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Gefährliches Dilemma: Ich fahre einen Kleinwagen – lasst mich leben!

Unsere Redakteurin fährt täglich mit ihrem Kleinwagen zur Arbeit, erlebt dabei immer wieder brenzlige Situationen und stellt sich vor allem die Frage, wie sie damit umgehen soll.

Ein Kleinwagen parkt eingequetscht zwischen zwei Lkw

Kleinwagenfahrer haben es nicht leicht im Straßenverkehr (Symbolbild)

Kürzlich fuhr ich früh morgens, als es noch dunkel war, auf die Autobahn. Direkt hinein in zähflüssigen Verkehr. Ich konnte auf der rechten Spur verkehrsbedingt nur 60km/h fahren. Überholen war auch nicht möglich, weil auf der linken Spur alles dicht war. Den hinter mir fahrenden Lkw-Fahrer schien das so wütend zu machen, dass er mir das die nächsten drei Kilometer mit dichtem Auffahren und seinem Aufblendlicht vermittelte. Bis ich endlich die Möglichkeit hatte zu überholen.

Das war die erste Situation, in der ich mich fragte: War es die richtige Entscheidung, dass ich mich Mitte letzten Jahres dazu entschlossen hatte, vom Mittelklassewagen auf einen Kleinwagen umzusteigen? Meine ursprünglichen Gründe: Ich wollte bei Steuern und Versicherung sparen, wenn ich täglich mit dem Auto zur Arbeit fahre. Außerdem machte mir das Auto direkt von Anfang an riesengroßen Spaß. Es ist flink, wendig, klein und bringt mich bequem von A nach B. Wären da nur nicht die anderen Verkehrsteilnehmer.

Bevor ich auf den 60-PS-Kleinwagen umstieg, fuhr ich jahrelang hochmotorige Mittelklassewagen. Auch mit diesen Fahrzeugen gab es kritische Situationen – das passiert sicher jedem Autofahrer, der häufig hinterm Steuer sitzt. Trotzdem beschleicht mich täglich mehr das Gefühl, dass es mit einem Kleinwagen noch häufiger der Fall ist. 

Der Führerschein einer Britin

Die 18-jährige Schottin Eve Paterson twitterte ihren Führerschein. Der Grund: ihr ungewöhnlicher Wohnort. 

Wieso tue ich mir das eigentlich an?

Mein Arbeitsweg führt mich von einem Vorort ins Hamburger Zentrum. Ich fahre ein paar Kilometer über eine Landstraße, zwei stark befahrene Autobahnen und schließlich durch die Hamburger City. Dabei erlebe ich fast täglich Situationen, bei denen ich kurz mal durchatmen muss und mich frage, wieso ich mir das eigentlich immer wieder antue.

Auf einer Autobahnabfahrt etwa überholte mich rasant ein BMW-Fahrer. Weiter vorne auf der Abfahrt befand sich allerdings ein Liegenbleiber, der einen Wildunfall gehabt hatte. In den fuhr der BMW fast frontal hinein. Er konnte gerade noch so auf die Gegenfahrbahn ausweichen. Gut für ihn, dass in dem Moment die Fahrbahn frei war.

Was ich lernen musste: Als Kleinwagen-Fahrer habe ich auf der Autobahn nichts auf der linken Spur zu suchen. Einmal ausgeschert, erscheinen direkt zwei aufblendende Scheinwerfer im Rückspiegel. Bei dieser Art Dränglern kann ich mich noch halbwegs auf die darauf folgende Situation einstellen – sie überholen rechts auf der mittleren Spur. Viel schlimmer sind die Fahrer, die ohne Drängeln direkt rechts überholen.

Dabei gebe ich eigentlich keinen Grund zum Drängeln. Ich schere nur dann aus, wenn ich wirklich ein anderes Fahrzeug überholen möchte, was zu langsam fährt. Dann gebe ich aber auch Gas und ziehe so schnell wie möglich vorbei. Dabei kann ich leider keine 200 km/h fahren, weil das die Motorisierung meines Fahrzeugs nicht hergibt, aber nicht mal für einen kurzen Überholvorgang haben die Drängler Geduld. 

Geteiltes Leid ist trotzdem Leid

Erst kürzlich fuhr ich mit meinem Freund in dem Kleinwagen zum Shoppen. Er fährt sonst einen Kombi mit ca. 180 PS. Auf der Rückfahrt saß er am Steuer und wir wurden auf nur 20 Kilometern Autobahnfahrt zweimal gedrängelt. Auch direkt beim Überholen, wenn es gar keine Ausweichmöglichkeit gibt. Er meinte anschließend nur: "Wie hältst du das nur aus?"


Ich will nicht den Moralapostel spielen à la "Nehmt euch mehr Zeit und stresst euch und andere nicht!". Schließlich kennt jeder Autofahrer diese Warnungen. Vielmehr frage ich mich: Welche Konsequenzen ziehe ich daraus? Sollte ich mit einem Hummer zur Arbeit fahren? Weiche ich doch lieber auf den stark überfüllten Zug aus oder klebe mir einen leuchtenden Aufkleber auf die Heckklappe, mit einer niveaulosen Botschaft an alle Verkehrsteilnehmer hinter mir? Dass ich auf Drängler pfeife, birgt zu viele Gefahren.

Derzeit habe ich keine Idee, wie ich mich richtig verhalten kann. Gleichzeitig habe ich die Befürchtung, dass es auch anderen Autofahrern so geht. Laut Statistischem Bundesamt starben im Jahr 2016 zwar weniger Menschen bei Verkehrsunfällen als in den Vorjahren. Die Statistiken besagen aber auch, dass die Zahl der Pkw auf Deutschlands Straßen steigt. Wir müssen uns also wohl oder übel mit der Situation abfinden, dass es immer voller auf den Straßen wird und wir nicht mehr so schnell vorwärts kommen, wie wir gern würden.

Wir brauchen alle dringend mehr Geduld.


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