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Lobgesang auf simple Freuden: Warum ich aus Leidenschaft Spießer bin

Die Generation Y wird seit Jahren spießiger, stellen Soziologen fest. Doch noch immer ist der Begriff negativ konnotiert. Völlig zu Unrecht, wie unser Autor findet. Eine Ode an die Spießigkeit.

Ein kleines Modellhäuschen steht auf einer Rasenfläche (Symbolfoto)

Das Eigenheim mit Garten: Ein Ort der völlig unterschätzten Freuden des Alltags

"Alle spielen jetzt Golf, jeder fährt Passat / Keiner tätowiert sich Wu-Tang auf'n Arsch", beschwerte sich Marteria bereits 2014 über das sich angeblich ausbreitende Spießertum in seiner Generation. "Alle haben 'nen Job - ich hab' Langeweile", war die durchaus amüsante Punchline dazu. Aber ist das wirklich so? Ist die Generation Y, also der Geburtenjahrgang von 1980 bis zur Jahrtausendwende, langweiliger als die davor? Werden wir früher "alt"?

Schon meine (ziemlich lässige) Deutschlehrerin in der Oberstufe war sich sicher: "Bei uns früher ging es irgendwie deutlich mehr ab als bei euch." Mehrere Studien zum Thema geben ihr recht. Junge Leute streben heute nach mehr Sicherheit, sind sich viele Soziologen einig. Statt sich gegen die Eltern aufzulehnen, wird ihnen nachgeeifert. Mama und Papa als Vorbild. In turbulenten Zeiten mit Klimawandel, Währungskrisen und Terrorismus – so zumindest die gängigste Begründung – dürstet es junge Erwachsene nach sicherem Job und (Reihen-)Haus mit Garten. Schön den Kredit abstottern, während der Nachwuchs auf dem akkurat gemähten Rasen tobt.

Vom zwanghaften Lösen von Zwängen

Das gilt – aus mir unerklärlichen Gründen – als hochgradig uncool. Spießer seien "engstirnige" Menschen, die sich "durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung auszeichnen", meint Wikipedia dazu. Der Volksmund versteht unter Spießer allerdings weitaus mehr, als den klassischen Aus-dem-Fenster-Pöbler, der den Kindern auf der Wiese vor dem Haus verbieten will, Spaß zu haben. Alles was irgendwie nah dran ist an dem, was die vorherige Generation auch schon gemacht hat, gilt vielen als spießig. Dabei hätten wir doch heute alle Möglichkeiten und könnten uns loseisen von den Zwängen der Gesellschaft.

Eben! Freiheit heißt natürlich auch, sich die Freiheit nehmen, nichts zu ändern. Wer meint, sich zwanghaft von vermeintlichen Zwängen befreien zu müssen, sitzt am Ende wieder im gleichen Zug – nur ein Gleis weiter. Dinge sind ja nicht scheiße, nur weil sie schon lange von vielen anderen gemacht werden. Dinge sind scheiße, wenn sie scheiße sind. Und unter dem, was viele unter "spießig" verstehen, ist allerlei dabei, was völlig zu Unrecht negativ belegt ist.

Ich persönlich erfreue mich zum Beispiel an meinem fein gemähten Rasen, an einem penibel aufgeräumten Schuppen, an dem jedes Werkzeug seinen zugeteilten Platz hat oder daran, mit einer Grillschürze bekleidet Würstchen zu wenden. Auch Fahrradausflüge mit den Kindern – in meinem Fall Singular – sind deutlich besser als ihr Ruf. Oder früh ins Bett gehen, statt die Nacht durchfeiern – ein völlig unterschätztes Vergnügen! Überhaupt: Ruhe, Zeit zuhause verbringen. Und das geregelte Einkommen, der Bausparvertrag samt Traum vom Eigenheim. Das sind – für mich zumindest – alles sehr erstrebenswerte Dinge.

"Niemand hat 'nen Trichter – alle saufen Wein" und "Keiner macht mehr Malle – alle fahren nach Schweden", weiß Marteria dazu beizutragen. Wanderurlaub statt Saufgelage. Ein Glas Wein auf der Terrasse statt Korn-Cola aus dem Festival-Pappbecher. Klingt für mich plausibel.

Feines Haus, feines Auto, feines Leben

Den Drang, alles anders zu machen, als die Generation davor, entwickelt man nur, wenn man mit dem ständigen Gefühl aufwächst: Irgendwie ist alles um mich herum scheiße. Wenn man sich aber die Eltern anguckt und denkt: Feines Haus, feines Auto, feines Leben, warum sollte man dann nach etwas anderem streben? Ein sicherer Job, möglichst viel Zeit mit der Familie, möglichst gute Altersvorsorge. Was zur Hölle sollte daran schlecht sein?

Da fällt mir die grandiose Werbung mit Ingo Naujoks als Anarcho-Papa und seiner kleinen Tochter in einer alternativen Bauwagensiedlung ein. Das Mädchen berichtet von ihren Freunden, die "ein eigenes Haus haben, wo jeder sein eigenes Zimmer hat" oder die "Wohnung auf dem Dach, von wo aus man die ganze Stadt sehen kann". "Alles Spießer", weiß der Papa zu entgegnen. Aber das Mädchen scheint von der Argumentation nicht überzeugt: "Wenn ich groß bin, will auch mal Spießer werden", sagt sie trocken. Sehr nachvollziehbar.

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