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Meinung

Zwischen Stillstand und Lebensziel : "Ich will endlich ankommen" – warum ich diesen Satz nicht mehr hören kann

Ankommen: Es scheint das höchste Ziel unserer Gesellschaft zu sein. Unsere Autorin kann das nicht nachvollziehen und fragt sich, ob wir einem Ideal nacheifern, das es eigentlich gar nicht gibt.

Glücklich, ohne irgendwo anzukommen: Ist das möglich? 

Glücklich, ohne irgendwo anzukommen: Ist das möglich? 

Getty Images

Der Bräutigam strahlte die Braut an. Tränen des Glücks standen in seinen Augen. "Mein ganzes bisheriges Leben wollte ich irgendwo ankommen", sagte er ins Mikrofon. Die Gäste um mich herum lächelten verständnisvoll. Ich seufzte innerlich. "Jetzt bin ich endlich angekommen. Bei dir." Zwei Jahre später waren sie bei der Scheidung angekommen. Zugegeben: Möglicherweise liegt es auch an dieser Erfahrung, dass der Satz "Ich möchte irgendwo ankommen" das kalte Grauen in mir auslöst. Aber auch schon vor der kurzen Ehe des Freundes habe ich jedes Mal innerlich die Augen verdreht, wenn der Satz fiel, in verschiedenen Ausführungen, manchmal wie eine Anklage.

"Willst du denn nicht endlich mal irgendwo ankommen?", fragten mich Freunde voller Sorge, als ich mit Mitte 20 das dritte Mal in drei Jahren in eine andere Stadt zog. Gerade so, als sei ich eine fünfmal geschiedene Hippie-Frau, die auch mit Mitte 60 noch aus dem Rucksack lebt. Bei einer Freundin klingt es fast wie ein Trost, wenn sie es sagt: "Du wirst schon auch noch irgendwo ankommen." Ich bleibe dann immer ein bisschen ratlos zurück. Und dann?, frage ich mich. Was passiert, wenn ich irgendwo angekommen bin? Muss ich da dann bleiben? Bis ich tot bin? Wie außerordentlich langweilig. Und wie können andere überhaupt behaupten, irgendwo angekommen zu sein, wenn sie gar nicht erst unterwegs waren? Er ist mir ein Rätsel, dieser nicht klar definierte Wunsch nach dem Ankommen.

Und doch beweist eine kurze Recherche im Netz: Es scheint eines der höchsten Ziele unserer Gesellschaft zu sein, anzukommen. Anscheinend kannst du an einem Ort oder bei einem anderen Menschen ankommen, erfahre ich. Oder, und das ist offenbar am besten, gleich beides. Und wenn du das nicht tust, dann solltest du dir Gedanken machen.

Was, wenn ihr einem Ideal nacheifert, das es eigentlich gar nicht gibt?

Vielleicht sollte ich eine Selbsthilfegruppe gründen. Denn ich finde tatsächlich Texte wie "Warum Nicht-Ankommer nicht normale Menschen sind" oder verzweifelte Blog-Posts mit Titeln wie "Ich will endlich ankommen", meistens von jungen Frauen verfasst, die offenbar schon mit Anfang 20 das Ende ihrer Fruchtbarkeit wie ein Damokles-Schwert über sich hängen sehen. Diese Menschen, die nirgends ankommen, so die landläufige Meinung, mit denen stimmt etwas nicht. Das sind die Einsamen. Diejenigen, die nie zufrieden sind. Die immer denken, es muss noch besser gehen. Der Job kann noch erfüllender sein, die Wohnung noch geiler, die Stadt noch größer. Das sind die Optimierer, die Gehetzten, die Verzweifelten.

Aber vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht ist es genau umgekehrt. Vielleicht sind gerade die, die nicht das Bedürfnis haben, irgendwo anzukommen, die zufriedeneren Menschen. Weil es eben in Ordnung ist, nicht die hundertprozentig und bis in den letzten Winkel durch-dekorierte kinderfreundliche Wohnung mit Treppenlift zu besitzen. Weil man weiß: Es ist ja nicht für immer. Weil man nicht im Job und im Alltagstrott frustriert und irgendwann im Halbschlaf und ohne jeden Elan nur noch das Nötigste macht. Weil klar ist: Sobald es mir nicht mehr gefällt, mache ich eben was anderes. Weil man immer weiß, dass es immer noch eine Alternative gibt.

Und ja, jetzt sehe ich sie schon vor mir, die Millennial-Kritiker, wie sie selbstgefällig nicken und sich die Hände reiben, bevor sie schwungvoll in die Kommentarspalte tippen, aus dem platt gesessenen Bürostuhl heraus, wo sie vor 30 Jahren angekommen und seitdem geblieben sind: "Diese typischen verwöhnten Generation-Y-Menschen, die sich nicht mehr binden können und sich auf nichts mehr einlassen können. Verlorene Seelen! Einfach nur traurig!"

