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"Leaving Neverland": "Das einzige Opfer ist Michael Jackson" – was seine Fans an der neuen Doku kritisieren

In der umstrittenen TV-Doku "Leaving Neverland" werden schwere Vorwürfe gegen Michael Jackson erhoben. Doch auch zehn Jahre nach seinem Tod hat der "King of Pop" noch eine große Fangemeinde. Und die kämpft mit aller Macht um das Ansehen ihres Helden.

Fans von Michael Jackson demonstrieren in den Niederlanden gegen die umstrittene TV-Dokumentation über ihren Helden

Fans von Michael Jackson demonstrieren vor der Zentrale des öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Niederlande gegen die umstrittene TV-Dokumentation über ihren Helden

Picture Alliance

Michael Jackson war ein Megastar, wie es ihn heute gar nicht mehr gibt. Welch immense Strahlkraft er für Millionen Fans weltweit hatte, zeigte unter anderem ein Konzert in Bukarest 1992, das kürzlich auf seinem Youtube-Kanal veröffentlicht wurde. (Lesen Sie hier mehr dazu) Auch zehn Jahre nach seinem Tod hat der "King of Pop" überall auf der Welt noch zahllose Anhänger. Nicht wenige davon finden, ihr Held werde gerade Opfer einer Verleumdungskampagne – und sie setzen sich dagegen zur Wehr.

In der TV-Dokumentation "Leaving Neverland" des US-Senders HBO beschuldigen Wade Robson und James Safechuck den Popstar, sie in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren sexuell missbraucht zu haben. In dem insgesamt vierstündigen Zweiteiler berichten die beiden, in der fraglichen Zeit zwischen sieben und 14 Jahren alt, wie sie Jackson kennenlernten, mit ihm immer mehr Zeit verbrachten und schließlich der sexuelle Missbrauch begann. Die Doku hat ein immenses weltweites Echo ausgelöst, mehrere Radiosender wollen keine Jackson-Songs mehr spielen, die Simpsons-Macher verbannen die Folge mit seinem Gastauftritt.

Michael-Jackson-Fans kämpfen für ihren Helden

Viele Fans und Anhänger von Jackson wollen das nicht hinnehmen und kämpfen an mehreren Fronten gegen die Anschuldigungen. Zunächst versuchten die Erben Jacksons die Ausstrahlung der Doku mit einer 100-Millionen-Dollar-Klage gegen HBO zu verhindern, erfolglos. Nun kämpfen seine Fans auf den Straßen und im Internet weiter. In London und dem niederländischen Hilversum etwa demonstrierten Anhänger mit "Innocent"-Plakaten (engl. für "unschuldig") vor den TV-Sendern, die die Doku ausstrahlen. Ebenfalls in London fahren Busse durch die Straßen, auf denen "Innocent" und "Facts don't lie. People do." steht (engl. für "Fakten lügen nicht, Menschen tun es"), dazu das Gesicht des toten Popstars.

Im Netz gibt es etwa den Twitter-Account "The Michael Jackson Innocent Project", der in geradezu propagandistischer Manier die "Lügen" der beiden Protagonisten zu entlarven glaubt und sie teilweise direkt attackiert und verunglimpft. Auch die Londoner Busplakate haben ihre eigene Webseite, die jedoch deutlich weniger aggressiv wirkt. "Wir glauben, die Anschuldigungen gegen Michael Jackson sind falsch und hier werden wir erklären, warum", heißt es dort deutlich diplomatischer.

Anschließend zählen die Macher "Fakten" auf, die ihrer Meinung nach dafür sprechen, dass die beiden Männer aus der Doku die Unwahrheit sagen. Ihr Hauptkritikpunkt: Robson und Safechuck hätten in der Vergangenheit unter Eid geschworen, niemals von Jackson missbraucht worden zu sein. Das stimmt so auch. Safechuck hat als Jugendlicher eine entsprechende Erklärung abgegeben, Robson war einer der wichtigsten Entlastungszeugen im Prozess um angeblichen Kindesmissbrauch gegen Michael Jackson 2005. Vor Gericht und in zahlreichen Interviews, etwa bei Jimmy Kimmel, beteuerte der damals bereits erwachsene Robson, oft in einem Bett mit Jackson übernachtet zu haben und nie sei dabei etwas passiert. Er änderte seine Version der Ereignisse 2013, Safechuck 2014. Für die Anhänger ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass beide lügen. Allerdings zeigen viele andere Fälle, dass Opfer von sexueller Gewalt oft Jahre brauchen, um zu verarbeiten, was ihnen passiert ist und um darüber sprechen zu können.

