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Neustart: Sieben Geheimnisse eines gelungenen Lebens

Sind wir, wer wir sein wollen? Tun wir, was wir tun wollen? Wie machen wir das Beste aus der Zeit, die uns gegeben ist? Ein Blick auf Einsichten von Denkern und Forschern - und auf Menschen, die ihren Weg gefunden haben.

Carina Höfkes, 37, wusste früh, was ihr wichtig ist. Ihre Freundinnen sagen, sie lebt einen Traum – in einem Park bei Kempen. Der ist auch Baumschule, aber vor allem ein Paradies, und das nicht nur für ihre Kinder. Mit Mann und Wachtelhund Trulla geht sie manchmal auf die Jagd, aber nicht nach einem anderen Leben.

Carina Höfkes, 37, wusste früh, was ihr wichtig ist. Ihre Freundinnen sagen, sie lebt einen Traum – in einem Park bei Kempen. Der ist auch Baumschule, aber vor allem ein Paradies, und das nicht nur für ihre Kinder. Mit Mann und Wachtelhund Trulla geht sie manchmal auf die Jagd, aber nicht nach einem anderen Leben.

Dies tun, das lassen. Ich wollte, ich hätte, ich würde gern. Den treffen, dort sein. So leben. Unbedingt. Wir glauben, wir lieben, wir hoffen, jeden Tag aufs Neue, jedes Jahr von Neuem. Wieder ist Zeit vergangen. Und wieder ist Gelegenheit, neu zu starten. Es soll gelingen, das Leben. Aber tut es das? Treffen wir die richtigen Entscheidungen? Meistern wir die Schwierigkeiten, wenn wir ihnen schon nicht ausweichen können? Wenn wir uns, jetzt, einen Brief schreiben würden, wie unser Leben ist, wie es bisher war: Was stünde darin?

Klaus Rothgang, 69, würde wohl schreiben, dass er 50 Jahre lang eine tolle Zeit hatte. Erfolgreich. Mit 14 in die Lehre, geschraubt. Später Software-Pionier in der deutschen Buchbranche. Er hat sich hochgearbeitet, aus kleinen Verhältnissen – und alles verloren, als diese groß waren. Die Frau ging weg, die Firma pleite. Das Geld alle, das Gold auch. Zu viele Fehler, eigene; zu vieles, das er nicht mehr im Griff hatte.

Jetzt ist er froh, dass sie ihm nicht auch noch das Knie abgenommen haben, nachdem sein Unterschenkel amputiert werden musste. Diabetes, zu spät erkannt, auch sein Körper ließ ihn im Stich. Aber er schaut nach vorn, er kann nicht anders. Sein Leben beginnt wieder mal neu, eine Prothese hilft ihm, wieder laufen zu lernen, wie er es als Kind getan hat.

Auf eigenen Beinen stehen, das sagt man so. Klaus Rothgangs größtes Erlebnis in den vergangenen Wochen war der Moment, in dem er es ohne fremde Hilfe die drei Stufen aus seiner Wohnung ins Freie schaffte. Danach ist er jeden Tag sicherer geworden. Ich liebe das Leben, sagt er.

Der strenge Schopenhauer meinte, das Sein sei ein einziger Niedergang, gestern noch selig träumend, der Mensch, heute gebrechlich jammernd. Kann man so sehen. Aber klingt das nicht besser: "Shoot for the moon. Even if you miss, you'll land among the stars"? Das sagen Amerikaner manchmal. Es bedeutet so viel wie: Fliege hoch, du landest immer bei den Sternen. Also: groß denken. Statt sich klein zu machen. Nach oben schauen. Nicht nach unten.

Erkenne, was dir wirklich wichtig ist

Welche Kräfte sind es, die uns helfen, auch schlechte Zeiten zu überstehen? Die Körper und Geist gesund halten? Was ist das Geheimnis eines gelungenen Lebens? Darüber haben Philosophen nachgedacht und Theologen und Wissenschaftler. Sie fragten Menschen, überall auf der Welt, wie sie es denn halten, mit dem Leben. Was sie geprägt, bewegt, überzeugt hat.

