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Netflix-Show Warum die Begegnung von Kanye West und David Letterman eine faszinierende Stunde Streaming ist

David Letterman und Kanye West
Gastgeber und Gast bei Netflix: David Letterman (l.) und Kanye West
© Netflix
Auf Netflix ist die zweite Staffel von David Lettermans Talkshow "My Next Guest Needs No Introduction" angelaufen. Highlight ist die Episode mit Kanye West.

Ja gut, es konnte nicht viel schiefgehen: David Letterman trifft Kanye West. Der inzwischen schwerstbärtige TV-Titan, der in seiner früheren Late-Night-Show einige seiner besten Gespräche mit Rap-Egomanen wie Jay-Z führte, trifft den nicht zu bändigenden Kamikaze-Kulturschaffenden, der sich in der Öffentlichkeit nur selten auf eine derart zivilisierte Gesprächssituation einlässt.

Und trotz der hohen Erwartungen ist die Kanye-Episode von "My Next Guest Needs No Introduction With David Letterman" eine ganz besonders faszinierende Stunde Streaming geworden, denn selten wurde das Phänomen Kanye, der Mensch und das Gesamtkunstwerk, so schonungslos beleuchtet, selten hat West selbst sich so bereitwillig entblößt.

Kanye West über Trump und #MeToo

Inhaltlich springt die Folge wie wild hin und her, was gut zum hibbeligen Gast passt, der im Gespräch stets so wirkt, als sei er gedanklich längst drei Ecken weiter gelaufen: Wir sehen Dave zu Besuch in Yeezys Mansion, wo er sich einkleiden lässt in die Klamotten aus Kanyes Linie; wir sehen Letterman als Gast beim spirituellen "Sunday Service" – einer Art musikalischen Gottesdienst, den Kanye zurzeit wöchentlich abhält; und die Themen im Talk reichen von Trump über geistige Gesundheit und #MeToo bis zur Kindererziehung, wobei der Gast, der keine Vorstellung braucht, sich an einigen Stellen in gewohnter Manier weit aus dem Fenster lehnt mit seinen Meinungen.

Aber wie immer bei Kanye West ist hier die Summe mehr als ihre einzelnen Teile, ähnlich wie in seinen musikalischen Produktionen: Es ist interessant, wie er seine Karriere analysiert, wie offen er über seine bipolare Störung spricht, wie er abermals versucht, seine Sympathiebekundungen für den aktuellen US-Präsidenten logisch zu rechtfertigen – aber es ist vor allem die unfassbare Vielschichtigkeit dieser Persönlichkeit, die schier sprachlos macht. Der Typ ist in jeder Hinsicht nicht zu fassen.

Man kann von seiner Musik, seiner Mode oder seinem großen Mundwerk halten, was man will, man kann ihn hassen für seine aufreizende Egomanie. Aber neben seinem künstlerischen Genie kann man Kanye West nicht absprechen, dass er als Querdenker eine Inspiration ist, dass es nur wenige öffentliche Personen gibt, die sich so hemmungslos aus ihrer Komfortzone hinausbewegen. 

Psychogramm eines Ausnahmekünstlers

Kanye denkt immer out of the box. Das macht Eindruck auf den nicht eben leicht zu begeisternden David Letterman, der West erfrischenderweise trotzdem immer wieder streng widerspricht, sobald der sich in seinen wilden Visionen zu verlieren scheint. So entsteht das packende Psychogramm eines Ausnahmekünstlers, der die Kunst des Polarisierens perfektioniert hat wie keiner vor ihm.

Kanye West sagt, er mag Leute, die extreme Versionen ihrer selbst sind. Er könnte es nicht bedingungsloser vorleben.


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