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Interview

Erstes Solo-Album "Post Traumatic": Linkin Parks Mike Shinoda nach Tod von Chester Bennington: "Alles war sehr düster"

Linkin-Park-Frontmann Mike Shinoda verarbeitet in seinem Soloalbum "Post Traumatic" den überraschenden Freitod seines engen Vertrauten und Bandkollegen Chester Bennington. Mit NEON sprach er über die Zeit nach Chesters Tod und die therapeutische Kraft der Musik. 

Mike Shinoda

Am 15. Juni 2018 erscheint Mike Shinoda's Solo Album "Post Traumatic"

Getty Images

Fast ein Jahr ist es her, dass sich Linkin-Park-Frontmann Chester Bennington im Sommer 2017 das Leben nahm. Und auch wenn seine Depressionen zumindest im engeren Kreis um den Sänger kein Geheimnis waren, so kam der plötzliche Tod des Familienvaters doch überraschend. Weltweit nahmen Millionen Fans Anteil. 

Am 15. Juni erscheint nun Shinodas Solo-Album "Post Traumatic". In den 16 Songs verarbeitet er den Tod seines Band-Kollegen und engen Vertrauten. Die Texte sind teilweise so persönlich, dass es sich beinahe falsch anfühlt, sie sich anzuhören. So als würde man heimlich in Shinodas Tagebuch stöbern. Im Gespräch mit NEON verrät er, dass genau das seine Intention war. Ein autobiographisches Album zu schreiben, in dem er seinen eigenen Schmerz mit den Fans teilt, um somit irgendwie den Prozess der Heilung zu beginnen. 

Chester Bennington und Mike Shinoda

Chester Bennington (✝) und Mike Shinoda bei einem Auftritt in London. Mit Linkin Park wurden sie 1996 berühmt, und feierten bis zu Chesters Tod weiterhin riesige Erfolge.

Picture Alliance

NEON: Mike, erstmal Herzlichen Glückwunsch zum Album! Wir durften schon mal reinhören und es ist toll geworden.

Mike Shinoda: Vielen Dank!

Es wirkt, als hättest du "Over again" am Tag des "Celebrate Life"-Konzerts, dem Tribute-Konzert für Chester im Oktober nach Chesters Tod, geschrieben. Stimmt das? 

Ja, das ist wahr.

Im Lied beschreibst du deine Unsicherheit bezüglich des Auftritts. War es schlussendlich wirklich so schwer, wie du es befürchtet hattest?

Ich war darauf vorbereitet, dass es nicht leicht werden würde. Ich glaube, letztlich war es genau so, wie ich es vorher schon erwartet hatte: Sehr schwer. Die Sache mit dem Album ist die: Als ich angefangen habe, die Songs zu schreiben, war das sehr therapeutisch für mich. Und ich habe es mir damals zur Aufgabe gemacht, die Dinge genau dann aufzuschreiben, als sie passierten. 

Während ich "Watching As I Fall" schrieb, stellte ich fest, dass es mir sehr half, die Dinge so aufzuschreiben, wie ich sie in dem Moment fühlte. So als würde ich aus meinem Körper heraustreten und alles mit ein bisschen mehr Distanz betrachten. Es fühlte sich wie ein Tagebuch an, wie eine Autobiographie. Und am Anfang war alles sehr dunkel und fühlte sich sehr düster an und je mehr Tage ins Land gingen, desto ... ich will nicht sagen, dass es leichter wurde, denn es war nicht leicht, aber zumindest war es nicht mehr so trüb. Irgendwie besser.  

Ich stelle mir das sehr reinigend und erlösend vor, wenn man seine düstersten Gedanken vom Körper lösen und auf Papier bringen kann, um dann etwas Schönes daraus zu machen.

Ich habe so viel geschrieben, was sehr persönlich war und es in den Songs verarbeitet. Und ich habe immer gedacht: "Wenn mir das zu viel wird, dann kann ich es immer noch wieder rausnehmen." Aber das ist nicht passiert. Ich habe alles drin gelassen. Und bin damit sehr weit gegangen. 

Ich tendiere dazu, sehr organisiert zu sein und sehr analytisch zu denken, auch wenn ich Songs schreibe. Und dieses Album ist definitiv das am wenigsten Analytische, was ich je geschrieben habe. Es war sehr spontan und viele der Dinge mussten einfach gesagt werden, oder Geräusche mussten einfach da sein. Selbst die Menschen, die mit an den Songs gearbeitet haben, waren nicht lange vorher dafür eingeplant. 

Also hast du einfach die gefragt, die sich gerade richtig anfühlten? 

Genau. Und selbst bei den Videos haben wir so gearbeitet. Ich glaube die Idee für das Video zu "Crossing a Line" hatte ich an einem Montag. Und am Dienstag waren wir auf der Straße und haben es gefilmt. Ich hatte keine Ahnung, wer es filmen sollte. Bis dahin hatte ich alle Videos mit meinem Handy aufgenommen. Und ich wollte, dass es mit meinen Anfängen und den Anfängen der Band zu tun hat. Also sind wir schlussendlich zum Sunset Boulevard gegangen, wo wir unsere ersten Auftritte hatten. 

45 Minuten vor Drehbeginn habe ich getweetet und den Fans geschrieben: "Leute, in einer Dreiviertelstunde werde ich da und da sein. Übrigens, es ist für einen neuen Song und übrigens es wird ein neues Album geben." Alle waren überrascht. Es ist toll, solche Sachen so spontan entscheiden zu können. Mit Linkin Park sind diese Prozesse unendlich lang. Es ist eine riesige Maschine und alles ist genau berechnet. Wenn ich eine Idee hatte, musste ich zunächst fünf andere Leute davon überzeugen und dann wurde alles diskutiert und wenn irgendjemand irgendetwas doof fand, dann mussten wir uns darum kümmern und das sind einfach sehr viele Schritte. 