Aber vielleicht liegt ihr falsch. Wir unsteten Generation-Y-Menschen können uns nämlich auf sehr vieles einlassen, auf mehr als ihr damals. Genau deshalb haben viele von uns nicht das Bedürfnis, schon mit Mitte 20 das Haus der Oma zu renovieren – und uns für den Rest unseres Lebens dort niederzulassen. Das heißt noch lange nicht, dass wir Millennials uns nicht auf andere Menschen einlassen können. Es gibt auch Kompromisse.

Im Gegensatz zu Statistiken, die zeigen, dass man im Alter immer weniger Freunde hat, werden es bei mir eher mehr. Weil ich eben nicht immer nur am gleichen Fleck bleibe und mich mit den immer gleichen Leuten beschäftige. Meine beste Freundin ist trotzdem dieselbe wie in Teenagerzeiten. Nur wohnt sie nicht im Nachbarhaus, sondern sechs Stunden Fahrt entfernt. Und das ist auch völlig in Ordnung. Weil wir wissen, dass schon einiges mehr als sechs Stunden Fahrt zwischen uns liegen müsste, damit wir nicht mehr befreundet sind.

Aus dem gleichen Grund funktioniert bei Freunden von mir seit zwei Jahren eine Fernbeziehung. Ich kenne ein verheiratetes Paar, das kurz nach der Hochzeit in zwei verschiedene Städte gezogen ist. Sie hatte ein Jobangebot bekommen, er wollte es ihr nicht vermiesen – und wird in einem halben Jahr nachkommen. Die Reaktion ihrer Freunde: Entsetzen. "Waren sie denn nicht gerade erst angekommen?" 

Euer Wunsch nach dem Ankommen ist doch nur Angst 

Ich glaube, dass dieser Wunsch nach dem Ankommen eigentlich etwas anderes ist: Angst. Angst vor Veränderungen, vor Neuem, vor Einsamkeit. Das ist ja auch verständlich. Wir Menschen sind eben Gewohnheitstiere und wollen möglichst lange das Leben führen, wie wir es gewohnt sind, wie wir das "schon immer" getan haben. Und so bleiben wir aus Angst in dem Job, in dem wir mittlerweile unkündbar sind, in der Stadt, in der wir unseren Stammtisch in unserer Stammkneipe mit Elke, Uwe, Tanja und Bernd haben und in der Ehe, die uns eigentlich schon seit fünf Jahren unglücklich macht.

Da ist es doch sehr praktisch, dass unser Totschlag-Argument gegen Veränderungen zum angesehenen Lebensziel hochstilisiert wurde, dass wir mit Elke, Uwe, Tanja und Bernd in unserer Stammkneipe darauf anstoßen und uns selbst auf die Schultern klopfen können: Wir sind angekommen. Für sie ist es ein Lebensziel, für mich bedeutet es Stillstand.

"Hinter dem Wort ankommen vermute ich die Sehnsucht, dass es diesen einen perfekten Ort gibt, den super sicheren Job, den ewigen Platz, wo man für immer glücklich ist. Und ich glaube: Den gibt es nicht", sagte mir kürzlich der Journalist Felix Zeltner in einem Interview. Er ist mit seiner Kleinfamilie in einem Jahr in New York zwölfmal umgezogen. Sie mussten sich ebenfalls viel Kritik anhören, viel Verständnislosigkeit. Doch möglicherweise hat er Recht – und unsere Gesellschaft eifert seit Jahrzehnten einem Ideal nach, das es eigentlich gar nicht gibt. 

Der geschiedene Freund, der dachte, er sei bei seiner Ex-Frau "angekommen", hat nach Monaten des Trennungsschmerzes übrigens eine neue Freundin gefunden. Sie scheinen sehr glücklich zu sein. "Fühlst du dich jetzt wieder angekommen?", fragte ich, neugierig auf seine Antwort, ob er vielleicht das Gefühl hat, den falschen Fahrschein gelöst zu haben oder so.

"Hm, da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht", sagte er. Er klang überrascht von sich selbst. "Ich habe eher das Gefühl, dass wir beide jeweils bei uns selbst angekommen sind und es deshalb so gut klappt."

Und möglicherweise ist das das ganze Geheimnis. Ganz abgesehen davon: Jeder kennt doch das von Konfuzius inspirierte Sprichwort, das wir mittlerweile so oft gehört haben, dass es ganz offensichtlich seine Bedeutung verloren hat: "Der Weg ist das Ziel.“ Wahrscheinlich klebt es genau bei denjenigen als Wandtattoo in der Küche, die sich damit brüsten, angekommen zu sein. Und vielleicht sollten sie es einfach noch einmal gründlich lesen und darüber nachdenken.

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