Die Fans sehen darin jedoch nur den Versuch der beiden, Geld mit den Anschuldigungen zu verdienen. Zahlreiche "Ungereimtheiten, Widersprüche und direkte Lügen" würden belegen, dass "das einzige Opfer hier Michael Jackson ist".

Doku "Leaving Neverland" sei zu einseitig

Wie schon die Familie Jacksons kritisieren auch zahlreiche seiner Fans die HBO-Doku als zu einseitig. Schließlich kommen nur die beiden Männer mit ihren Anschuldigungen zu Wort, diese seien zudem gar nicht überprüft worden. Regisseur Dan Reed verteidigte sich dagegen, Michael Jackson sei tot und seine Familie könne nichts Relevantes zu den Anschuldigungen sagen. Daher kämen sie nicht in seiner Doku vor. Michael Jackson sei der Beschuldigte und seine Verteidigungen habe er eingebaut. Zudem gebe es zahlreiche Beweise aus früheren Ermittlungen, die die Anschuldigungen stützen würden, so der Regisseur.

Jackson war 1993 und 2003 jeweils von einem Teenager beschuldigt worden, ihn sexuell missbraucht zu haben. Der erste Fall von 1993 endete in einem außergerichtlichen Vergleich. Jackson zahlte der Familie und den Anwälten mehr als 20 Millionen Dollar. Anfang des Jahrtausends wurde Jackson in einem spektakulären monatelangen Prozess in allen Anklagepunkten freigesprochen, auch mit der Hilfe von Wade Robson. Harte Beweise gegen Jackson gab es nie, lediglich die Aussagen der beiden Jugendlichen und einiger seiner Angestellten. Letztere hatten ihre Geschichten jedoch teilweise für hohe Honorare an Klatschblätter verkauft.

Die Doku und der unlösbare Zwiespalt

Der Film "Leaving Neverland" liefert tatsächlich keine neuen Beweise und sticht in einen unlösbaren Zwiespalt: Auf der einen Seite steht die Unschuldsvermutung, die selbstverständlich auch für Michael Jackson gilt, bis ihm etwas anderes bewiesen wird. Auf der anderen Seite haben wir zwei Menschen, die sagen, sie seien Opfer sexueller Gewalt geworden. Und Opfern sollte man grundsätzlich Gehör und Vertrauen schenken, wenn sie den Mut aufbringen, sich zu äußern. Beidem gleichzeitig kann man aber nicht gerecht werden.

In Jacksons Fall kommt erschwerend hinzu, dass er tot ist und sich nicht verteidigen kann und obendrein 2005 in einem ähnlichen Fall in allen Anklagepunkten freigesprochen wurde. Ein Gericht hat ihm also offiziell seine Unschuld bescheinigt. Auch das FBI hatte immer wieder gegen ihn ermittelt und fand dabei keinen Beweis für den sexuellen Missbrauch von Kindern, wie aus seiner veröffentlichten Akte hervorgeht. Die ehemaligen Kinderstars Corey Feldman und Macaulay Culkin – beide in jungen Jahren in ähnlich engem Kontakt mit Michael Jackson wie die beiden Beschuldiger – verteidigen ihn ebenfalls seit Jahren vehement gegen die Anschuldigungen.

Die Vorwürfe von Robson und Safechuck ändern nichts an dieser Gemengelage, weil sie nicht neu sind. Beide haben vor fünf respektive sechs Jahren Zivilklagen gegen den Nachlass von Jackson eingereicht und verlangen finanzielle Entschädigungen. 2017 wurden beide Klagen zuletzt abgewiesen. Die Firmen, die das Erbe verwalten, seien nicht haftbar für Jacksons Taten, so die Begründung. Einige Aussagen seien zudem widersprüchlich. Mit dem Fall wird sich also aller Voraussicht nach kein Gericht mehr beschäftigen. Die Schuld oder Unschuld von Michael Jackson wird daher wohl niemals ganz sicher geklärt werden.

Quellen: Federal Bureau of Investigation / "Independent" / CNN / "Vulture" / "Oxygen" / "mjinnocent.com" / Twitter / Youtube 

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