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Stiftung Stern

Flüchtlingshilfe: Ganz nah dran

„Ipso“ macht Flüchtlinge zu psychologischen Beratern – für andere Flüchtlinge 

Ahmad Chihabi mit "Ipso"-Gründerin Inge Missmahl

Ahmad Chihabi mit "Ipso"-Gründerin Inge Missmahl

Sie kamen übers Meer oder zu Fuß, riskierten ihr Leben riskiert und verließen ihre Familien. Waren stark genug zu fliehen; und fühlen sich doch hier, in Sicherheit, schwächer denn je. „So viele Flüchtlinge leiden in Deutschland, weil sie keinem zum Reden haben und sich allein fühlen“, sagt Ahmad Chabibi, 27. „Sie schlagen immer noch in Turnhallen ihre Zeit tot, schlucken Schlaftabletten oder Antidepressiva. Und warten vergebens, dass es weiter geht.“

Der Palästinenser kam vor fast zwei Jahren und suchte hier Schutz. Heute arbeitet er für eine einzigartige Organisation, in der geflüchtete Menschen einander beistehen. „Ipso“, abgekürzt für „International Psychosocial Organisation“, heißt die bereits mehrfach ausgezeichnete Initiative von Psychologen und Therapeuten.

Knapp zwei Jahren nach dem Merkel-Mantra „Wir schaffen das“ leben in Deutschland immer noch 20.000 Asylbewerber im Transit, die meisten davon in Berlin. In Notunterkünften und Hallen ohne Privatsphäre, verwaltet und zum Nichtstun verurteilt. Nicht mal ihr eigenes Essen dürfen sie zubereiten. Wenn sie Glück haben, können Flüchtlinge einen Deutschkurs belegen. „Die Leute werden in den Lagern unmündig gehalten“, sagt Ahmad Chabibi, „es fehlt an Möglichkeiten, sich wirklich sinnvoll zu betätigen. Auf Dauer führt das in die Depression. Wir versuchen, dies zu verhindern.“

Chabibi wuchs selbst in einem libanesischen  Flüchtlingscamp auf; als der Hass auf Palästinenser zunahm, floh er mit seiner Familie nach Syrien. Und von dort vor dem Krieg nach Europa. Er hat erlebt, wie grausam Menschen sein können; und wie gut. „Wenn keiner da ist, der dich sieht und dich ernst nimmt, wirst Du verrückt“, sagt der kräftige Mann. Gerade weil er dankbar ist für die Aufnahme in Berlin und die „Hilfsbereitschaft dieser großartigen Deutschen“, möchte er sich kümmern. Bei „Ipso“ hat er eine Ausbildung als sogenannter sozialpsychologischer Berater abgeschlossen und betreut nun „Newcomer“, wie er sie nennt.  „Viele haben Probleme mit der Bürokratie. Ich kenne 15 Ärzte, die hier derzeit keine Chance bekommen und darüber verzweifeln“, sagt er.

„Ipso“ wurde vor acht Jahren von der Konstanzer Psychoanalytikerin Inge Missmahl gegründet. Sie erfuhr bei Hilfs-Einsätzen in Afghanistan, wie schnell scheinbar traumatisierte Menschen wieder handlungsfähig werden, wenn man sie nicht stigmatisiert. „Oft hatten nur wenige Stunden intensive Gespräche eine unglaubliche Wirkung“, sagt Missmahl. „Wenn Menschen merken, dass ein anderer für sie da ist, wachsen sie über sich hinaus. Und diese Erfahrung befähigt sie, sich wieder um andere zu sorgen.“ 

Mittlerweile arbeiten 180 ihrer Leute in Afghanistan, über 110000 Menschen wurden erreicht, das „Ipso“-Selbsthilfe-Programm ist Teil der offiziellen Gesundheitspolitik des Landes. Vor zwei Jahren begann die mit dem Bundesverdientkreuz ausgezeichnete Psychologin nach Engagements in der Ukraine, Haiti und im Libanon auch in Deutschland mit der Ausbildung von fast 100 Flüchtlingen aus 17 Ländern zu psychosozialen Beratern. In Erfurt, Berlin und nun auch in Hamburg. „Wir können so in fast allen relevanten Sprachen Hilfe anbieten. Persönlich. Ohne Dolmetscher. Auch über Skype und online, jederzeit, weltweit, Tag und Nacht.“

Viele Flüchtlinge haben Schreckliches erlebt; aber die Chance, in Deutschland eine traumatherapeutische Behandlung zu bekommen, ist gering, die Wartelisten sind lang. „Da ist es besser, die Erfahrung derer zu nutzen, die oftmals das Gleiche durchgemacht haben“, sagt Inge Missmahl. „Und ihre Sprache sprechen.“

In Afghanistan wurde ihr Konzept von Wirtschaftsprüfern bereits auf seine Wirksamkeit geprüft. Dort sanken die Kosten für eine Behandlung im Schnitt um ein Drittel. Nicht zu berechnen war, welche Energie freigesetzt wird, wenn das Denken nicht mehr nur von Angst und Sorge beherrscht wird.

Derzeit sucht sie „dringend Geld“, noch mehr Flüchtlinge auszubilden. „Wir sind sehr effizient“, sagt Inge Missmahl. „Und wir sparen dem Staat Kosten“.  

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