Immer ist die Versuchung groß, die Fülle von Antworten in wenigen Worten zu bündeln. Denn die Zeit ist knapp; und schön wäre, so rechtzeitig wie möglich weise zu werden.

Also versuchen wir es. Wagen wir es. Ein kleines Regelwerk, aus sieben Einsichten. Sie mögen einem vertraut vorkommen und erst mal nicht überraschen. Sie können aber Kompass sein auf dem Weg durch ein Leben, das am Ende gelungen scheint. Wer mit sich und der Welt im Frieden ist, hat meist die eine oder andere davon gelebt.

Ein Rat also wäre, innige Verbindung zu anderen Menschen zu pflegen. Ein zweiter, einen Sinn zu finden, in dem, was man tut. Man sollte wertschätzen, was man hat, statt sich zu grämen, was einem fehlt. Sich als Gestalter seines eigenen Lebens sehen. Auch nach Schicksalsschlägen und Niederlagen nach vorn blicken. Neugierig bleiben, immer wieder Neues wagen und immer wieder die Perspektive wechseln. Erkennen, was einem wirklich wichtig ist, und danach handeln.

Das ist gar nicht einfach in einer Zeit, die auf Ablenkung aus ist. Die mit Wissen betäubt und mit Daten wuchert. Konsumenten, die wir sind, kommen wir kaum noch zu uns, weil andere längst da sind, uns abzufüllen. Es geht um "das schwerste Ding auf Erden", wie es formulierte: "Sich selber zu leben, frei zu sein und immer freier zu werden."

Für einen wie Zweig mag das unerreichbar geblieben sein. Aber wie ist es, wenn es mühelos gelingt und alles nur schön ist und gut? Ein Traum wahr geworden ist? Der vom großen Einklang mit der Welt. Carina Höfkes, 37, denkt dann, "oh, bin ich langweilig". Und doch möchte sie mit keinem anderen tauschen. Es gibt andere Wege zum Glück als ihren, mit mehr Drama, mehr Aufregung, mehr Lametta. Carina brauchte all das nicht.

Klaus Rothgang, 69, war immer ein Kämpfer. Als SPD-Chef seines Stadtverbands Rheinberg am Niederrhein, als Präsident der Bürgerschützen Orsoy, als Unternehmer. Er sagt, 50 Jahre lang habe er Glück gehabt. Dann musste ihm ein Unterschenkel amputiert werden. Und er lernte, jeden Schritt zu schätzen, den er allein gehen kann.

Klaus Rothgang, 69, war immer ein Kämpfer. Als SPD-Chef seines Stadtverbands Rheinberg am Niederrhein, als Präsident der Bürgerschützen Orsoy, als Unternehmer. Er sagt, 50 Jahre lang habe er Glück gehabt. Dann musste ihm ein Unterschenkel amputiert werden. Und er lernte, jeden Schritt zu schätzen, den er allein gehen kann.


Ihre große Liebe hält nun schon 22 Jahre, sie nahm den ersten Mann, den sie traf. Sie wohnt immer noch in der gleichen Gegend, am . Auf einem Grundstück mit ihren Schwiegereltern. Und wusste früh, dass sie ihren Kinder ermöglichen wollte, was sie so genossen hatte: in einer Familie mit Oma und Opa aufzuwachsen, Onkeln und Tanten, Nachbarn und Freunden, am besten auf einem Bauernhof. Wo man nach der Schule einen Salto schlagen kann, von einem Strohballen herunter, wie sie es so sehr mochte.

Nun, es wurde eine Baumschule. Nein, mehr: ein Reich der Fantasie, ein Park fast, mit Teichen und Tieren und Tausenden von Bäumen, gepflanzt vom Schwiegervater, der mal Bauer war; einer, der noch morgens um fünf die Pferde sattelte, um über die Felder zu reiten. Und jedem einen Kaffee anbietet, der von ihm wissen will, was zu tun ist, wenn etwas wachsen soll. "Bütterken", sagt er, wenn er ein Butterbrot reicht.

Geh enge Bindungen mit anderen Menschen ein

Carina hat Freundinnen, die in der Welt unterwegs sind, heute hier und morgen dort. Sie erzählen von China und davon, wer sich getrennt hat und warum. Sie hört sich die Geschichten an, es sind nicht ihre. Sie hat Landschaftsgärtnerin gelernt, weil sie gern draußen ist, aber nicht zu weit weg. "Meine Eltern", sagt Carina Höfkes, "mussten mich früher schon aus Zeltlagern abholen, weil ich Heimweh hatte".

Hannes, ihr achtjähriger Sohn, fährt Trecker, Tochter Eva, 6, ist gern bei den Pferden. Zu jedem Geburtstag backt die Mutter Kuchen, vor jeder Hochzeit wird geschmückt. Zum engsten Freundeskreis zählen 15 Pärchen, die Nachbarn heißen Platen-Pitter und Eckerts-Willi. Erntedank wird gefeiert und Lumpenball, der Nikolaus kommt, und Sankt Martin reitet. Heile Welt? "Ja, klar", sagt Carina, "warum auch nicht?" Sie hat viel Glück gehabt und sie weiß es.

Mit jedem Tag, den wir sind, haben wir einen weniger, der bleibt. Auch einen weniger, um etwas zu ändern. Rainard Dörpinghaus, 58, dachte, gut über sich Bescheid zu wissen. 24 Jahre lang. Aber er hatte sich getäuscht.

Sein Leben spielte an einem Ort, der vielen, zumindest für eine gewisse Zeit, Sehnsucht bedeutet. In einem bayerischen Kloster. Stille und Schweigen, Prunk und Putten. 150 000 Bücher in der Bibliothek, eine Orgel mit 56 Registern. Wenn er alle zog, rühmten die Himmel auch ihn. Dörpinghaus, Mönch geworden und gar Trauzeuge auf der Hochzeit seiner ersten Freundin, fühlte sich anfangs geborgen, hinter Mauern, über 1000 Jahre alt.

Rainard Dörpinghaus, 58, wollte sein Leben Gott widmen. Er ging in ein bayerisches Kloster und nach 24 Jahren wieder hinaus. Er hatte Gemeinschaft gesucht und musste sich schließlich eingestehen, dass er sie im Kloster nicht fand. Der Mönch wagte den Ausbruch und zog nach Berlin, dorthin, wo alle suchen.

Rainard Dörpinghaus, 58, wollte sein Leben Gott widmen. Er ging in ein bayerisches Kloster und nach 24 Jahren wieder hinaus. Er hatte Gemeinschaft gesucht und musste sich schließlich eingestehen, dass er sie im Kloster nicht fand. Der Mönch wagte den Ausbruch und zog nach Berlin, dorthin, wo alle suchen.


Doch mit den Jahren im Chorgestühl bedrängte ihn das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. Er hatte längst das Gelübde abgelegt, die ewige Profess, das Versprechen, hierzubleiben, bis man ihn heraustragen würde mit den Füßen voran. Aber in ihm wuchs die Erkenntnis, einer Vorstellung vom Leben erlegen zu sein, die nicht seine war, vielleicht die der Eltern, der gut katholischen. Dörpinghaus merkte, dass er es war, der als Gästebetreuer den anderen Zeit schenkte, wenn sie von ihrem Leben sprachen. Und er so richtig keinen hatte, dem er von seinem erzählen konnte. Die Mitbrüder, schlaue Menschen, Mathematiker, Lehrer, Musiker, zupackend und stimmgewaltig, waren Einzelgänger. Wenn er vorschlug, sich mal zusammenzusetzen, saß er meist allein da.

Lerne zu schätzen, was du hast

Er sehnte sich nach Gemeinschaft, Austausch, Begegnung. War er unterwegs, in seiner Gemeinde, mit Jugendgruppen, ertappte er sich bei der Vorstellung, Mensch, vielleicht wärst du lieber Vater als Pater. Die Gedanken ließen sich nicht mehr lenken, das Leben entglitt. Als er darüber depressiv wurde, richteten die Mitbrüder ihm aus, sie würden für ihn beten. Auch im Krankenhaus war er einsam.