Ich weiß einfach, dass ich momentan mehr Autonomie brauche, um Sachen auch mal spontan entscheiden zu können. Einerseits, weil das wesentlich weniger stressig ist, aber auch weil wir das letzte Jahr alle sehr unterschiedlich erlebt haben. Ich will und kann nicht für alle sprechen. Meine Erfahrungen sind meine Erfahrungen. Und darum dreht sich eigentlich das ganze Album und alles drumherum. 

Das hört man. Das Album ist sehr emotional und gewährt wahnsinnig tiefe Einblicke. Hattest du nie Angst davor, im Grunde genommen vor der ganzen Welt dein Innerstes nach außen zu kehren?

Naja, ein bisschen mache ich das ja schon seit Jahren.

Ja, aber da hast du auch noch fünf andere Typen an deiner Seite gehabt.

Das stimmt. Das alles alleine zu machen, ist anders und gruselig. Aber was mich ermutigt hat, war die Überzeugung, dass es dringenden Bedarf für irgendeine Form von Kommunikation zwischen mir und den Fans gab. Sie fühlten sich verloren und wollten etwas von der Band hören, und ich dachte, es könnte für beide Seiten von Vorteil sein, wenn ich proaktiv rausgehe – auch wenn es anders und beängstigend ist. Ich wollte meine Gefühle und Gedanken mit ihnen teilen. 

Ich habe eine Frage zu "Place to Start". Am Ende sind Aufnahmen zu hören, die wie Voicemail-Nachrichten von deinen Freunden klingen. Und ich bin zwiegespalten. Auf der einen Seite fühlt es sich wie ein Danke an, dafür, dass sie Anteil nehmen, aber gleichzeitig klingt es auch, als habe die Menge der Nachrichten dich unter Druck gesetzt.

Wenn dir drei Nachrichten schon wie viel vorkommt…

Naja, ich gehe mal davon aus, dass es viele, viele mehr gab und die drei metaphorisch dafür stehen.

Ohne die Millionen von Nachrichten auf allen sozialen Kanälen mitzurechnen – also selbst wenn wir nur von Freunden und Familie und Bekannten reden – selbst dann komme ich schon auf hunderte, wenn nicht tausende Nachrichten. Lass es mich so erklären: Wenn jemand stirbt, führst du immer und immer wieder die gleiche Unterhaltung. Eine Art Kenntnisnahme dessen, was passiert ist. 

Jedes Mal, wenn du jemanden triffst, den du bislang noch nicht gesehen hast, wird diese Person sagen: "Oh Gott, mein Beileid, es tut mir so Leid" und so weiter. Diese Unterhaltung kannst du mit all den Personen multiplizieren, die du kennst. Und dann gibt es noch die Menschen, die du nicht mal wirklich kennst, die aber wissen, was passiert ist – und die werden diese Unterhaltung auch mit dir führen. Für mich war das so ziemlich jeder. 

Das heißt die Nachrichten am Ende sind kein Zeigefinger, der sagt: Das war mir alles zu viel. Sie sollen einfach nur erklären, wie die Situation vor einem Jahr war. Und wie ALLE meine Unterhaltungen aussahen. Denn selbst nach dieser ersten Unterhaltung kommen ja noch die "Wie geht es dir jetzt" und "Was willst du jetzt machen" und so weiter. Es nimmt kein Ende. Ich erinnere mich noch genau, wie ich Monate später zum ersten Mal auf Menschen traf, die irgendetwas in der Richtung "Hey, hast du das Basketballspiel gesehen?" sagten. Es war eine solche Erleichterung, endlich wieder normale Unterhaltungen führen zu können. 

Eine allerletzte Frage. Das Video zu Ghosts ist sehr, sagen wir mal: speziell. Ist das deine Kunst? Immerhin hast du einen Abschluss in Illustration.

(lacht) Das habe ich komplett in meinem Haus gedreht. Meine Frau hat einige der Figuren mit einer Angelschnur hochgehalten. In dem Song geht es nicht um Chester. Was ich damit erreichen wollte, ist etwas anderes. Es geht um Unterhaltungen, die ich im Laufe der Zeit mit Menschen über Geister und andere paranormale Vorkommnisse geführt habe. Natürlich kommen diese Unterhaltungen häufiger vor, wenn jemand stirbt.

Ich glaube nicht an Geister, aber es ist auch nicht so, als würde ich nicht an sie glauben. Ich habe keine bestimmte Meinung dazu und schaue es mir einfach an. Leute erzählten mir, dass sie etwas geträumt hätten, etwas total Verrücktes, aber sehr detailliert – und dann sei es am nächsten Tag genau so passiert. Oder jemand erzählte mir, er sei bei einem Medium gewesen. Also wollte ich einen Song über Geister und paranormale Dinge schreiben. Aber das ist gar nicht so einfach. Denn entweder es klingt am Ende total albern – oder man schafft es eben, diese ganz besondere Stimmung einzufangen. Und am Ende war ich tatsächlich sehr glücklich mit dem Song. 

Aber ich musste aufpassen, dass die Tonalität sehr vorsichtig eingeordnet wird. Deshalb wollte ich dem recht ernsten Song ein ganz offensichtlich nicht ernst gemeintes Video entgegensetzen. Deshalb die Sockenpuppen. Die hatten sogar Namen. Ich glaube, das Video hat die Message: Auch wenn einem etwas Schreckliches passiert ist, ist es völlig in Ordnung, Spaß zu haben. Man sollte sogar versuchen, Spaß zu haben. Und für jeden Moment dankbar sein, in dem man ein bisschen Spaß hat.