HOME

MÄNNER+MODE: So weit die Socken tragen

Die Römer gaben ihnen den Namen, die Byzantiner das Muster. Heute werden sie gern von Waschmaschinen vertilgt. Für den stern ließen Schauspieler ihre Füße einkleiden.

Eine Socke kommt selten allein. Aber es dauerte ungefähr 400 Millionen Jahre, bevor sie sich als unentbehrliches Gewirke menschlicher Zivilisation durchsetzen konnte. Zunächst musste der Vorläufer des Menschen die Schwimmflossen ablegen und festen Boden unter den Füßen akzeptieren. Vor ungefähr 3,5 Millionen Jahren lernte der Australopithecus afarensis den aufrechten Gang und machte sich auf den langen Weg vom Jäger und Sammler zur Laufkundschaft.

Schon Ötzi trug Leggins

, und als Kälteschutz hatte er sich noch Heu in die Schuhe gestopft. In der Antike kam die erste Socke auf, die Römer gaben ihr den Namen, soccus. Im Byzantinischen Reich trug die Oberschicht bereits weiße, farbige und gemusterte Wadenstrümpfe aus Brokat oder Seide. Als die Germanen sich zur großen Völkerwanderung auf die Socken machten, trugen sie noch wollene Fußlappen, Beinbinden oder Wickelgamaschen, die sie mit Riemen ans Bein banden. Doch bald streift sich Mitteleuropa den Wadenstrumpf über die Füße, er wird zum hüftlangen Beinling.

Im 16. Jahrhundert kommen feine Seidensocken auf, schwarze für die Dame, weiße für den Herrn. Eine Zeit lang trägt der Herr zum Neglig? gestreifte oder melierte Strümpfe. Aber erst im 20. Jahrhundert entwickelt sich das Verhältnis zwischen Mann und Socke zur naturseidenen Partnerschaft.

Wegen fehlender Nylons

steigen während des Zweiten Weltkriegs die Frauen auf Söckchen um. Die Herren tragen wieder Fußlappen nach germanischer Art, ein barbarischer Rückfall, wenn auch in Militärstiefeln verborgen. Verborgen auch das Wissen um die stin-kenden Soldatensocken der Nationalen Volksarmee. Eine Doktorarbeit der Universität Greifswald zu diesem sensiblen Thema wird als »vertrauliche Dienstsache« verschlossen.

Socken, besonders die roten, sind kampagnenfähig. Am Tag der letzten Bundestagswahl, dem 27. September 1998, schreitet der künftige Bundeskanzler Gerhard Schröder über einen Arme-Socken-Teppich zur Wahlurne, ein Ultimedia-Kunstwerk aus Strümpfen Tausender Erwerbsloser, mit dem der engagierte Künstler Josef Hack für Menschen wirbt, die keine Lobby haben, Arbeitslose, Obdachlose, Verlierer.

Auf der anderen Seite der Gesellschaft hat es die Socke zur sozialen Visitenkarte gebracht. Der Gentleman trägt Schwarz bis zum Knie, zum Smoking die Socke aus Seide. Im System der Dresscodes laufen die Labels von Joop!, Esprit und Cardin als sichere Basiswerte. Die Spaßgesellschaft findet Moorhuhnsocken zum Schießen, goutiert komische Socken von Tetsche und Uli Stein, Snoopy, Sesamstraße und Simpsons. Für Kinder gibt es Harry-Potter-Socken als gängiges Motiv und Socken, die mit den Augen rollen.

Trendy und gesund: Die Venensocke, je nach Marke heißt sie auch Relax oder Sensitive ohne Gummi. Cool: Die Abendsocke aus Fil d?Ecosse, dem schottischen Doppelzwirn: Baumwolle innen (nimmt die Feuchtigkeit auf), Wolle außen (wärmt). Die Vielfalt der Sockentypen folgt dem Prinzip postmoderner Individualisierung. Der Kurventechniker wählt Homepads mit Gumminoppen, der grob gestrickte Naturbursche die dicken Hüttenschuhe aus reiner Schurwolle oder Bama-Socken für die Gummistiefel. Ärzte tragen immer noch weiß, Tennisspieler, Athleten und Fun-Runner greifen zur atmungsaktiven Einzelsocke, L und R, links und rechts getrennt, mit anatomischen Plüschpolstern von der Zehe bis zur Ferse.

Baumwollsocken lassen den Fuß aufatmen

, doch Naturfasern verschleißen schnell und verlieren die Farbe. Strümpfe aus Merino-Kammgarn sind geschmeidig und warm, Cashmeresocken reiner Luxus, kuschelweich, teuer und schnell kaputt. Die echte Dauersocke hat 80 Prozent Schurwolle und 20 Prozent Kunstfaser. Bei Ladage & Oelke in Hamburg sind neuerdings Kniestrümpfe mit Zopfmuster und Bommel gefragt, passend zum Schottenrock, der bei echten Kerlen gerade modern wird.