"Der Teufel geht um wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge", so heißt es in einem Brief des Petrus, und so kam Dörpinghaus sich manchmal vor, wie eine vom Satan belauerte Beute. Eines Tages jedoch wagte er den Ausbruch, er floh nach Berlin. Dorthin, wo alle auf der Suche sind, wie er sagt. Neugierig war er, auf das Leben, sine pompa, ohne Pomp. Er schrieb dem Papst, dass er jetzt was anderes mache. Und begann mit 50 eine Ausbildung als Lebensberater, anderen zu helfen, ihre wahren Bedürfnisse zu erkennen. Nicht in heiligem Gehorsam zu verharren, sondern sich zu trauen und zu träumen. Mut zu haben, um nicht später das Unversuchte zu bereuen. Er fand eine kleine Wohnung in einem Haus, in dem sich die Mieter gute Nachbarn sind, es hat sich so ergeben. "Eine so schöne Hausgemeinschaft", sagt Rainard Dörpinghaus, "habe ich noch nie erlebt."

Ihm gelang, wie Rilke es einmal sagte, "allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort" hineinzuleben. Wer das schafft, darf sich glücklich schätzen. Doch nicht immer lässt sich ändern, was einen bedrückt und beengt. Das dann auszuhalten ist ebenso wichtig wie die Kraft zum Wandel, wo er nötig und möglich ist. Eine einzigartige Untersuchung, mit der Psychologen und Mediziner der Harvard-Universität seit fast 80 Jahren Lebensläufe verfolgen, belegt diese Erkenntnis. Die Wissenschaftler haben die Familiengeschichten von fast tausend Menschen erkundet, Siege und Niederlagen dokumentiert, die Hoffnung und den Zweifel, den Jubel, den Trubel, die Traurigkeit. Verfolgt, welche Strategien bei Krisen halfen und wie sich Konflikte lösten.

Sieh nach Schicksalsschlägen nach vorn

Ein zufriedenes, erfolgreiches Leben ist nicht allein eine Frage der äußeren Umstände, sondern vor allem eine der inneren Haltung. Es geht darum, Herr zu sein über seine Gedanken, seine Gefühle zu kennen und nicht zu verdrängen. Und aus dem Gestern für das Morgen zu lernen.

Klaus Rothgang versucht das. Natürlich, sagt er, hätte er sich gewünscht, es wäre anders gekommen. "Ich kann nicht ändern, was war. Aber ich habe auf vieles nicht geachtet." Nun freut er sich, wenn Enkel und Tochter zu Besuch sind oder er sich mit Freunden am Fluss treffen kann, den er seit seiner Kindheit kennt. "Die große Welt hat sich erledigt", sagt er, "jetzt ist die kleine dran."

Bleib neugierig, und wage Neues

Gibt es das, Schicksal? Einen Ruf, einen Auftrag? Die Römer glaubten an einen Genius, an eine Bestimmung, die den Lauf des Lebens lenkt. Den Griechen führte ein Daimon die Hand, Christen vertrauen auf göttliche Fügung. Heute erklären Hirnforscher uns das Leben: Sie zeigen, wie Erfahrungen uns prägen, im Schlechten wie im Guten. Den richtigen Umgang zu finden mit Trauer und Freude, Erwartung und Enttäuschung, dem Scheitern und dem Erfolg: Wäre das nicht, wonach wir streben sollten?

Christine Brekenfeld, 51, hätte so gern ein Kind gehabt. Einen zuversichtlichen, fröhlichen Jungen. Sie war der Meinung, dies stehe ihr zu. Doch als es so weit war, löste sich ihre Plazenta. Den Ärzten blieb nur, das Leben der Mutter zu retten. Von da an war nicht mehr alles möglich, schwanger wurde sie nicht mehr.

Christine Brekenfeld, 51, hatte sich ihr Leben anders vorgestellt. Fast wäre sie gestorben bei der Geburt ihres Kindes, der Traum vom Muttersein blieb ein Traum. Doch aus dem Schweben zwischen Leben und Tod hat sie neue Kraft gezogen. Heute kümmert sie sich um Menschen im Hospiz und um Strafgefangene.

Christine Brekenfeld, 51, hatte sich ihr Leben anders vorgestellt. Fast wäre sie gestorben bei der Geburt ihres Kindes, der Traum vom Muttersein blieb ein Traum. Doch aus dem Schweben zwischen Leben und Tod hat sie neue Kraft gezogen. Heute kümmert sie sich um Menschen im Hospiz und um Strafgefangene.


