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Reportage der Woche

Festival in Hamburg: Zwischen Pogo und Pinkeln im Scheinwerferlicht: So war das Dockville 2018

2007 fand das MS Dockville in Hamburg zum ersten Mal statt. Damals noch mit rund 5000 Besuchern. Seitdem hat sich viel verändert – und die Besucherzahl hat sich verzwölffacht. Unsere Autorin war noch nie dort – eine Schande, fanden ihre Freunde. Also stürzte sie sich ins Getümmel. Ein Bericht.

Dockville 2018

Im Vorfeld hatten die Veranstalter mit knapp 60.000 Besuchern gerechnet

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"HEY", brüllt es mir hinterher. Ich drehe mich um. "Willst du die haben?", fragt mich ein leicht angetrunkener Kerl und hält mir ein blaues Käppi entgegen. "Wie viele Läuse sind da drin?", frage ich. "Zwei. Drei habe ich mir schon rausgenommen. Die letzten beiden darfst du behalten." Ein verdammt guter Deal. Ich nehme ihn an. Später werden meine Freundinnen allen erzählen, ich hätte das Käppi bei einem Flic-Flac-Wettbewerb gewonnen. Die Menschen, die mit uns in der Bahn zurück Richtung Hamburger Innenstadt fahren, sind beeindruckt. Richtig so.

Ich komme aus , war aber noch nie auf dem Dockville. Meine Freunde schwärmen allerdings seit Jahren von der tollen Stimmung, dem schönen Gelände und der guten Musik – also allerhöchste Zeit, mal herauszufinden, was es damit auf sich hat.

Einziger Haken: Ich muss vorher arbeiten und direkt aus dem Büro aufs Gelände. Kein Problem, denke ich mir, die knapp sieben Kilometer Anreise mit dem Fahrrad dürften den Kreislauf genug in Schwung bringen, um dann bis in die Nacht abzuhotten. Aber: Pustekuchen. "Könnten wir später mit der Bahn hin?", fragt meine Freundin am frühen Nachmittag. Sie habe sich gestern so verausgabt. Nun gut. Dann halt so.


Der Weg zum Festival ist so, wie Wege zu Festivals nun mal sind. Ziemlich voll, die beglitzerten Körper drängen sich in Bus und Bahn aneinander und irgendwer brüllt in regelmäßigen Abständen "EY, HAM WIR NOCH BIER?" durch die Bahn. Aber tatsächlich haben die Organisatoren gute Vorarbeit geleistet, weshalb wir, in Hamburg-Wilhelmsburg angekommen, innerhalb von fünf Minuten in einem Bus Richtung Festival-Gelände sitzen. Auch einer Frau mit jeder Menge Einkaufstüten sind die leicht angetrunkenen Mitfahrer mit den Blümchenketten in den Haaren nicht entgangen: "Was ist denn heute in Wilhelmsburg los?", fragt sie. "Ein Festival!", antwortet ein freundlicher junger Mann, "Sie sollten auch kommen!" "ICH?", lacht die Dame verlegen, "ich habe sechs Kinder, das könnte sich als ein wenig kompliziert darstellen." Hat sie wahrscheinlich recht …

Es ist 17.30 Uhr und ich könnte einen Mittagsschlaf vertragen

Dabei wäre sie längst nicht die Einzige, die ihren Nachwuchs mit aufs Gelände bringt. Einige Festival-Gänger schieben sogar Kinderwagen von Konzert zu Konzert. Ich ziehe kurz in Erwägung zu fragen, ob ich mich dazulegen darf. Es ist 17.30 Uhr, als wir auf dem Gelände ankommen und ich könnte einen Mittagsschlaf vertragen.

Dockville 2018

Mitten zwischen Fabriktürmen hat das Dockville-Gelände irgendwie etwas Magisches

Bereits zum zwölften Mal findet das MS Dockville in diesem Jahr statt und hat sich inzwischen neben Hurricane, Rock am Ring etc. als eine der Festival-Größen Deutschlands etabliert. Das Gelände im Süden Hamburgs ist am Wasser gelegen und gibt einem inmitten von riesigen Fabrikgebäuden irgendwie das Gefühl, man habe sich in eine fremde Welt verirrt. Überall hängt bunte Dekoration in den Bäumen, durch die Luft fliegen Schaumfiguren und immer, wenn man glaubt, man sei am Ende des Geländes angelangt, tut sich irgendwo ein verwinkelter Gang auf, an dessen Ende so magische Bereiche wie zum Beispiel das Lakkiville liegen.

Und genau da zieht es uns als Allererstes hin. Das Dockville beginnen, ohne sofort einen Lakritzschnaps aus dem kleinen Wohnwagen getrunken zu haben? Für meine festivalerfahrenen Freundinnen völlig undenkbar. Ich füge mich, schließlich bin ich hier der Neuling. Ich habe noch viel zu lernen.