Obwohl aus dem Alltag nicht wegzudenken, ist die Socke in der Poesie merkwürdigerweise kaum zu finden. Herbert Achternbusch nennt sein 13. Theaterstück »Der Stiefel und sein Socken«, auch Goethe war Füßen zugetan, Strindberg vermutlich sogar Fußfetischist. Thomas Mann ließ seine Socken bügeln, Albert Einstein dagegen machte sie zum Ziel erkenntnistheoretischer Kritik. »Socken schaffen nur Löcher.«

»Zwischen Knie und Sockenrand

/ ist erotisch ödes Land», dichtet F.W. Bernstein und spricht damit rund einem Drittel der Frauen aus dem Herzen, die es haarig finden, wenn beim Mann wegen zu kurzer Socken weißes Bein sichtbar wird. Womit nichts gegen das Bein gesagt ist und schon gar nichts gegen den Fuß. Die Schnüffler unter den Sexualforschern haben herausgefunden, dass Fußschweiß in seiner Zusammensetzung den im Genitalbereich produzierten Duftstoffen ähnelt und sexuell stimulierend ist. Längst haben clevere Dealer die Witterung aufgenommen und die duftende Marktlücke erkannt. Stink Big! Die Dallas Cowboys verkaufen gebrauchte Socken für umgerechnet 20 Euro. Und im Internet bietet die Adresse www.dreckigesocken.de offenbar besonders erotische Socken, weil ungewaschen und vollaromatisch.

Trotzdem gelten Männer, die beim Liebesakt die Socken anbehalten, nicht als große Lover. »Warum ziehen diese Typen beim Sex die Socken nicht aus?«, fragte das Fachblatt »Cosmopolitan« erschüttert. Weil sie dann schneller fliehen können? Wollen sie damit einen Rest männlicher Intimsphäre bewahren? Oder kriegen sie kalte Füße? Fakt ist: Ein Gentleman lässt niemals die Hose runter, bevor er sich seiner Socken entledigt hat.

Was die Socke verbirgt, ist gleichsam ein Renner der Evolution. Der menschliche Fuß, »ein Kunstwerk aus 26 Knochen, 114 Bändern und 20 Muskeln«, wie Leonardo da Vinci fand, eine höchst komplizierte und geniale Konstruktion zweier ineinander gefügter Gewölbe, wirkt unter dem ständigen Druck von manchmal 100 Kilo wie eine Feder, ein hocheffizienter Stoßdämpfer, der beim Joggen das Zwei- bis Dreifache des Gewichtes abfedern muss.

Ob ein Fußballer das Leder

in Sekundenbruchteilen von Null auf 120 schießt, ob ein Eisschnellläufer in der Kurve einen Druck von 13 Zentnern auf den Füßen aushält oder eine Hausfrau Schritt für Schritt ihr normales Pensum von sieben Kilometern am Tag zurücklegt, Socken lindern den Schmerz, steigern die Laufleistung und halten das komplizierte Fußwerk auf Betriebstemperatur. 150 Millionen Schritte legt ein Mensch in seinem Leben zurück, 100 000 Kilometer - wobei Hunderte von Socken auf der Strecke bleiben.

Doch wo genau? Ungelöst bleibt das Phänomen der verlorenen Socke, eines der großen Welträtsel, in Japan als »ruzu sokusu« bekannt. Interessanterweise manifestiert sich in der Socke das Risiko jeder Paarbindung, die plötzliche Trennung nach jahrelangem Zusammenleben. »Der Spiegel« enthüllte, dass an Hollands Stränden mehr linke als rechte Socken angespült werden, ohne jedoch den Grund dafür nennen zu können.

Neuere Forschungen in der Quantenmechanik

halten es für möglich, zwei Quantenpartikel miteinander zu verkoppeln, auch wenn sie sich an entgegengesetzten Enden des Universums befinden. Aber in der praktischen Anwendung auf der Ebene der Socke versagt der universale Kopplungsgedanke. Sie streben auseinander. Deshalb hat der Reutlinger Sockologe Dennis De ein Sockenpaar entwickelt, das auch in der Waschmaschine unzertrennlich bleibt. Ein Druckknopf hält das Paar zusammen. Es kann unter snapsock.de im Internet bestellt werden.

Wer eine Suchmaschine auf verlorene Socken ansetzt, wird allein bei Google 149 000-mal fündig. Die Socke im E-Commerce hat Zukunft. Eine dänische Firma schickt eine Packung mit zehn nummerierten Sockenpaaren über www.10socks.com. Und wer Socken wie eine Zeitschrift abonnieren möchte, kann dies unter soxinabox.de. Wozu auch die Lauferei.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren