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Einer gegen alle

Musikgeschmack: Ihr wollt fette Bässe, ich will Banjo – eine Liebeserklärung an Country-Musik

In meinem Freundeskreis dominieren Hip-Hop und Techno die Spotify-Playlists. Bei mir hingegen läuft Country-Musik in Dauerschleife – zum Leidwesen meiner Freunde. Zeit für eine Liebeserklärung an ein unterschätztes Musikgenre.

Country Musik Bild

Geht es nach unserem Autor, ist Country das beste Musikgenre. Doch mit dieser Meinung steht er in seinem Freundeskreis alleine da.

Klappe auf: Ich befinde mich auf einer Hausparty. Es ist ein verdammt kalter Freitag im Januar und ich feiere gemeinsam mit meinen besten Freunden meinen Geburtstag. Für alles ist gesorgt: Das Bier ist eiskalt, die Snacks sind aufgetischt, das Beer-Pong-Set ist griffbereit. Heute soll es richtig krachen, denn die Party ist gleichzeitig auch eine Willkommensparty für meine Freunde, die ich seit einem halben Jahr nicht gesehen habe. Ein halbes Jahr, in dem sich viel verändert hat bei mir. Vor allem in Bezug auf den "Endgegner aller guten Partys", die Musikauswahl.

Im Sommer des vergangenen Jahres ging ich mit meiner Freundin für ein halbes Jahr nach Kanada. Wir lebten auf einer Farm mitten im Nirgendwo auf Vancouver Island – und es war herrlich. Zwischen Wäldern und Skyline der kanadischen Westcoast läuft das Leben anders als in der Großstadt und das verändert einen – und auch den Musikgeschmack. Ich mutierte dort vom Hip-Hop-Fan zum begeisterten Country-Musik-Hörer. Zum Leidwesen meiner Freunde und Familie. Zeit für mein musikalisches Manifest: Warum Country der heimliche Star der Musikrichtungen ist und unserer Generation aus der Seele spricht.

Country ist vielseitig

Wer sich einmal richtig mit der Country-Szene befasst, wird schnell feststellen, dass sie weit weg ist von den Klischees, die sie (unberechtigterweise) verfolgen. Country ist eine Musikrichtung, die nur von Hillbillys praktiziert wird, die mit Flanell-Hemd in einer Scheune sitzen und Banjo spielen, während die Dorfgemeinde dazu Square Dance tanzt? Falsch. Country ist viel mehr. Die Songs handeln von Freundschaft, (verlorener) Liebe, der Angst vor dem Altern und vom Zusammensein. Aber es geht auch um Whiskey, dicke Trucks, lange Sommernächte und ausgelassene Partys. Und das teilweise in ein- und demselben Song. Emotionalität und Feierlichkeit liegen immer nah beieinander und so kommt es, dass man die Songs immer hören kann, weil sie in jeder Lebens- und Gefühlslage wohltun.

Auch deshalb haben sich Künstler wie Josh Turner, Jake Owen, Brett Eldredge, Blake Shelton oder Lanco in meiner Playlist festgesetzt. Ob auf dem Weg zur Arbeit, in einer schwierigen Lebenslage oder nach ein paar Drinks auf einer Party. Noch nie hab ich es erlebt, dass ich in allen drei Situationen dieselbe Musik hören möchte. Die Lieder laden einfach dazu ein, aus tiefster Seele mitzusingen. Unabhängig davon, ob man gerade traurig ist, oder die ganze Welt umarmen möchte. Country heilt Wunden und ist Balsam für die Seele. Endlich eine Musikrichtung, bei der man kitschig und pathetisch sein darf – und dabei auch noch stilvoll bleibt.

In Nordamerika ein Massenphänomen – hier kaum bekannt

Meiner Meinung nach sind die meisten Lieder ein Spiegelbild unserer Generation. Immer auf der Suche nach Bedeutung, zwischen Selbstzweifel und Selbst-Zelebrierung. In Kanada habe ich eigentlich durchgehend Country-Musik gehört. Auch jetzt noch jeden Tag. Es mag zwar nicht so sehr in die deutsche Gesellschaft und die Umgebung passen, aber die Lieder sind mehr vom Lebensgefühl als von der Umgebung abhängig. Der Großteil meiner Freunde und Familie sieht das nicht so.

Dem einen ist es "zu dudelig", dem anderen "zu lame". Wieder andere sind der Meinung, die Songs seien nicht geeignet, um auf Partys gespielt zu werden. Für mich ein klassischer Fall von "was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht". In Nordamerika sind Country-Sänger und Sängerinnen Mega-Stars, die ganze Hallen füllen und Millionen Klicks auf YouTube vorweisen können. In Deutschland kennt sie keine Sau. Ich finde, es ist Zeit, das zu ändern. 

Country-Intoleranz auf Partys

Zurück zur Szenerie auf MEINER Party. Nachdem alle meine Freunde angekommen waren, kam die Fete in Schwung. Es wurde sich herzlich umarmt, gelacht, fröhlich geklönt und Anekdoten ausgetauscht. Meine Freundin und ich mussten viel von unserem halben Jahr in Kanada erzählen. Wir waren also gut beschäftigt, weshalb die Auswahl der Musik in fremde Hände fiel. Deutscher und englischer Hip-Hop, ein wenig Techno und die altbekannten Klassiker der Musikgeschichte. Jeder kennt die meisten Songs, manche singen mit und jeder äußert Musikwünsche, die in die Warteschlange gepackt wurden.

Nach ein paar Bierchen beschloss ich den Prozess zu durchbrechen und ließ meine Country-Playlist durch die Anlage scheppern. Ich feierte mich für diesen Schachzug und begann sofort, die Texte mitzugröhlen und fand in diesem Moment, dass es nichts Besseres gibt, als meine neu entdeckten Lieblingssongs mit meinen Freunden zu teilen. Die Euphorie legte sich, als ich nach zehn Minuten abgelöst wurde und stattdessen wieder Trap und 90er aus den Boxen schallten. Seitdem probierte ich es noch ein paar Mal, mit eher mäßigem Erfolg. Meistens wird mir das Recht der Musikauswahl auf (größeren) Partys entzogen. Eine Frechheit, wie ich finde.

Vielleicht kann ja auch nicht jeder so auf Country abfahren, wie ich. Musik ist schließlich immer noch Geschmackssache. Falls ihr jedoch auf der Suche nach ehrlichen Songs seid, die das Leben authentisch erzählen und es gleichzeitig besingen und auch mal verteufeln, kann ich euch Country sehr empfehlen. Von Liebesliedern über Existenzkrise bis zum Gute-Laune-Song ist alles dabei. Country ist so vielseitig wie die verschiedenen, tollen Interpreten, die das Genre prägen. Hört doch mal rein, ihr werdet es nicht bereuen. Keep it country!