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14 Stunden offline: Smartphone bei der Arbeit vergessen – so produktiv war der Feierabend noch nie

Nach Hause gekommen und festgestellt: Smartphone im Büro vergessen. Zu faul gewesen, noch einmal zurückzufahren. Und dann verbrachte ich einen Abend, wie ich ihn mir niemals vorgestellt hätte.

Eine Frau spült Geschirr

Immer schieben wir unsere Haushaltsarbeit auf die freien Tage – und ruinieren uns damit das Wochenende. Dabei stellt sich heraus: Das geht auch prima am Wochenende. Vorausgesetzt, das Handy ist nicht greifbar.

Getty Images

Nach der Arbeit nach Hause kommen und erstmal ein bisschen am Handy rumdüdeln ist doch eigentlich der Inbegriff von Entspannung, oder? Mal gucken, was tagsüber bei Instagram so los war, erstmal das coole Buch googeln, von dem die Kollegin vorhin erzählt hat, nebenbei ein bisschen Musik hören, vielleicht aufs Sofa umziehen und während des Online-Shoppings noch bei Netflix reinschauen – Entspannung pur, würde man meinen. Doch seit gestern Abend bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. 

Ich war die Letzte im Büro und habe alle Lampen ausgemacht, bevor ich meine Tasche komplett gepackt hatte. Dass das ein Fehler war, stellte ich fest, als ich sie zu Hause wieder öffnete und sich herausstellte, dass mein Handy ganz offensichtlich noch in der Dunkelheit auf meinem Schreibtisch lag. Noch mal aufs Fahrrad schwingen und losfahren, um das Ding zu holen? Irgendwie war es dafür zu kalt und irgendwie wäre das auch ein bisschen zu verzweifelt gewesen. Ich entschied mich dagegen. Wird schon nicht so schlimm sein, ein Abend ohne Handy, sagte ich mir zuversichtlich.

Die erste Hürde erwartete mich in der Küche. Meine Routine wäre es gewesen, nun das Telefon an die Anlage anzuschließen und Musik zu hören. Ich beschloss, stattdessen meine Mutter anzurufen – den einzigen Menschen, mit dem ich übers Festnetz kommuniziere. Sie sei ausgerutscht, erzählte sie, und habe sich dabei eine Rippe geprellt. Während ich normalerweise nach fünf Minuten mit den Gedanken abgedriftet wäre und ab und zu "Hmmhmm" gemurmelt hätte, in Wahrheit aber schon längst angefangen hätte, im Internet nach irgendetwas zu googeln, erfuhr ich diesmal jedes Detail. Ich hörte zu, fragte nach, empfahl das Einreiben mit Heparin. Eine ganze Stunde telefonierten wir schlussendlich – und unterhielten uns dabei tatsächlich, anstatt, wie sonst manchmal, nur Belanglosigkeiten auszutauschen.

Die ewige Baustelle: das Arbeitszimmer

Gut, eine Stunde ohne Handy hatte ich also rum. Lief doch nicht schlecht. Ich spazierte ein wenig durch die Wohnung und landete im Arbeitszimmer. Aus der Ecke schaute mich leicht vorwurfsvoll eine taiwanische Graphic Novel über die 1980er-Jahre in dem kleinen Inselstaat an – noch eingeschweißt. Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass das weder mein Spezial- noch mein Interessengebiet ist, weshalb ich es trotz Nachfrage des Verlags bislang recht erfolgreich vor mir hergeschoben hatte, einen Blick in den Band zu werfen. Nun gut, wenn nicht jetzt, wann dann – richtig? Als ich das nächste Mal aufblickte, hatte ich das Buch halb durchgelesen. Verrückt! Und das direkt nach der Arbeit.

So langsam fühlte ich, dass dieser vermeintliche Fehler die beste Sache gewesen sein könnte, die ich seit langer Zeit gemacht hatte! Wo könnte ich als Nächstes angreifen? Eine weitere Stunde später, hatte ich bereits die Hälfte des monströsen, unsortierten Papierstapels auf meinem Schreibtisch abgeheftet. Ich war nicht zu stoppen! 

Und dann sah ich ihn, den Sitzsack, der seit einem Jahr (!) darauf wartete, dass ich das plattgedrückte Styropor heraushole und ihn endlich wasche. In der Badewanne. Mit der Hand. So etwas braucht Überwindung, bei mir jedenfalls. Ich lasse die Einzelheiten mal weg, aber das Ding hängt jetzt leer, sauber und wohlriechend auf der Leine. Ich war stolz auf mich – und da war's erst zehn. Waren Abende schon immer so lang?

Statistik der Bildschirmzeit

Zum ersten Mal habe ich mir die Statistik meiner Bildschirmzeit bewusst angesehen und festgestellt: Den Dienstagabend ohne Handy erkennt man sofort

Das will ich öfter – aber wie?

Ich war vor Mitternacht im Bett und bin um 6.20 Uhr total erholt aufgewacht. Ich schlafe zwar sonst auch nicht neben dem Handy, aber ich benutze es bis kurz vorm Einschlafen. Das stresst mich offenbar unterbewusst, denn ich schlafe nicht besonders gut. Im Rückblick auf den vergangenen Abend stelle ich außerdem fest, dass mich das Handy mehr ablenkt, als ich bislang dachte. Es verhindert, dass ich zu Hause auch nach einem Arbeitstag noch etwas zustande bringe. Bis auf kleine Einkäufe schiebe ich immer alles "haushaltsmäßige" aufs Wochenende, jetzt frage ich mich: warum eigentlich?

Der Blick auf meine Bildschirmzeit verrät es: Ich scheine, wenn ich abends mal zu Hause bin, mehr rumzudaddeln als mir klar war. Bislang dachte ich, ich würde mich dabei erholen. Doch tatsächlich erholt mich das gar nicht, ganz im Gegenteil. Ich will aber auch nicht jeden Abend, an dem ich nichts vorhabe, mein Handy im Büro lassen, um mich vor mir selbst zu schützen. Wie machen andere das?

Meine Kollegen scheinen da eine recht gute Lösung für sich gefunden zu haben: Sie schalten Push-Mitteilungen aus. Denn was mich ständig hingucken lässt, sind die vermaledeiten kleinen Banner, die mir Bescheid geben wollen, dass irgendjemand bei Instagram live gegangen ist, jemand etwas in eine völlig unnütze Whatsapp-Gruppe geschrieben hat oder irgendein Event in meiner Nähe ansteht. Und ich werde immer wieder abgelenkt, egal wie unwichtig die Nachricht ist. Also: Ich werde das abstellen, denn wenn es blinkt, gucke ich nach, ich kenne mich. Mal schauen, ob die Maßnahme reicht, immerhin habe ich noch eine alte Chaiselongue, die neu gepolstert werden will. Und die andere Hälfte des Papierstapels wartet auch noch.

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