HOME

"Die Welle" reloaded: "Wir sind die Welle": Warum die neue Netflix-Serie einfach zu viel will

Mit "Wir sind die Welle" kommt der Stoff aus dem Jugendklassiker auch als Serie auf Netflix an – und wurde in einem gravierenden Punkt umgeschrieben. Statt faschistischem Schülerexperiment gibt es linke Guerillas. Kann das gut gehen?

Die Jugendlichen aus "Wir sind die Welle"

Der Roman "Die Welle" des US-amerikanischen Schriftstellers Morton Rhue ist eine der bekanntesten und beliebtesten Schullektüren Deutschlands. Die Verfilmung aus dem Jahre 2008 mit Jürgen Vogel als Lehrer, der das gefährliche Schülerexperiment anstößt, hat damals zweieinhalb Millionen Besucher in die deutschen Kinos gelockt. Elf Jahre später wagt sich auch Streaming-Riese Netflix an den Stoff. "Wir sind die Welle" beamt den Klassiker ins Jahr 2019. Der neue Mitschüler Tristan rekrutiert eine Gruppe Jugendlicher, die seinen Traum von einer Zukunft gegen das Establishment teilen. Tristan ist ein linksgrüner Traumprinz: Er setzt sich für gemobbte Schüler und die Umwelt ein, ist belesen, spricht Arabisch, spielt Klavier und sieht obendrein noch unglaublich gut aus. Er ist so perfekt, dass man beim Zuschauen fast peinlich berührt kichern muss. Allerdings hat er ein Geheimnis, das wir an dieser Stelle aus Spoiler-Gründen nicht verraten wollen.

Worum geht es in "Wir sind die Welle"?

Der Jugendklassiker "Die Welle" dient als Lehrstück für Faschismus, in dem das Experiment eines Lehrers seinen Schülern aufzeigen soll, mit welchen einfachen Methoden Menschen manipuliert werden können. In "Wir sind die Welle" wird die Story jedoch gedreht. Aus Faschos werden Linksextremisten.

Nach und nach formt Tristan eine Gruppe um sich: Lea, Zazie, Hagen und Rahim. Zusammen lehnen sie sich gegen den immer stärker werdenden Probleme wie Rassismus, Gentrifizierung, Sexismus, Umweltverschmutzung oder Massentierhaltung in ihrem Wohnort auf. Klimasünder und reiche Snobs bekommen ihr Fett weg. Der Aktivismus der fünf Jugendlichen bekommt schnell eine Eigendynamik.

Lohnt sich das Streamen?

Gleich in den ersten Minuten der ersten Folge ist aus dem Off zu hören: "Wie weit würdest du gehen? Für deine Freunde? Für deine Ideologien?" Das Autoren-Team lässt die Jugend zwar rebellieren – doch ein klares Zeichen setzt es damit nicht. Der Aufstand in der Provinz artet in Gewalt und Sachbeschädigung aus. Je größer die Gruppe wird, desto unberechenbarer wird sie.

Was wollen die Macher der Jugend mit "Wir sind die Welle" mit auf den Weg geben? Friedlicher Protest macht bereits seit dem Klimastreik von Greta Thunberg Welle und das auf der ganzen Welt. "Gewalt war noch nie die Lösung", sagt eine Lehrerin in der Serie. "Heiligt der Zweck die Mittel?" Die Frage wird bereits nach wenigen Folgen beantwortet, nachdem so einiges aus dem Ruder läuft.

"Wir sind die Welle" gelingt es nicht so richtig, die Positionen der Jugendlichen klar herauszuarbeiten. Manche der Figuren scheinen in ihren Entscheidungen sehr sprunghaft. Geht es ihnen wirklich um die Sache – oder haben sie einfach nur Bock auf Randale? Die Themen des Aufstands scheinen oft ohne klare Ideologie. Immer im Zentrum steht die Frage "Was machen wir als Nächstes?", als seien die Jugendlichen im Rausch. Die Autoren scheinen möglichst viele gesellschaftliche Probleme – die natürlich alle wichtig sind – in die sechs Folgen zu stopfen. Dadurch verliert die eigentlich so fortschrittliche Gruppe an Ernsthaftigkeit.

Vielleicht wäre es besser gewesen, sich stärkerr an der Buchvorlage zu orientieren und eine Serie über Jugendliche zu machen, die in den Rechtsradikalismus abdriften – das ist schließlich aktueller denn je.

def / SpotOnNews