13 Jahre ist es her, dass Christine Brekenfeld ihren Traum begraben musste. Zwei Jahre währte die Trauer. Dann machte sie eine Entdeckung: Je mehr sie ihren Schmerz zuließ, desto besser konnte sie damit umgehen. Was ihr wehtat, das war auch Leben, es gehörte dazu. Mehr als das.

Damals, an diesem entsetzlichen Tag, hatte sie so viel Blut verloren, dass sie zwischen Leben und Tod schwebte. Eine Stunde war sie weg, während die Ärzte um sie kämpften. Und erlebte, was mit Worten zu beschreiben ihr kaum möglich ist: Sie tauchte in ein helles Licht, in ein Gefühl von Liebe und Verbundenheit. Ein Dasein, ohne Bewertung, kein Gut, kein Böse. Als sie wieder auf dieser Welt war, sah sie viele Schläuche und erleichterte Menschen und dachte: Was soll ich hier, warum lassen die mich nicht in Ruhe?

Es war eine alles umwerfende Erfahrung. Seitdem, sagt sie, habe sie keine Angst mehr. Wovor auch, wenn Sterben so sein kann. Christine Brekenfeld merkte, dass sie nicht in ihr altes Leben zurückwollte. Zu unwichtig, was vorher war. Sie ließ den Job als Marketingfrau der Uni hinter sich, Small Talk wurde ihr ein Graus. Sie suchte nach Menschen mit ähnlich existenziellen Erfahrungen. Sie half im Hospiz und ging ins Gefängnis, als Gesprächspartnerin für Häftlinge. Sie wollte wissen, warum die Männer, die dort saßen, so geworden waren, zu Mördern, Erpressern, Vergewaltigern. Wollte das Leben erfassen in all seinen Facetten. Begreifen, was Hass macht und Wut und dass kein Mensch nur gut oder nur böse ist. Und sie wollte geben, was sie zu geben hatte. Wenn nicht einem Kind, dann anderen Menschen, im Hospiz, im Knast. "Was ich dort lerne", sagt sie, "ist wie ein Geschenk." Heute arbeitet sie als Heilpraktikerin in der Praxis für existenzielle Psychotherapie und spirituelle Begleitung in Berlin und schreibt an einem Buch. 

Das Leben ist leicht. Das Leben ist schwer. Zwischen zwei Pausen kurz einmal laut. Wir müssen zurechtkommen. Mit Anfang und Ende. Kai Müller lebt in seiner Mitte. Er ist 49. Manches hat ihn zu Boden geworfen, ihm den Weg versperrt, ihn auf andere Bahnen gebracht. So wie es jedem ergeht. Doch Müller hat gelernt, dass er die Freiheit hat, zu gehen oder zu bleiben, Ja zu sagen oder Nein.

Kai Müller, 49, hat eine Leidenschaft: Der Hamburger ist Fußballtrainer und kümmert sich auch um die kleinen Sorgen seiner "Jungs". Sein Geld verdient er als Wachmann. Und hadert nicht mit sich, dass er den Realschulabschluss nicht gemacht hat. So wie es ist, ist es schön, sagt Müller.

Kai Müller, 49, hat eine Leidenschaft: Der Hamburger ist Fußballtrainer und kümmert sich auch um die kleinen Sorgen seiner "Jungs". Sein Geld verdient er als Wachmann. Und hadert nicht mit sich, dass er den Realschulabschluss nicht gemacht hat. So wie es ist, ist es schön, sagt Müller.


Alle, die ihn kennen, sagen: Was für ein lockerer Typ. So entspannt. Kai Müller ist Wachmann. In einer großen Firma am Hamburger Hafen, Schichtdienst, mit Nachteinsätzen. Er war auch schon mal Postbote und Schlosser, seine Eltern wollten, dass er den Realschulabschluss macht, aber er wollte lieber Kumpel treffen, Party machen – ein Fehler vielleicht, aus heutiger Sicht. Kai Müller bekommt Mindestlohn und etwas mehr. Ich bin zufrieden, sagt er. Und dass es damals seine Entscheidung war, mit der Schule. So wie später dann auch mit den Jobs.

