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"The Dirt": Mötley Crüe: Netflix setzt der versautesten Rockband aller Zeiten ein Denkmal

Flasche auf, Gehirn aus, Film ab: Seit den 80ern beweisen Mötley Crüe, dass eine Band auch ohne gute Songs zur Legende werden kann – wenn sie nur ihren selbstzerstörerischen Mythos aus Sex und Drogen hegt und pflegt. Jetzt könnt ihr die berüchtigte Bandbiografie streamen.

The Dirt über Mötley Crüe

Eines vorweg: Ich habe "The Dirt" mit meiner Freundin gesehen. Sie ist die stärkste Frau, die ich kenne, sie lässt sich nichts gefallen und hat bei Sexismus und sonstigen Dummheiten eine ziemlich kurze Zündschnur. Trotzdem fand sie den Film "geil". Weshalb wir die Diskussion, ob die Welt ein Biopic über Mötley Crüe in Zeiten von #MeToo braucht, an dieser Stelle gleich beenden können.

Denn streng genommen hat die Welt diese Band noch nie gebraucht: Mötley Crüe waren in der Glam-Metal-Szene Los Angeles in den 80ern zwar eine der großen Nummern, nur Guns N' Roses wurden noch erfolgreicher. Aber eigentlich beweisen Vince Neil, Nikki Sixx, Mick Mars und Tommy Lee seit damals vor allem, dass eine Band auch ohne gute Songs zur Rocklegende werden (und über 50 Millionen Platten verkaufen) kann – wenn sie nur ihren selbstzerstörerischen Mythos aus Sex und Drogen hegt und pflegt.

"The Dirt" über Mötley Crüe: Platz-1-Bestseller

Besonders gut gelungen ist ihnen diese Fortschreibung des Stadiums der eigenen Bedeutungsschwangerschaft dank der 2001 veröffentlichten Bandbiografie: Für "The Dirt" taten sie sich mit Rockbiograf Neil Strauss zusammen, der vorher bereits das Leben von Marilyn Manson massenwirksam aufgeschrieben hatte und hinterher jenes von Pornostar Jenna Jameson.

Den größten Erfolg hatte Strauss aber mit der Geschichte der Glamrock-Gockel vom Sunset Strip. Über zehn Wochen stand das Buch vor 18 Jahren auf Platz 1 der Bestsellerliste, und trotzdem dauerte es fast zwei Jahrzehnte, bis dieses potenzielle Kinogold tatsächlich verfilmt wurde – "The Dirt" ist am Freitag auf Netflix angelaufen und lässt sich am besten nach dem gleichen Motto konsumieren wie die Mucke von Mötley Crüe: Flasche auf, Gehirn aus!

The Dirt über Mötley Crüe

Und dann funktioniert der Film tatsächlich so gut wie "Smokin' In The Boys' Room", "Home Sweet Home" und andere Mötley-Hits, mit denen man beim Luftgitarren-Karaoke noch heute ganz weit vorne liegt: Sie machen einfach Spaß, obwohl, nein, gerade weil sie jede intellektuelle Meßlatte mit spielerischer Leichtigkeit reißen.

Dramaturgisch gibt die Historie der wohl versautesten Band aller Zeiten eben eine Menge her: Neben obligatorischen Partyexzessen und Schweinerockshows sorgt der von Vince Neil verursachte Unfalltod eines befreundeten Drummers ebenso für düstere Momente wie das Krebsschicksal von Neils kleiner Tochter und der damals vorschnell vom Fernsehen vermeldete vermeintliche Exitus von Nikki Sixx infolge einer Überdosis Heroin.

Dazwischen wird gesoffen, geprügelt und das Kokain vom Groupie-Hintern geschnupft – alles wirkt auf eine derart groteske Art und Weise überzeichnet und aus der Zeit gefallen, dass man kaum glauben kann, dass sich der ganze Wahnsinn erst vor rund 30 Jahren tatsächlich so ähnlich abgespielt haben soll. Erst recht, wenn man sich die glattgeleckte Oberfläche des heutigen Sunset Strips in letzter Zeit mal angesehen hat.

So richtig genau haben es Regisseur Jeff Tremaine ("Jackass"), Drehbuchautor Tom Kapinos ("Californication") und die produzierenden Originalmitglieder der Mötley Crüe mit so mancher Wahrheit und zeitlicher Abfolge wohl aus Gründen erzählerischer Dichte zwar nicht genommen – andererseits leisten sie sich dann doch keinen musikhistorischen Aberwitz wie die Macher von "Bohemian Rhapsody", die Queen ihren ewigen Stampfer "We Will Rock You" im Film allen Ernstes in den 80ern schreiben lassen.

Mötley Crüe meets "Stranger Things"

Und so sind es am Ende die vier Hauptdarsteller, deren schön-schräge Performances von viel Eyeliner unterstrichen werden: Wie ihre realen Vorbilder sollen Douglas Booth (als Nikki Sixx), Daniel Webber (Vince Neil), Iwan Rheon (Mick Mars) und der unter dem Künstlernamen Machine Gun Kelly besser als Rapper bekannte Colson Baker (Tommy Lee) zur professionellen Vorbereitung auf den Dreh regelmäßig zusammen gefeiert haben. Ihrer glaubwürdigen Harmonie untereinander hat das offensichtlich gutgetan.

Fast zeitgleich zu "The Dirt" ist dieser Tage der Trailer zur dritten Staffel von "Stranger Things" veröffentlicht worden, in dem Musik von Mötley Crüe zu hören ist. Irgendwie schließt sich da ein Kreis: Eine Band, deren Look und Story anno 2019 fast wie Science Fiction anmutet, liefert den Soundtrack zu einem weiteren übernatürlichen Nostalgiespektakel. Und the strangest thing ist ohnehin, dass alle Mitglieder von Mötley Crüe heute noch am Leben sind.

Collage aus zwei Standbildern aus Filmen.