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Meinung

Songwriter-König: Von wegen "Perfect": Es tut mir leid, ich hasse Ed Sheeran

Egal, wo man sich zur Zeit aufhält – es gibt kein Entrinnen vor Ed Sheeran: Seine Musik ist ÜBERALL. Und wenn man ihn gerade nicht singen hört, grinst er einen verlegen aus irgendeiner Zeitung an. Einige mögen das charmant finden, aber unsere Autorin bekommt davon ernsthafte Aggressionen.

Ed Sheeran

Egal wie sehr man es versucht, man kommt zur Zeit nicht um Ed Sheeran herum

Picture Alliance

Zu sagen, dass man irgendwie nicht leiden kann, hat den gleichen Effekt, als würde man jemanden darüber informieren, dass man soeben einen Korb voller Kätzchen überfahren hat: Unverständnis, Kopfschütteln, Anzweifeln der Menschlichkeit und ein wenig unverhohlene Abneigung. "Aber wieso?", heißt es dann gerne. "Was kann man an ihm denn bitte kritisieren?" Nichts. Und genau das ist mein Problem.

Ed Sheeran ist der nette große Bruder von deiner besten Freundin aus der Schule, der immer, wenn ihr bei ihr wart und kichernd in der Küche irgendwelche Jungs auf schülerVZ gestalkt habt, reinkam, um sich in einer Xbox-Pause eine Cola aus dem Kühlschrank zu holen. Oder Orangensaft. Dabei hat er kurz so ein Lächeln mit zusammengepressten Lippen gelächelt, das eigentlich gar kein Lächeln ist, bevor er wieder in seinem Zimmer verschwand. Irgendwie war er nett und irgendwie hast du dich immer gefragt, wo er wohl seine Persönlichkeit gelassen hat. Und ob er Freunde hat. Und ob er wohl glücklich ist.

Ed Sheeran beim Deutschen Radiopreis 2012

Vielleicht ist es unfair, zur Untermalung meines Arguments dieses Foto von 2012 zu nutzen – aber sieht Ed Sheeran nicht aus, als wäre er eigentlich gerade mit Kumpels Xbox spielen und hätte sich nur auf dem Weg zum Schokomilch und Chips holen verlaufen?

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Ed Sheeran sieht immer aus, als hätte er sich verlaufen

Auf jeden Fall hast du ihn dir nie als DEN Superstar vorgestellt, der reihenweise die Stadien füllt und alle fünf Minuten im Radio läuft. Deswegen sieht er auf dem roten Teppich auch immer irgendwie aus wie bestellt und nicht abgeholt. Es ist mir völlig egal, dass Ed Sheeran in Hoodie zu den renommiertesten Musikveranstaltungen weltweit geht. Meinetwegen könnte er da auch nackig auflaufen. Oder in Jogginghose und Feinrippunterhemd. Ehrlich. Was mich irritiert, ist der Blick in Richtung Paparazzi, der uns irgendetwas zwischen "Bin ich hier richtig?" und "Der kleine Ed möchte bitte aus dem Kinderparadies abgeholt werden" sagen will. Der Mann ist seit 2011 nicht mehr aus dem Radio wegzudenken und tut trotzdem jedes Mal so, als wäre er eigentlich auf dem Weg nach Hause gewesen und irgendwie zu früh aus dem Bus ausgestiegen. Andere mögen das "charmant" und "bodenständig" nennen, mir geht es einfach nur tierisch auf den Senkel.

Das mag schwer zu verstehen sein, weil ich eigentlich keinerlei rationale Gründe dafür habe. Aber wenn ich höre, dass Ed Sheeran sich beide Arme gebrochen hat, als er auf dem Weg in den Pub in seinem Heimatdorf einen Fahrradunfall hatte, dann erfüllt mich das nicht mit Wärme und einem flauschigen Gefühl, dann nervt mich das. Und die Freundschaft zwischen Ed Sheeran und Taylor Swift finde ich nicht süß, sondern logisch, weil mir beide gleichermaßen auf die Eier gehen.

Ed Sheeran auf dem roten Teppich

Ed Sheeran auf dem roten Teppich ist so harmlos, dass ich Aggressionen bekomme

Picture Alliance

Kann er singen? Bestimmt. Finde ich seine Musik deshalb gut? NOPE.

Und all das handeln wir jetzt mal völlig unabhängig von der Tatsache, dass 80 Prozent seiner in mir eine völlig irrationale Rage auslöst. Ich KANN "Perfect" nicht mehr hören. Und wenn noch ein einziges Mal im Supermarkt "Shape of You" läuft, muss ich wohl oder übel meine gesamten Einkäufe fallen lassen und das Geschäft schnellstmöglich verlassen. Ansonsten kann ich für nichts garantieren. Und das liegt nicht einmal daran, dass ich dem lieben Ed seine Talente als Songschreiber absprechen will. Das kann er gut. Ändert aber nichts daran, dass ich es kacke finde.

Letztens fragte mich eine Freundin ganz aufgeregt, ob ich nicht mit ihr zum Ed-Sheeran-Konzert gehen will. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen. Nachdem ich mir schon die zwei Stunden Sam Smith live In concert mit jeder Menge Bier schön saufen musste, könnte mich an einem ganzen Sheeran-Abend nur eine harte Kopfnuss oder eine riesige Flasche Wodka vor dem unweigerlichen Tod-durch-Ohrenbluten retten.

Abgesehen davon, dass ich auf Instagram und Co. mit genug Videos der Veranstaltung beschallt wurde, um erstens ohnehin das Gefühl zu haben, ich wäre da gewesen, und zweitens zu wissen, dass das Konzert ja dann noch nicht einmal besonders gut ist. 80.000 Menschen stehen in der Hitze in einem Pferderennstadion und versuchen zwischen Handybildschirmen eine weit entfernte Bühne zu erspähen, von der mit mäßig gutem Sound die Musik eines Mannes herüberschallt, der alleine versucht ein Lied rüberzubringen, was schon mit Band nicht so richtig geil war. Und dann tanzt auch noch keiner. Für das Geld kann ich mir den Abend auch anders ruinieren.

Und dann bekommt er auch noch von allen Seiten Lob, weil es bei dem besonders heißen Konzert in Hamburg umsonst Wasser gab. Meeeensch, heißt es dann, der Ed wieder, so bodenständig, so cool, so nett. Dabei ist das doch völlig selbstverständlich. Das ist nicht meeegaa sweeeet von Ed, sondern ein Muss – allein schon, weil man sich die Ausmaße des Shitstorms gar nicht ausmalen will, würden da reihenweise die blümchengeschmückten 'Sheerios' (offizieller Name der Sheeran-Fans, kein Mist!) umkippen, weil Schunkeln bei 85 Grad Celsius eben doch aufs Gemüt schlägt.

Ist Ed Sheeran ein netter Kerl? Bestimmt. Habe ich, abgesehen von einer generellen Abneigung gegen seine Musik, gute Gründe, ihn nicht zu mögen? Nein. Und doch hasse ich ihn dafür, dass man ihn irgendwie nicht hassen kann. Isso.

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