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Freizeit: Der Hüttenurlaub

Wir beobachten das Leben am liebsten vom Bildschirm aus. Wie wäre es, unter den 1268 Facebook-Freunden die wirklich wichtigen zu mobilisieren und sich vor dem digitalen Overkill auf eine Hütte zu retten? So wird der moderne Zwangsindividualist wieder zum Gruppentier.

Franzosen sonnen sich nur an Stränden mit anliegendem Großparkplatz, die italienische famiglia picknickt am liebsten direkt neben der Autobahn oder viel befahrenen Passstraßen. Die Sehnsucht nach der unberührten Natur ist eine deutsche Marotte aber ausnahmsweise eine gute. Sie entstand in Zeiten der Industrialisierung, als Dampfmaschinen und Hochöfen den Wunsch nach Rückzug und Ruhe befeuerten. Heute ist diese Sehnsucht aktueller denn je:

Weil der moderne Selbstausbeuter zumindest ein paar Tage im Jahr komplett unerreichbar sein sollte. Weil Abwechslung immer eine gute Idee ist. Weil frische Luft gut tut. Weil es Spaß macht, sich selbst und die Freunde mal in festem Schuhwerk und karierten Bettdecken zu erleben. Und weil es verdammt schön ist, wenn der Berg ruft, der Wald schweigt und das Meer rauscht. Mit dem Geschnarche im Schlafraum wird man schon fertig, versprochen.

Location, Location

So viel Raum die Natur bietet, die Anzahl an Hütten ist begrenzt. So geht man bei der Suche vor.

Wunsch und Wirklichkeit: Wer eine authentische Hütte finden will, muss auf altmodische Techniken Zurückgreifen: Telefonieren etwa. Hüttenwirte sind nicht auf Twitter.

Wegweiser: Hat man seine Zielregion gewählt, fragt man am besten bei den dortigen Fremdenverkehrsämtern, bei Forstämtern, Vereinen (Jagdverein) und Verbänden (Naturschutzverband, Skiverband) nach. Diese vermitteln Hütten, die oft seit Jahrhunderten instandgehalten werden. Allein der Deutsche Alpenverein (DAV) vermietet Dutzende Selbstversorgerhütten sowie Tausende Schlafplätze in bewirtschafteten Hütten. Die Kosten betragen auch für Nichtmitglieder maximal 28 Euro pro Nacht.

Na gut, ein Internettipp: Über Facebookseiten wie »Hüttenurlaub« oder »Hütten & Almen« (beide mehr als 10 000 Mitglieder beziehungsweise Fans) erfährt man kurzfristig von frei werdenden Hütten.

Naturgesetz: Im Winter sind die Mietpreise grundsätzlich höher.

Nachhaltigkeit: Sobald man mal eine schöne Hütte gemietet hat, heißt es dranbleiben: Betreiber vermieten gerne an bekannte Gesichter.

Timing und Booking: Wer Silvester auf einer Hütte feiern will, sollte bereits im Januar buchen.

Man muss nicht den kompletten Hausrat mitschleppen, aber diese sieben Dinge sollte man mitnehmen.

Immer dabei

Flachmann: Keeps the Wandernörgler moving.

Hüttenschuhe oder dicke Socken: Es ist so schön, nach einem langen Tag in der Stube anzukommen. Und dann in feuchten Strümpfen müffeln oder frieren? Auf keinen Fall!

Bettbezug: Einen Schlafsack braucht es auf der Hütte für gewöhnlich nicht. Es gibt Decken, Kissen und Wolldecken. Nur: Was auch immer da auf dem Bett liegt es kommt selten in den Genuss eines Waschgangs. Ein Bettbezug ist daher ein idealer Hygienemantel zum Hineinschlüpfen.

Feuchttücher: Was haben Thermomix, Kanye West und Hygienetücher gemeinsam? Sie sind Alleskönner. Die Tücher säubern dreckige Finger und ersetzen notfalls die Dusche.

