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Indie-Rock-Ikone: Pete Doherty feiert 40. Geburtstag: Analoger Typ in einer digitalen Welt

Wahrscheinlich hat er zwischendurch selbst nicht mehr damit gerechnet, aber Pete Doherty wird heute tatsächlich 40 Jahre alt. Noch immer wird er von vielen als überschätzter Junkie wahrgenommen. Anderen bedeutet seine Musik seit bald 20 Jahren die Welt. So wie unserem Autor.

Pete Doherty

Bierdusche: Pete Doherty feiert heute seinen 40. Geburtstag

Picture Alliance

Unsere Eltern waren wilder als wir. Den Eindruck kann man zumindest bekommen, wenn wir uns ihre Geschichten anhören mussten, wie sie das gute Koks im Studio 54 geschnupft oder die Rolling Stones in irgendeinem Kellerclub erlebt haben. Dagegen konnten wir ja nur als Spießer enden.

Es sei denn, wir haben uns an Pete Doherty gehalten. "Der ist doch nur ein überschätzter Junkie", sagen die, die es nicht getan haben. Sie verbinden mit ihm höchstens Drogenmissbrauch, schrammelige Gitarren und Boulevardberichte über seine verblichene Beziehung mit Kate Moss. Wie falsch diese Leute liegen! Denn wir, die ihn lieben, verbinden mit ihm rauschhafte Konzerte, schrammelige Gitarren und Hymnen für die Ewigkeit.

Pete Doherty: Heroin und Haftstrafen

2002 tauchte er mit den Libertines plötzlich auf in einer Indie-Rock-Szene, die im Begriff war zu explodieren. Die Band war aufgrund der toxischen Beziehung zwischen Doherty und seinem kongenialen Partner Carl Barat von Anfang an dem Untergang geweiht, weshalb sie auf die Schnelle zwei legendäre Alben veröffentlichte, bevor sie 2004 folgerichtig implodierte. In Erinnerung blieben Anekdoten von Heroinexzessen, Haftstrafen und Hedonismus der selbstzerstörerischen Art.

Aber vor allem die Musik. Keine Band ihrer Generation mischte die Gefahr des Rock'n'Roll so mitreißend mit einer Melancholie, die gleichermaßen angepisst und anmutig daherkam. Die Libertines schrieben schmutzige, kleine Hymnen, die das Streaming-Zeitalter überdauern werden. "Is it cruel or kind / Not to speak my mind / And to lie to you / Rather than hurt you", klagten sie in "Music When The Lights Go Out" und noch heute öffnet zu diesen Klängen jeder Himmel seine Schleusen. 

Die Libertines schossen aus der Hüfte und trafen ins Herz. Nach ihrer Trennung gelang es Doherty, diese Mentalität auf seine folgenden Projekte zu übertragen. Sein Babyshambles-Album "Down In Albion" ist das dreckigste und herzzerfetzendste Gitarrenalbum der Nullerjahre, mit seinen Soloplatten als Peter zementierte er seine Weiterentwicklung zum schummrigen Bar-Poeten, einer Art Oscar Wilde mit kaputter Klampfe.

Sein Lebensstil machte ihm immer wieder zu schaffen, das war nur schwer zu übersehen, aber – und das ist die größte Leistung seines künstlerischen Lebens: Sein Schaffen hat darunter nie gelitten. Seine Platten klingen immer mindestens gelungen und seine Konzerte, wenn er es denn bis auf die Bühne schafft, sind so intensiv und herzblutig, dass es die tiefgekühlten Kids der Insta-Generation kaum noch verarbeiten können. Pete ist ein analoger Typ in einer digitalen Welt, damit muss man erstmal klarkommen.

Utopie von Liebe & Rock'n'Roll

Als Troubadour hätte er damit besser in die Generation unserer Eltern gepasst, sein musikalisches Genie hätte es locker mit den damaligen Größen aufnehmen können. Umso dankbarer sind wir, dass wir ihn für uns haben. Dass wir uns in diesen unsicheren Zeiten immer noch an ihn und seine Utopie von Liebe von Rock'n'Roll halten können.

Jetzt feiert Pete Doherty tatsächlich seinen 40. Geburtstag. Wir wünschen ihm nur das Beste, erst recht, da die Zeiten, in denen man sich allzu sehr um ihn sorgen musste, endlich vorüber zu sein scheinen. In diesem Sinne: Auf die nächsten 40! Damit wir unseren Kindern später erzählen können, wie wir ihn damals in irgendeinem Kellerclub erlebt haben. Sie werden denken, dass sie dagegen ja nur als Spießer enden können.

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