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Digitales Lesen: Booktube - so funktioniert das Youtube für Buchnerds

Ob Make-up, Küchengeräte oder Gitarrenverstärker, im Internet darf jeder alles bewerten. Auch Bücher. Auf Youtube hat sich eine eigene Nische entwickelt: Booktube. Auch Verlage haben sie für sich entdeckt.

Jessy vom Booktube-Kanal "MelodyOfBooks"

Seit 2014 teilt Jessy auf ihrem Booktube-Kanal "MelodyOfBooks" ihre Leidenschaft für Bücher mit der Welt

"Oh man, es ist so ärgerlich: Der September ist schon wieder vorbei und ich konnte tatsächlich nicht wirklich in Lesegenuss kommen, denn es war so krass mega viel los … dadurch ist das Lesen einfach voll in den Hintergrund gerückt." Wenn Jessy über Bücher redet, tut sie das ohne Punkt und Komma. Hinter ihr eine Wand aus Büchern, neben sich einen Stapel, erzählt die 28-jährige Berlinerin, was sie in den vergangenen vier Wochen gelesen hat. Der Schreibstil sei flüssig, das Cover wunderschön und die Geschichte spannend. Aber nur drei Bücher in einem Monat? Für Jessy ist das sehr wenig. Im Juni 2016 schaffte sie 15. "Für alle Statistiker unter Euch hier die Eckdaten: Ich habe 15 Bücher gelesen, das sind insgesamt 5487 Seiten also 182,9 Seiten pro Tag", sagte sie damals in ihrem "Lesemonat".

Immer mehr Youtuber widmen sich auf der Video-Plattform dem Lesen. Da werden Bookhauls vorgestellt, TAGs beantwortet und über einen viel zu hohen SuB gestöhnt. Wer jetzt nur die Hälfte verstanden hat: Herzlich willkommen in der Welt von Booktube!

Yale Universität Studie: Wer mehr liest, lebt länger

Booktube: Emotion statt Erörterung

Viel lesende Menschen filmen sich vor ihren vollen Bücherregalen und reden ungefiltert und authentisch über ihr liebstes Hobby: das Lesen. Die Grenze zwischen Fan und Rezensenten ist hier oft fließend. Die Lektüre wird nacherzählt, statt sich mit ihr auseinanderzusetzen. Es sind die Geschichten und Figuren, die die Booktuber interessieren. Sprachlicher Stil, Aufbau und Struktur der Romane kommen häufig zu kurz. Die meisten gelesenen Bücher werden positiv bewertet. Statt literaturwissenschaftlicher Kategorien herrscht hier das Gefühl. Ist eine Figur nicht sympathisch oder kann sich der Leser nicht in sie hineinversetzen, erhält das Werk gleich einen Stern, respektive Herz, Lese-Eule oder Bücherwurm weniger. Außerdem wichtig: Die Lektüre muss schnell gehen. Denn in den Lesemonaten will man ja nicht ohne einen zumindest halbwegs vorzeigbaren Bücherstapel dastehen.

Mit Literaturkritik im traditionellen Sinne hat das alles wenig zu tun. Doch diesen Anspruch haben die meisten Booktuber auch gar nicht. Vielmehr geht es um das Zelebrieren eines gemeinsamen Hobbys, den Austausch, die Gemeinschaft, dem "Social Reading". Schließlich ist Lesen an sich erst einmal ein recht einsamer Zeitvertreib.

Dennoch wäre es ungerecht, alle Youtuber über denselben Fantasy-Lichterketten-Funko-Pop-Kamm zu scheren. Denn auch Klassiker finden auf Youtube zunehmend ihren Platz. So unterhalten sich Anne vom Kanal "Literaturlärm" und Sophie vom Kanal "VersTant" 16 Minuten lang über Klaus Manns "Mephisto". Sophie findet auf ihrem Kanal fünf Gründe, warum man Thomas Manns Zauberberg lesen sollte. Im Frühjahr fanden sich 13 Booktuber zusammen, um unter dem Hashtag #klassikerwoche eine Reihe von Videos über Lyrikerinnen, polnische Klassiker oder Shakespeares "Sturm" zu präsentieren.

Verlage: Über Youtube auf Tuchfühlung mit den Lesern

Der Buchkauf ist eine digitale Angelegenheit geworden. Der Buchladen ist das Internet, die Empfehlungen Amazon-Rezensionen, Lovelybooks, Blogs oder eben Youtube. Das haben auch die Verlage erkannt und arbeiten regelmäßig mit Bloggern und Booktubern zusammen. Besonders im Jugendbuch- und Fantasy-Bereich nutzen sie sie als Multiplikatoren mit ihrer Leserschaft. Hier ist die Fan-Gemeinde um bestimmte Reihen besonders groß. Für den S. Fischer Verlag gilt aber auch für Buchblogger: "Eine Buch-Besprechung muss eine unabhängige Rezension sein", sagt Martin Spiels, Leiter der Kommunikation "Zeit Online". Besonders interessant seien nicht nur die Blogger selbst, sondern die Zielgruppe, die diese mitbringen.

Der Random House Verlagsgruppe aus München hat eine eigene Plattform für Blogger. Einmal angemeldet, können hier Rezensionsexemplare angefragt und sich über verschiedene Aktionen informiert werden.

Für den Carlsen Verlag muss ein Kanal mehr als 1000 Follower haben, seit mindestens einem Jahr aktiv sein und regelmäßig Inhalte veröffentlichen, um Leseexemplare zu erhalten oder besondere Aktionen zusammen mit dem Verlag zu planen. Auf seiner Website kürte der Verlag eine Zeit lang den Blogger des Monats und teilt besonders gut geschriebene Blogposts über sein Social Media Kanäle.

"Wenn Du Mainstream liest, dann lies halt Mainstream"

Jessy vom Kanal "MelodyOfBooks" ist eine von denen, die es geschafft hat. Mit bald 17.000 Abonnenten zählt sie zu den Großen unter den deutschen Booktubern. Rezensionsexemplare erhält sie regelmäßig und sie organisiert Gewinnspiele für ihre Abonnenten. Neuen Booktubern empfiehlt sie: "Hab Spaß und mach das, was dich glücklich macht. Wenn Du Mainstream liest, dann lies halt Mainstream, und wem es nicht passt, dem passt es halt nicht." 

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