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Trash-TV-Farce: Immer noch ein tieferer Tiefpunkt: Die perverse Faszination der "Bachelorette"

Noch nie hat das Fernsehen auf verlogenere Weise einen wahren Kern getroffen: "Die Bachelorette" ist ein aberwitziger Anachronismus, der trotzdem verdammt viel erzählt über die Zeit, in der wir leben.

Bachelorette

Bei der Auswahl kann einem das Lächeln schon mal vergehen: Bachelorette Nadine in der sogenannten "Nacht der Rosen"

15 Jahre ist es her, da sah der damalige Fußballnationaltrainer Rudi Völler seine Mannschaft in einem längst legendären Interview zu Unrecht kritisiert: "Immer diese Geschichte mit dem Tiefpunkt und noch 'nem Tiefpunkt, dann gibt's noch mal 'nen niedrigeren Tiefpunkt", zeterte er. "Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören."

Ich muss an Völlers Worte immer dann denken, wenn meine Freundin mich mal wieder nötigt, mit ihr den "Bachelor" oder die "Bachelorette" zu gucken. Mit offenem Mund starre ich dann auf den Bildschirm und denke: "Noch ein Tiefpunkt und noch ein Tiefpunkt, und dann gibt's noch mal 'nen niedrigeren Tiefpunkt." Ein Dreiklang, der auch die aktuelle Staffel wieder treffend umschreibt. 

"Die Bachelorette": dass es sowas noch gibt!

Allein: Warum kann ich "diesen Scheißdreck" trotzdem ertragen, fühle mich sogar seltsam unterhalten von dem erbarmungswürdigen Gebalze? Und warum geht es einigen meiner Freunde, die einer geheimen Vorliebe für Trash-TV ansonsten gänzlich unverdächtig sind, ähnlich? Was macht die perverse Faszination der "Bachelorette" aus?

Zum einen: dass es so eine Sendung überhaupt noch geben kann! Wahnsinn. Ich bin in den 90ern aufgewachsen, als der Hedonismus noch die härteste Währung war, als alles versext war und jedes Tabu gebrochen wurde – mit einer Hemmungslosigkeit, die viele nicht mal mehr ahnen. Was früher noch normal war, ist heute längst tabu.

Umso mehr wundert es mich, dass die "Bachelorette" niemanden schockt in dieser Zeit, in der ganz andere gesellschaftliche Normen und Werte als damals gepredigt werden, in der grundsätzlich das Gegenteil jeglichen Exzesses als die bessere Lösung gilt, und in der noch der kleinste Furz das Ausmaß eines Shitstorms annehmen kann.

Ausgerechnet in dieser Ära schafft es die "Bachelorette", das Niveau auf immer noch einen tieferen Tiefpunkt herunterzuschrauben – und das wohlgemerkt in der Primetime bei RTL, wo die Tiefpunkte traditionell noch ein bisschen tiefer liegen als gewöhnlich. Ausgerechnet in dieser Ära befeuert "Die Bachelorette" die allerschlimmsten Klischees zwischen Männern und Frauen seit der Blütezeit von Mario Barth.

Die Frage, die sich also zwangsläufig stellt: Wo bleibt der Aufschrei?

Die Antwort liegt so nah, dass man fast nicht darauf kommen könnte: Alles an dieser Show wirkt so unfassbar verlogen und so abgrundtief dumm, dass es einfach ausgeschlossen ist, sich ernsthaft darüber zu echauffieren. Schließlich reden wir hier über eine Sendung, in der eingeölte Männer in der griechischen Mittagssonne um ein "Einzeldate" mit ihrer Angebeteten ringen; und in der ein Mann in der Kandidaten-Villa zur Witzfigur der Truppe wird, weil er gerne mal feucht durchwischt – und sich das Verständnis der Kollegen für diesen Putzfimmel höchstens in Sätzen äußert wie: "Wir haben halt keine Frau hier, die das macht, was sollen wir denn machen?"

Was will uns all die geballte Falschheit sagen?

Besonders witzig wird es immer dann, wenn Kandidaten mit gedämpfter Stimme über ihre Motivation sprechen, warum sie an der Sause teilnehmen. Dann faseln sie von ihrer Suche nach der großen Liebe oder wenigstens einer festen Beziehung und versuchen so auf bemitleidenswert vergebliche Weise zu vertuschen, dass es hier am Ende des Tages wirklich einzig und allein ums Ficken geht. Diese Bekenntnisse wirken jedes Mal aufs Neue wie der scheinheilige Versuch aller Beteiligten, von der völligen Reduzierung auf Oberfläche und Äußerlichkeiten abzulenken.

Und trotzdem erzählt uns all die geballte Falschheit, die den Bachelor wie die Bachelorette zu einem aberwitzigen Anachronismus machen, viel mehr über die Zeit, in der wir leben, als wir auf den ersten Blick vielleicht glauben wollen. 

Denn bei allen Ansprüchen und aller Nachhaltigkeit,die wir inzwischen in so vielen Bereichen unseres Lebens an den Tag legen: In der Liebe sind wir immer noch Höhlenmenschen. Wenn jeder tindert und sich Wochenende für Wochenende aus dem Angebot potenzieller Bettpartner bedient wie aus dem Supermarktregal, ohne sich jemals festlegen zu wollen oder zu können, dann ist "Die Bachelorette" als Showkonzept zwar immer noch eine riesige Verarsche, aber auch ein Spiegel des urbanen Single-Lebens.

Dann kann es einer 32-jährigen Berlinerin wie der aktuellen Bachelorette Nadine schon mal passieren, dass sie aus Verzweiflung ins Fernsehen flüchtet. Die Männer in der Hauptstadt würden sich einfach nicht für eine feste Beziehung interessieren, klagt sie. Vielleicht hofft auch sie auf einen wahren Kern inmitten aller geskripteten Verlogenheit: Dem Vernehmen nach waren die Protagonisten einer der letzten Staffeln, Bachelor Sebastian und seine Auserwählte Clea-Lacy, im Anschluss an die Aufzeichnung tatsächlich im echten Leben ein Paar.

Ein bisschen Mut für alle Verzweifelten

Ein Beispiel, das allen Verzweifelten ein bisschen Mut machen sollte. Wenn nichts mehr hilft, hilft vielleicht die Bewerbung beim Bachelor oder der Bachelorette. Hat sich Nadine wahrscheinlich auch gedacht. Die Hoffnung stirbt zuletzt. 

Vor ein paar Wochen haben Sebastian und Clea-Lacy übrigens ihre Trennung bekanntgegeben. Da war die aktuelle Staffel längst abgedreht.

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