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Neues Album "Lover": Taylor Swift ist zurück – und sie hat eine wichtige Botschaft für uns

Taylor Swift erkennt die Zeichen unserer Zeit besser als jeder andere Popstar – und macht sich dann ihren eigenen Reim darauf. Und so gibt es auch auf ihrem neuen Album wieder eine Menge zwischen den Zeilen zu lesen.

Taylor Swift

Die knallbunte Welt des Pop: Taylor Swift besingt auf "Lover" die Liebe in allen Facetten

Taylor Swift hat 120 Millionen Follower bei Instagram. Entsprechend viel Macht hat sie mit allem, was sie sagt, singt, postet. Und entsprechend viel Kritik prasselt seit Jahren auf sie ein, weil sie zu vielen Dingen nicht klar genug Stellung bezieht. Weil sie sich nicht vor einen Parteiwagen spannen lässt wie ihre Kollegen von Bruce Springsteen bis Bon Jovi. Weil sie nicht zu fassen ist.

Aber abgesehen davon, dass niemand 120 Millionen Social-Media-Freunde hinter sich versammelt, indem er klare Kante zeigt, ist genau dieses Talent fürs Ungefähre die große Stärke der Künstlerin Taylor Swift. Davon legt ihr neues Album "Lover", das heute unter großer Erwartungshaltung des darbenden Musikbusiness erscheint, einmal mehr eindrucksvoll Zeugnis ab.

Die begnadete Texterin Taylor Swift

"Lover" ist mit 18 Songs zu lang geraten und musikalisch so eingängig wie unspektakulär. Trotzdem ist es ein gutes Album geworden, nicht nur, weil die begnadete Texterin Taylor diesbezüglich auf der Höhe ihres Könnens agiert und einige der besten Swift'schen Short Stories ihrer Karriere vorlegt, unter deren polierter Oberfläche traditionell immer noch eine zweite oder dritte Bedeutung lauert.

Sondern auch, weil Swift hier auch ohne politische Positionierung eine Botschaft verbreitet: die gute alte Liebe in all ihren modernen Millennial-Schattierungen. Es geht, wie so oft bei Swift, ums Verlieben, Lieben und Entlieben, um Schmetterlinge im Bauch und schmutzige Wäsche. Die Bandbreite reicht dabei von zuckersüß bis zynisch, denn die 29-Jährige beherrscht sowohl die verspielte Verführerin als auch die passiv-aggressive Diva.

Aber nach dem ziemlich düsteren Vorgängeralbum "Reputation", das im Jahr eins des Donald Trump auch ohne entsprechende Parolen durchaus als Reaktion auf die Zeichen der Zeit gelesen werden konnte, gibt es auf "Lover" vor allem die übergeordnete Message: Lasst die Liebe regieren, erst recht bei allem Hass, der gerade geschürt wird! Oder frei nach einer der Vorab-Singles: "You Need To Calm Down" – einer kleinen Hymne auf mehr Toleranz, in deren Video eine fröhliche Swift zwischen Homosexuellen und Transmenschen tanzt.

Die Uneindeutigkeit zur Perfektion verfeinert

"Why are you mad", singt Swift, "when you could be GLAAD?"  Die Anspielung auf die Non-Profit-Organisation von LGBT-Aktivisten in den USA ist ein ziemlich brillantes Beispiel für besagte Mehrdeutigkeit, die sie hier weiter zur Perfektion verfeinert. Es gibt auf "Lover" wieder jede Menge zwischen den Zeilen zu lesen, und genau darum geht es doch in der Popkunst: das große Ganze immer im Blick zu behalten, es aber so schlicht wie möglich zu verpacken.

Swift hat diese Gabe zu genau dem Überstar werden lassen, auf den sich nicht nur pubertierende Mädchen, sondern auch Pop-Nerds und Countryrocker einigen können: macht unterm Strich 120 Millionen. Damit hat die Frau mehr Macht als die meisten Politiker, und trotzdem bleibt sie nicht zu fassen. Kurz gesagt: Taylor Swift ist die Gewinnerin eines Spiels, dessen Regeln sie selbst aufgestellt hat. Das muss ihr erstmal jemand nachmachen.

tim