Taschenlampe: Für Nachtwanderungen und den nächtlichen Klo gang.

Kartenmaterial: Mit der App »Maps 3D pro« kann man Wanderrouten online laden und offline anschauen. Bei analogen Karten auf den richtigen Maßstab achten. Gute Idee: Sich beim DAV beraten lassen.

Kaffeemaschine: Die meisten Hüttenküchen haben zwar eine Kaffeemaschine. Aber man kann ja nie wissen: Die Mini-Espressomaschine »Handpresso« läuft mit Muskelkraft.

Zu faul, um selber eine passende Hütte zu suchen? Die Top-Empfehlungen der NEON-Redaktion.

Holzhütte im Harz: Bis zu 26 Personen, 3 Schlafräume +++ rabensteiner-huette.de

Berghütte im Bayerischen Wald: 2 11 Personen, 2 Schlafzimmer +++ jagerhaisl.de

Almhütte im Allgäu: Für 20 Personen, 3 Schlafräume +++ herzalpe.de

Haus auf Römö am Wattenmeer: Für 5 Personen, 3 Schlafzimmer +++ airbnb.de

Räuberhütte im Schwarzwald: Maximal 18 Personen, 3 Schlafräume +++ raimartihof.de 

In der Küche

Wie man unter einfachen Bedingungen ein feines Menü zaubert, weiss TARIK Rose, Chefkoch im »Engel« in Hamburg.

Rinderragout mit Grillkartoffelstampf, zum Dessert Reste-Ritter

Zutaten für 4 Personen:

circa 1,5 kg Rinderschulter +++ Meersalz +++ 150 ml Olivenöl +++ 1 EL Paprikapulver +++ circa 500 g Zwiebeln +++ 2-3 Knoblauchzehen +++ 400 g Karotten +++ 1 Stange Lauch +++ 400 g Pastinaken +++ 2 EL Tomatenmark +++ 1 kg Dosentomaten, ganz +++ 750 ml Rotwein +++ 1 l Rinder- oder Gemüsefond +++ 2 Zitronen (Abrieb) +++ 4 Zweige Thymian +++ 1,5 kg große mehlige Kartoffeln +++ Pfeffer +++ 1/2 Bund Liebstöckel

So geht’s: Fleisch klein schneiden, mit Salz, Olivenöl und Paprikapulver würzen. Scharf anbraten. erst fein gewürfelte Zwiebeln und Knoblauch, danach restliches, grob gewürfeltes Gemüse dazugeben. Tomatenmark und abgegossene Dosentomaten hinzugeben. Nach und nach mit Rotwein ablöschen und immer wieder reduzieren lassen. Alles mit Fond und eventuell Wasser aufgießen. Mit Meersalz und Pfeffer würzen, circa 45 Minuten langsam bei niedriger Temperatur garen lassen. Vor dem Servieren Zitronenabrieb und klein gehackten Thymian dazu, abschmecken.

Für den Grillkartoffelstampf

Kartoffeln schälen, in Alufolie wickeln, im Ofen oder auf dem Grill bei 160 Grad garen. Grob stampfen. Butter, Salz, Pfeffer und gehackten Liebstöckel dazugeben.

Für die Reste-Ritter Altes Brot fingerdick schneiden, in einer Mischung aus Eiern, Milch, Zucker und Zimt einweichen, in Butter ausbacken. Dazu: gesüßte saure Sahne.


Nach dem Wandern

Draussen vom Platzregen überrascht worden? Mit diesen Tipps ist das kein Problem.

1. Vorsorge. Die meisten Synthetikfasern wie Polyester und Polyamid trocknen im Gegensatz zu Baumwolle und Wolle schnell. Deshalb sind Klamotten aus Kunstfasern für Hütten- und Wanderwochenenden eine gute Wahl.

