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Neustart: Wenn’s dir nicht gefällt – mach neu!

Todunglücklich im Job, gelangweilt von der Beziehung, und die Wohnung ist eigentlich auch viel zu klein: Wer heutzutage nicht irgendwie unzufrieden ist mit seinem aktuellen Lebensstatus, macht sich fast verdächtig. Aber warum ändern wir nichts, wenn alles nervt? Ein Plädoyer gegen das ständige Streben nach zu viel Sicherheit.

Wir machen es uns schwer mit einem Neustart. Warum ist das eigentlich so?

Wir machen es uns schwer mit einem Neustart. Warum ist das eigentlich so?

Peter hat es schon vor knapp zehn Jahren geahnt. Der deutsche Reggae- und HipHop-Künstler schuf 2008 mit dem Song "Alles neu" eine atemlose Hymne auf den Neustart, auf den großen Turnaround, auf das befreiende Gefühl, mit dem eigenen festgefahrenen Leben noch mal von vorne anzufangen. Fox sang schon damals gegen das verängstigte Lebensgefühl einer Generation an, das heute weiter verbreitet ist denn je.

Heute gibt es in jedem Freundeskreis einen Menschen, der todunglücklich im ist, einen, der von seiner Beziehung gelangweilt ist, einen, dem seine Wohnung viel zu klein ist, und einen, der gerade lieber um die Welt reisen würde. Wer nicht irgendwie unzufrieden ist, macht sich fast verdächtig. Allein: Kaum jemand unternimmt etwas gegen seine Unzufriedenheit. Der Schritt aus der Komfortzone erfordert die größte Überwindung. Der Tritt in den eigenen Arsch scheint nicht nur anatomisch kaum zu bewältigen. Noch nie war die Angst vor Veränderung so groß. Warum eigentlich?

Die Probleme der anderen kommen näher

Fast scheint es, als ob wir die heftigen geopolitischen Veränderungen unserer Zeit auf davon eigentlich völlig unabhängige Bereiche des Lebens projizieren. Kein Wunder: Wir sind aufgewachsen mit der Gewissheit, dass es in Europa keine Grenzen gibt, dass Bomben nur in Tausenden Kilometern Entfernung explodieren, dass genug für alle da ist. Aber die Welt ist kleiner geworden, die Probleme der anderen kommen näher.

Das alles beeinflusst unseren Alltag: Die einen steigen wegen vermeintlicher Terrorgefahr nicht mehr ins Flugzeug, andere fürchten sich vor Überfremdung. Manche lassen sich von existenziellen Zukunftssorgen in den Burnout treiben. Aber neben diesen abstrakten Ängsten schwinden auch die Sicherheiten, die für unsere Eltern noch selbstverständlich waren: Es gibt keine Garantien mehr auf den Job, die Wohnung oder das Auto. Die Frage, die deshalb zu selten gestellt wird: Ist das wirklich so schlimm?

Schon länger reagiert unsere Generation auf die wachsenden Unwägbarkeiten mit einem gesteigerten Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Die Bindung an die Eltern wird wieder enger; der Freundeskreis wird zur Ersatzfamilie; der Gedanke an Hochzeit oder Nachwuchs kommt früher; und der Samstagabend auf der Couch ist eigentlich auch viel gemütlicher als an der Bar. Diese Reflexe sind nachvollziehbar. Oder doch auch ein bisschen feige?

Warum lähmt uns die Angst vor dem Neustart?

Der entscheidende Trugschluss: Glücklicher macht das Gefühl der Sicherheit viele offenbar nicht. Aber warum sollte es auch? Wir haben nur ein Leben, das im Zweifelsfall auch noch viel zu kurz ist (drei Euro ins Phrasenschwein). Warum lähmt uns die Angst vor dem Neustart? Warum machen wir lieber gar nichts, bevor wir etwas falsch machen? "Hängt die Hürde hoch, freut sich der Sprung", sagt der Schriftsteller Tino Hanekamp völlig zu Recht. Wer Sicherheit mit Stillstand verwechselt, dem fehlen schnell die neuen Horizonte. Erst recht, wenn er gar nicht mal so zufrieden damit ist, wie er sich so durch den Alltag wurschtelt. "Mein altes Leben schmeckt wie'n labbriger Toast", heißt es bei Peter Fox.

Wenn nichts mehr sicher ist, wird vieles zur Glückssache – das müssen wir uns endlich klarmachen. Weil diese Einsicht befreit. Wovor haben wir denn überhaupt Angst? Was haben wir zu verlieren? Wir leben in einem Land ohne Krieg und Hunger, wir können zur Schule und zum Arzt gehen. Trotzdem kriegen wir die Krise, während Menschen aus echten Krisengebieten lieber hier leben wollen als in der Heimat. Das Sicherheitsbedürfnis dieser Menschen ist berechtigt. Im Gegensatz zu unserem? Wir sollten den riesigen Möglichkeitsraum unserer Zeit jedenfalls als Luxus betrachten: Arbeit, Kleidung, Essen, Urlaub – wir haben eigentlich ständig die Wahl, aber nehmen diesen Luxus nicht als solchen wahr. Sondern als Ballast. Also jammern wir lieber. Und ändern doch nichts.

Gegen Stillstand und Routine

"Wenn's dir nicht gefällt – mach neu!", forderte Peter Fox schon damals im Refrain von "Alles neu". Und: "Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht!" Mit dem Song kündigte Fox, eigentlich Mitglied der durchaus erfolgreichen Dancehall-Truppe Seeed, seinerzeit seine Soloplatte "Stadtaffe" an. Warum er das bloß macht, fragten sich die Fans damals: alleine neustarten, ohne seine Jungs. Aber das Album war keine Absage an seine alte Band, sondern der Lust auf ein Abenteuer geschuldet. Gegen Stillstand und Routine.

Mit 1,3 Millionen verkauften Einheiten gehört "Stadtaffe" heute zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Alben aller Zeiten.

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