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25. Todestag: Die letzte Ikone des Rock'n'Roll – wie Kurt Cobain eine ganze Generation getröstet hat

Auf den Tag genau vor 25 Jahren fiel der Schuss, der bis heute nachhallt: Kurt Cobain, Kopf der Grunge-Band Nirvana, setzte seinem Leben ein Ende. Schon bald wird er länger tot sein, als er gelebt hat – und doch wird seine Präsenz nie nachlassen.

Kurt Cobain

Traurige Augen: Der Weltschmerz des Kurt Cobain war Balsam auf die Wunden seiner Generation

Picture Alliance

Mein Kumpel Raphael und ich, wir waren wütende Jungs. Es waren die ganz frühen Neunziger und wir waren elf, zwölf Jahre alt, als Kurt Cobain der König der Welt wurde. Nirvana hatten gerade ihr zweites Album "Nevermind" veröffentlicht. Raphael und ich, wir verstanden noch nicht genau, was diese Grunge-Typen aus Seattle uns eigentlich sagen wollten. Aber wir wussten, dass sie recht hatten.

Und nicht nur wir wussten das. Alle Mädchen und Jungs in unserem Alter wussten das, rund um die Welt. Wir alle hatten unsere ersten musikalischen Erfahrungen mit David Hasselhoff, Bon Jovi oder Roxette gemacht, aber mit Nirvana bekamen wir plötzlich eine Ahnung, wozu Musik wirklich in der Lage war, dass sie nämlich unsere Teenagerdepression tatsächlich zu heilen vermochte, solange wir sie nur laut genug aufdrehten.

Kurt Cobain: Wir fühlten uns von ihm verstanden

Raphael und ich, wir waren wütende Jungs, und in den nächsten Jahren mussten wir nur Nirvana (na gut, zwischendurch auch mal Pearl Jam, Alice in Chains, Suicidal Tendencies, Soundgarden, Metallica, Body Count, Slayer und Sick Of It All, aber vor allem immer wieder Nirvana) hören, schon waren wir ein bisschen weniger wütend. Denn spätestens mit 14, 15 Jahren, als wir Kurt Cobains Wut verstanden hatten, fühlten wir uns von ihm verstanden.

So funktionierte der Deal einer ganzen Generation mit Cobain: Sein Weltschmerz war Balsam auf unsere Wunden. Und dieser Weltschmerz eroberte den Globus in Symbolen, die sich für immer in unsere Gedächtnisse gebrannt haben: das Smiley-Shirt; das Baby auf dem "Nevermind"-Cover; Kurt, wie er sich auf einem Bandfoto prophetisch das Gewehr in den Mund steckt; Kurt beim Reading Festival im Rollstuhl; "MTV Unplugged in New York"; und so weiter und so weiter.

Kurt Cobain war die letzte Ikone, deren Bedeutung derart weit über das musikalische Vermächtnis hinausging. Gleichwohl er seine Verachtung für den geschäftlichen Teil seiner Karriere immer wie ein Schutzschild vor sich her trug, wurde ausgerechnet er zum größten Idol einer Ära, in der alles Oberfläche war, einer Ära, die längst vorbei ist und so nie wieder kommen wird: dem Zeitalter von MTV.

Die oben genannten Momente wären ohne das Musikfernsehen, das sich in den Neunzigern auf dem Höhepunkt seiner kulturellen Relevanz befand, aber auch ohne Musikmagazine und ohne die damalige Überhöhung von Rock- und Popstars nicht denkbar. Heute spielen diese Dinge kaum noch eine Rolle. Man könnte auch behaupten: Wir haben andere Sorgen. Aber das stimmt natürlich so auch wieder nicht.

Denn die Sorgen, die Wut und die Traurigkeit, gegen die Kurt Cobain verzweifelt angesungen hat, sind zeitlos, und sie sind die Geißel jeder nachwachsenden Generation orientierungsloser Kids. Die Gesellschaft mag sich seit 1991 rasant verändert haben, aber nicht unsere Gefühle.

Nirvana: Trost für unsere Traumata

Und deshalb wird das Erbe des Kurt Cobain, dieses Letzten seiner Art, auch ewig bleiben. Denn es waren natürlich nicht nur seine Haltung und seine Gesten, sondern vor allem die Musik, die uns Trost für unsere Traumata spendete.

Man höre nur noch einmal die ersten Akkorde von "Smells Like Teen Spirit", wie klagend sie kratzen, bevor sie von Dave Grohls Drums zertrümmert werden, man höre den prallen Pop-Appeal des düsteren "Come As You Are", man höre die gleichzeitig dreckige und glasklare Produktion einer Platte wie "Nevermind", man höre Cobains rotzige Riffs, Grohls atemberaubend-kraftvolles Schlagzeugspiel und den bedröhnten Bass von Krist Novoselic: Nirvana waren, ganz abgesehen vom unsterblichen Hype, in ihrer Bedingungslosigkeit eine der besten Rockbands aller Zeiten.

Der Schuss aus der Schrotflinte in den Kopf des damals 27-Jährigen hallt bis heute nach. Schon bald wird Kurt Cobain länger tot sein, als er überhaupt auf der Welt war, aber als Lebensretter unserer Jugend wird er trotzdem immer präsent bleiben, für meinen Kumpel Raphael, für mich. Und nicht nur für uns. Auch für alle Männer und Frauen in unserem Alter, rund um die Welt. Und für alle Mädchen und Jungs, die nach uns kommen.