2. Nachsorge: Wie man Durchnässtes trotzdem schnell trocknet? Buchstäblich in trockene Tücher bringen: Das nasse Kleidungsstück in ein großes Frottierhandtuch legen, eng darin einwickeln und auf der Rolle herumspringen. Das Tuch nimmt dabei fast die gesamte Feuchtigkeit aus der Kleidung auf. Klingt rabiat, ist aber schonender und effektiver als mühevolles Auswringen. Und was morgens immer noch leicht feucht ist, trocknet dann in kürzester Zeit durch Körperwärme.

Die Apps Wheatherpro oder Wetter.info treffen laut Stiftung Warentest die präzisesten Vorhersagen.

Zwei Prognosetricks von Survival-Cracks, die angeblich auch funktionieren: Steigt der Rauch eines Lagerfeuers langsam empor, ist das ein Anzeichen für kommendes oder lang andauerndes schlechtes Wetter. Steigt der Rauch schnell in den Himmel, wird es schön. Ähnlich soll es funktionieren, wenn man in frischen schwarzen Kaffee ein Stück Zucker hineinwirft und die aufsteigenden Bläschen beobachtet: Bei niedrigem Luftdruck drängen sie sich am Tassenrand und deuten auf Regen hin, bei hohem Luftdruck sammeln sie sich in der Mitte das Wetter wird gut.

Folgende Indikatoren

Wind und Wetter

Wichtigste Frage: Klappt das Outdoor-Programm oder muss man sich auf Indoor-Trinkspiele einstellen?

Folgende Indikatoren sollten selbst ernannte Wetterfrösche außerdem im Blick haben (je mehr dieser Punkte zutreffen, desto wahrscheinlicher die Prognose):

Für schönes Wetter spricht:

Tau oder Raureif am Morgen +++ grauer oder gelblicher Morgenhimmel +++ flauschige Schäfchenwolken (Cumuluswolken) +++ eher mäßige Fernsicht +++ Kondensstreifen von Flugzeugen lösen sich langsam auf

Für schlechtes Wetter spricht:

Dunkle und violette Wolkenbänke und Himmelsfarben +++ weiße Ringe um Sonne oder Mond (Halo) +++ aufziehender starker Wind +++ aufsteigender Nebel am Morgen.

Einfach Legendär

Hüttenwochenenden sind ein guter Nährboden für Anekdoten, Freundschaften und Liebesgeschichten.

Argiri Dilma, 30, Mediengestalterin

»Hüttenwochenende mit den Mädels. Samstagabend wollen wir zum Italiener im Nachbarort radeln. Auf der Strecke schüttet es so sehr, dass wir völlig durchnässt und durchgefroren dort ankommen. Um mich aufzuwärmen, bestelle ich Penne all’arrabbiata und bereue die Wahl nach dem ersten Bissen: Die Soße ist teuflisch scharf! Eine Mücke setzt sich auf den Tellerrand und isst von der Soße. Keine Minute später ist sie tot. Und wir? Bekommen noch heute Lachanfälle deswegen.«

Fiona Weber-Steinhaus, NEON-Redakteurin

»Ich habe meinen Freund in Österreich kennengelernt, auf einer desolaten Hütte. Er kochte für mich vegetarisches ›Himmel und Erde‹, räumte auf, tanzte, trank Bier, sah auch in Jogginghose gut aus. Hüttenurlaube sind der beste Test, um herauszufinden, ob jemand beziehungstauglich ist. Wir sind seit sechs Jahren ein Paar.«

Ursi Schmied, 35, Bloggerin

»Mit zehn Schulfreunden, nahe der italienischen Grenze. Das Abi ist fast fünfzehn Jahre her. Gegen Mitternacht: der erste Schnee des Jahres. Die halbe Mannschaft huscht über die Wiese, hebt den Deckel eines Holzfasses an und springt mehr oder weniger bekleidet hinein: Whirlpoolzeit. Ein heißes Bad, Gin oder Wodka Tonic in der Hand. Viel besser kann das Leben nicht sein.«


Dieser Text ist in der Ausgabe 01/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.

Von:

Pauline Krätzig