Was den Beruf betrifft, gibt es drei Möglichkeiten: Man macht ihn, weil man sich dazu berufen fühlt. Weil eine Karriere lockt. Oder weil er Geld bringt, für das wahre Leben, das ganz woanders stattfindet. Für Kai Müller auf dem Fußballplatz, wo er als Trainer arbeitet. Sein Leben hat Müller so organisiert, dass "für meine Jungs" immer Zeit ist. Auch nachts können sie ihn anrufen, sollte was sein. Wenn eine Frau das mitmacht: in Ordnung. Wenn nicht: auch.

Eine Einstellung zum Leben, die Psychologin Judith Mangelsdorf als "realistischen Optimismus" bezeichnet. Ein Leben, nicht ausgerichtet an einem Dagegen, sondern an einem Dafür.
Kai Müller, so glaubt er, wird keiner sein, der später sagt: Hätte ich mal. Oder: Ich wollte doch. Den treffen, dort sein. Dies tun, das lassen. Was so viele machen, jeden Tag aufs Neue, jedes Jahr von Neuem. Viele sind unzufrieden mit ihrem Job – und bleiben. Viele klagen, dass sie keine Zeit für ihre Kinder haben – und nehmen sie sich nicht. Ich würde ja gern, aber es geht nicht. Die anderen sind schuld. Alles schwierig.

Die Jungs aus dem Fußballklub oder Häftlinge, denen man etwas zu geben hat. Familie, Freunde, Bekannte. Eine liebevolle Bindung zu anderen Menschen hat den größten Einfluss auf den Erfolg des Lebens. Das sagen nicht nur die Harvard-Forscher. Das sagen alle, die täglich Kraft daraus ziehen, mit anderen im Austausch zu sein.

Sieh dich als Gestalter deines Lebens

Der kanadische Sozialwissenschaftler Alex Michalos hat einmal versucht, die Bedingungen für Zufriedenheit zu definieren. Das Maß der Zufriedenheit ergibt sich, seiner Meinung nach, aus der Bewertung dreier Lücken: Der Lücke zwischen dem, was man hat, und dem, was man sich wünscht. Zwischen dem, was man hat, und dem, von dem man glaubt, dass andere es haben. Und der Lücke zwischen dem, was man hat, und dem Besten, was man in der Vergangenheit hatte. Vor Kurzem erschien sein Lebenswerk, eine Enzyklopädie zur Erforschung der Lebensqualität und des Wohlbefindens, pfundschweres Wissen in zwölf Bänden, im Internet für 6000 Euro zu bestellen. Es ist ein gewichtiges Plädoyer auch dafür, das Verbindende zusehen, nicht das Trennende. Nach Gemeinsamkeiten Ausschau zu halten statt nach Unterschieden. Die Kraft von Gemeinschaft wertzuschätzen. Auch beim Streben nach etwas, das so wichtig ist für ein erfülltes Leben wie wenig sonst: einem Sinn in unserem Sein.

Die Kinder waren aus dem Haus, als Inge Missmahl mit Anfang 50 überlegte, was sie nun tun könnte. Sie hatte ein Theater gegründet und war lange als Tänzerin unterwegs gewesen; aber die Stücke hatten sich erschöpft, da war nichts mehr, was sie durch Bewegung ausdrücken konnte. Was wollte sie jetzt?

Inge Missmahl suchte eine neue Berufung, als die Kinder aus dem Haus waren. Sie studierte Psychologie und ging nach Afghanistan. Sie betreute Traumatisierte und gründete ein Hilfswerk. Sie ist viel unterwegs und freut sich, niemals müde zu werden.

Inge Missmahl suchte eine neue Berufung, als die Kinder aus dem Haus waren. Sie studierte Psychologie und ging nach Afghanistan. Sie betreute Traumatisierte und gründete ein Hilfswerk. Sie ist viel unterwegs und freut sich, niemals müde zu werden.


Sie nahm sich viel Zeit, nachzudenken. Sie wollte Neues lernen, für sich und mit anderen. Nicht unbedingt viel Geld verdienen, eher auf die Suche gehen nach dem, was Albert Einstein als "das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann", bezeichnete: "dem Gefühl des Geheimnisvollen".