Erobique scheint eine wahre MS-Dockville-Institution zu sein

Der nächste Punkt im Pflichtprogramm: Erobique. Erobique heißt eigentlich Carsten Meyer, hat unter anderem schon in "Der Tatortreiniger" mit Bjarne Mädel mitgespielt und natürlich auch die Musik dafür gemacht. Heute steht er alleine auf einer der größeren Bühnen des Dockvilles, vor der sich langsam aber sicher die Massen einfinden. Der gute Carsten scheint eine richtige Dockville-Institution zu sein. Überall um uns herum winken Menschen voller Vorfreude mit ihren Schildern. "MUCHO MOTIVIERT" steht auf einem – ein Insider nehme ich an. Ich bin eher mucho müde. Kann es ernsthaft sein, dass es noch nicht einmal 20 Uhr ist und ich schon anfange zu gähnen wie ein Weltmeister? Wenn das so weitergeht, wird dies eine wirklich kurze Festival-Reportage. Doch während die Menge "URLAUB! URLAUB IN ITALIEN!" grölt und wild zu einem aufregenden Mix tanzt, der irgendwie wie eine Mischung aus dem letzten EDM-Hit und Christian Steiffen klingt, kommen meine Lebensgeister so langsam zurück. Die Sonne scheint, die Musik ist gut und die sechste Mate kommt langsam aber sicher in meinen Synapsen an. Geht doch!

Auch wenn das Gelände schon ganz schön voll ist, will der Strom an anreisenden Feierwütigen nicht abreißen. Tatsächlich fühlt es sich an, als wäre halb Hamburg an diesem Wochenende vertreten. Die Veranstalter hatten im Vorfeld mit knapp 60.000 Besuchern gerechnet. Immer wieder laufe ich an alten Schulfreunden vorbei (Sorry, Josi, bis ich dich erkannt hatte, war ich schon 20 Meter weiter) und irgendwann am Abend stolpere ich doch tatsächlich noch über meinen kleinen Bruder und seine Kumpels.

Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zum bereits laufenden Konzert der US-Rapperin Princess Nokia, die ihrem Publikum gerade eine Standpauke hält. Irgendwer hat etwas auf die Bühne geworfen – ungeil. "Ich werde mich nicht respektlos behandeln lassen", sagt sie. "Ich werde mich nicht dissen lassen, weil ich eine Frau bin. Oder weil ich schwarz bin. Habt ihr das verstanden?" Haben sie. Das Publikum johlt voller Zustimmung und das Konzert geht weiter. Später bedankt sie sich bei der tanzenden Masse für die tolle Stimmung – und sie hat recht.

Auf dem Kiez verläuft ein Samstagabend nicht halb so friedlich

Zwar haben einige ziemlich über den Durst getrunken und die eine oder andere kleine Lache am Wegesrand haben wir schon umschifft, aber alles in allem hängt Liebe in der Luft. (Bei einigen ein bisschen viel. Immer wieder finden wir uns in der Menge hinter Menschen wieder, die ein Konzert als den perfekten Ort zu empfinden scheinen, um sich gegenseitig aufs Wildeste die Zunge in den Hals ODER INS OHR zu schieben. WUÄRKS! Wieso? Zum Glück wurden vorhin Kondome ausgeteilt.) Es ist nicht übermäßig stylish – wer Lust hat, sich mit Glitzer und Blümchen zu schmücken, tut das, und wer lieber in Jeans und T-Shirt kommt, fällt auch nicht aus der Reihe – und ich habe noch keine einzige Schlägerei gesehen. Auf dem Kiez geht es an einem Samstagabend nicht halb so friedlich zu.

Das eigentliche Highlight des Abends folgt allerdings, als wir uns mit einer Portion Pommes auf einen kleinen Vorsprung setzen, um unsere müden Beine für einen Moment auszuruhen. An uns vorbei strömen die Menschen, vor uns, auf der anderen Seite einer kleinen Wiese, spielen gerade altJ. Ein rundum schöner Moment. "NICHT IHR ERNST", brüllt meine Freundin mit einem Mal unvermittelt. Ich lasse beinahe die Pommes fallen. Wovon spricht sie? Mein Blick folgt ihrem Finger … "NICHT IHR ERNST", brülle ich. Neben der Bühne, mitten im Scheinwerferlicht, hockt eine junge Frau – und pinkelt. Fair enough, die altJ-Fans können sie nicht sehen, immerhin hat sie sich hinter einen Busch geschlichen. Aber von da, wo wir und knapp 100 andere Menschen sind, haben wir freie Sicht. Auf alles. Wie zur Hölle sie nicht gemerkt hat, dass sie sich gerade an den denkbar schlechtesten Pipi-Spot hockt ... keine Ahnung. Ich möchte ihr auf jeden Fall aufrichtig für die besten 30 Sekunden dieses Wochenendes danken. Wirklich. Von Herzen.

Das letzte bisschen Tanzwütigkeit zappeln wir schließlich – nach noch ein paar Lakritzshots – in einem Zirkuszelt zu 90er-Mucke raus. Und als dann auch noch aus über einhundert kratzigen Kehlen "Africa" von Toto ertönt, ist es endgültig um mich geschehen. Ich glaube, nächstes Jahr muss ich wieder aufs Dockville.

Hamburg: Von Cher bis Bier: Die besten Festival-Styles auf dem MS Dockville 2018
Querbeats

Wir waren in diesem Jahr für euch auf dem MS Dockville unterwegs und haben ein paar der besten Outfits eingesammelt! Auf los geht's los:


Diese vier feschen jungen Männer (v.l. Stephan, Jojo, Basti und Andy) waren nicht nur zum Spaß auf dem Dockville. Gemeinsam mit noch neun weiteren bilden sie die Band Querbeat, die am Samstag mit ordentlich Karacho die große Bühne abgerissen hat. Und stylish sind sie auch noch ... Wo kriegen wir so ein Cher-T-Shirt her?

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