dieser Zahlen ist es unverständlich, dass die Gefahren der Volksdroge Nummer eins immer noch verharmlost werden. Selbstverständlich ist gegen Alkohol als Genussmittel nichts einzuwenden und natürlich darf man auch mal ein wenig beschwipst sein. Aber Trinken bis zum Kontrollverlust – das ist leichtsinnig, ungesund und gefährlich. Deshalb brauchen wir insgesamt einen kritischeren Umgang mit Alkohol in der Gesellschaft, mehr Wachsamkeit und vielleicht auch etwas mehr gegenseitige soziale Kontrolle – zum Beispiel im Freundeskreis –, statt sich immer weiter zu noch mehr Promille anzustacheln. 

Fast akzeptabel wäre es ja noch, wenn nur diejenigen betroffen wären, die selbst zu tief ins Glas schauen. Doch zu den schon genannten finanziellen Schäden kommen auch die sogenannten intangiblen Kosten hinzu – also Verluste, die sich nicht in Zahlen beziffern lassen. Die wiegen noch einmal ungleich schwerer: verminderte Lebensqualität, Schmerzen, Leid, zerstörte soziale Beziehungen. Häufig sind Unbeteiligte die Leidtragenden: Partner, Kinder, andere Verkehrsteilnehmer, fremde Menschen, die ohne eigenes Verschulden mit hineingezogen werden. So ist Alkohol mit weitem Abstand die Droge, die den größten sozialen Schaden anrichtet.

Dafür gibt es unzählige tragische Beispiele. Dieser Text soll nicht die Moralkeule schwingen, auch ich habe es schon mal übertrieben und danach mein Herz in den Straßengraben gekotzt.

Wie tückisch Alkohol aber sein kann, kann man exemplarisch in den Gerichtssälen der Republik beobachten. Dort zeigt sich, wie Menschen mit dem Rausch einer Nacht ihr ganzes Leben zerstören können.

Einmal beobachtete ich einen Prozess gegen einen jungen Mann um die 20. Angeklagt war er wegen schwerer Körperverletzung, weil er betrunken auf dem Kiez nach einer Party im Streit einen Fremden so schwer verprügelt hatte, dass dieser zeitweise im künstlichen Koma lag und auf einem Auge sein Augenlicht verlor. In der Gerichtsverhandlung entschuldigte sich der Angeklagte unzählige Male unter Tränen, er könne selbst nicht verstehen, was er getan habe. Seine Familie hatte irgendwie ein Schmerzensgeld aufgetrieben, das angesichts der Verletzungen aber völlig unzureichend wirkte. Ins Gefängnis musste er trotzdem.

Stolz war er auf diese Nacht mit Sicherheit nicht.

Zehn Fakten zum Alkohol