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Untenrum schön: Adé Sprücheshirt: Wieso sich Socken zum neuen Statement-Piece gemausert haben

Früher verschwanden sie keusch unter dem Hosenbund, inzwischen haben sich Socken von der Notwendigkeit zum echten Trend-Teil entwickelt – und das ist auch gut so! Ein Plädoyer für die Statement-Socke.

Von Jule Schulte

Statement-Socken

Socken haben sich von der Notwendigkeit zum It-Piece gemausert

Unsplash

Ich erinnere mich noch, als wäre es erst gestern gewesen, an den Tag, an dem ich zum ersten Mal mit meinem nigelnagelneuen T-Shirt in die Schule stolzierte. Es bestand aus beigefarbenem Vollplastik und vorne auf der (nicht vorhandenen) Brust prangte in Glitzerbuchstaben das Wort "ZICKE". Mein Gott fühlte ich mich cool! Das war Glitzer, das war frech, das war irgendwie selbstironisch –  kurzum alles, was man sich von einem Outfit erhoffen konnte.

Doch mit der Zeit wurden die Firmen übermütig und begannen, immer mehr und immer längere Sätze auf Oberbekleidungsstücke zu drucken. Was einst ein einfaches "ZICKE" gewesen war, wurde zu halben Romanen. Bestes Beispiel: "Ich habe auch Augen, du Arsch!" (Wieso man sich 27 Zeichen mitten auf die Brust druckte, wenn man nicht wollte, dass sie sich jemand ansah, habe ich übrigens noch nie verstanden.) Das war mir zu bunt und meine Liebe zu Statement-T-Shirts erlosch genau so schnell wie sie aufgekeimt war. Ich rede zwar viel, aber meine gedruckten Statements mag ich trotzdem lieber prägnant. 

 

Die Socke ist die Cinderella-Story der Bekleidungsindustrie

Doch dann passierte etwas: Es wirkt beinahe, als wäre das Statement über die letzten Jahre immer weiter am Körper hinuntergerutscht. Von der Brust, mit kurzem Abstecher auf den Po – wir erinnern uns an die Ära der "Juicy"-Jogginghosen – in direktem Weg auf … die Füße! Denn seit einigen Jahren liegt es mitten im Trend, den Socken mindestens genau so viel Aufmerksamkeit zu widmen wie dem Rest des Outfits. Sei es die bunte Socke zum biederen Anzug oder das berüschte weiße Söckchen in der Sandale – der Strumpf ist schon lange keine pure Notwendigkeit mehr. Und - spätestens seit die Hosen weit über den Knöchel gekrempelt werden - eine gern genutzte Leinwand für das etwaige politische Statement oder Augenzwinkern.

Und denkt man länger darüber nach, ergibt es eigentlich auch wirklich großen Sinn: Längeres Starren auf den Knöchel wird niemand als belästigend empfinden, den Spruch auf der Socke des Sitznachbarn im Bus zu erspähen ist außerdem viel unauffälliger. Auch in Sachen Prägnanz hat die Socke dem T-Shirt einiges voraus. Versuch mal "Sei einfach du selbst! Es sei denn, du kannst ein Einhorn sein – dann sei ein Einhorn!" auf eine Socke zu drucken. Wird nix. Und das ist auch gut so! Auf meinem T-Shirt stand ja auch nicht "Manchmal kann ich pubertäre 13-Jährige eine ganz schöne Zicke sein, aber das nehmen wir alle mit Humor". Weil das viel zu lang gewesen wäre. Prägnant. Kurz. Einprägsam.

Irgendwie retro, aber irgendwie auch modern

Eine Socke ist nah am Boden, was mich dazu verleiten möchte, in ihrem Zusammenhang das Wort "bodenständig" zu verwenden. Sie drängt sich nicht in den Mittelpunkt des Outfits sondern rundet es ab. Sie schleicht sich in das Unterbewusstsein des Betrachters ein und sorgt dafür, dass das Ensemble im Gedächtnis bleibt. Sie ist irgendwie retro aber auch irgendwie modern. Irgendwie cool und irgendwie total nerdy. Irgendwie schick und irgendwie nicht. Im Grunde ist sie der Ugly-Christmas-Sweater der Unterwäsche. Früher hat man sie von Oma geschenkt bekommen und fand sie – wenn man ganz ehrlich war – fürchterlich, heute hat sich daran vielleicht nicht viel geändert, aber man trägt es mit ein paar persönlichen Veränderungen einfach offensiver nach außen. 

Vom Nutzobjekt zum Trend-Piece. Kurzum: Die Socke ist die Cinderella-Story der Bekleidungsindustrie.

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