Inge Missmahl entschied sich für ein Studium, Psychologie am Züricher C. G. Jung-Institut. Das war schon ein gutes Gefühl, so ein Neuanfang. Nach den sechs Jahren ergab sich plötzlich die Gelegenheit, nach Afghanistan zu gehen, für eine Zeit, die Menschen dort brauchten Seelenversteher. Was für ein Abenteuer. Und wie neugierig sie war. Sie schaute nicht auf den Reichtum oder Status der Menschen, sondern auf deren innere Würde.

Inge Missmahl kam in ein Land voll Stolz und Scham, geprägt von Begriffen wie Ehre und Rache. Ein Land, in dem Männer mit der Kalaschnikow ins Krankenhaus gingen und in dem es oft erst den Männern besser gehen musste, damit die Frauen weniger zu leiden hatten. Sie brauchte Zeit, das zu verstehen; mit westlicher Vorstellung von Gleichberechtigung und Toleranz kam man hier nicht weit. Und allein schon gar nicht. Die Menschen denken in Familie, sagt sie, nie nur für sich.

Ein Land mit so vielen Verlorenen. Naiv die Vorstellung, hier was ändern zu können. Inge Missmahl fing trotzdem an: Sie suchte mit ihrem Team Menschen, die mitfühlten und noch Kraft hatten, sich anderen zu widmen. Immer mehr wurden es, die sie ausbilden konnte, zu Beratern machte, nicht in einem langen, akademischen Studium, sondern durch die Vermittlung von Empathie, Verständnis und Klarheit.

Inge Missmahl gründete ein Hilfswerk, das sie "Ipso" nannte, kurz für "International Psychosocial Organisation". Ihr Konzept einer psychosozialen Beratung ist heute Teil der offiziellen Gesundheitspolitik Afghanistans. Auch in Deutschland bildet Missmahl jetzt Flüchtlinge zu Beratern für Flüchtlinge aus. Die Starken sollen die Schwachen stützen, bis sie wieder Kraft gefunden haben. Und ihr Leben selbst in die Hand nehmen können.

Finde einen Sinn in dem, was du tust

Inge Missmahl ist viel unterwegs. So viel zu tun. Trotzdem wirkt sie unbekümmert, heiter. Sie pendelt zwischen Konstanz, wo ihr Büro ist, und Kabul, wo alles begann. "Man muss Chaos und Ungewissheiten aushalten", sagt sie. Inge Missmahl staunt am meisten, "dass mich das alles nicht ermüdet, weil da so viel Energie ist und Euphorie, dass sich die Dinge oft zum Guten wenden lassen". Sie weiß genau, was sie will und warum sie es tut.

Dies eines Tages von sich behaupten zu können, hofft Onno Delius. Er ist 19 und ein wacher Kerl. Die Welt steht ihm offen; wenn er eine Qual hat, dann ist es die Wahl.

Der Abiturient ist fast ein halbes Jahrhundert jünger als Inge Missmahl. Auch er will Dinge tun, hinter denen er steht. Etwas bewirken. Er hat ein Talent, mit dem er jetzt schon Geld verdient. Onno Delius malt gern. Vielleicht studiert er Kommunikationsdesign. Vielleicht probiert er was anderes. So viele Möglichkeiten.

Er redet gern mit Leuten, die das meiste vom Leben schon hinter sich haben. Die schon Antworten finden mussten auf drei Fragen: Wer wir zu sein glauben. Wer wir sein wollen. Wer wir wirklich sind.

Onno Delius hat sich vorgenommen, bei sich zu bleiben. Er weiß, dass ihm andere Menschen wichtig sind und dass er derjenige ist, der seinem Leben die Richtung geben wird. Als er sechs war und seine Lehrerin ihn mal fragte, was er schon besonders gut könne, sagte er: "Alles."

Mit dieser Kraft kommt jeder auf die Welt. An sie sollten wir uns erinnern. Jeden Tag. Und jedes Jahr. Ich wollte, ich hätte, ich würde gern: Das Leben, es möge gelingen.

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