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Meinung

"Der will nur spielen": Ob auf der Arbeit oder im Park – lasst mich mit euren Tieren in Ruhe!

Tierliebe scheint heute eine Tugend von universellem Wert zu sein. Unser Autor aber will Tiere nur aus der Entfernung angucken – nicht anfassen, nicht streicheln und nicht mit ihnen spielen. Eine Polemik.

Aggressiver Hund fletscht die Zähne

"Der will doch nur spielen" – "Oh, das hat er noch nie gemacht."

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In der vergangenen Woche machte mal wieder eine Studie der Marke "Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden ..." die Runde. Die amerikanischen Wissenschaftler kamen in diesem Fall aus Boston und Colorado und ihre Forschung ergab kurz gesagt, dass Menschen mehr Mitleid mit verletzten Hunden haben als mit verletzten Menschen. Auf Facebook verbreiteten sich blitzschnell Grafiken mit süßen Fellnasen und dem entsprechenden Fakt darauf, darunter verlinkten sich eifrig meine Freunde und der Rest des Internets. Und ich fragte mich nur: Was ist los mit den Leuten?

Warum scheinen einigen Tiere zumindest in der ersten Gefühlsaufwallung mehr wert zu sein als Menschen? Warum entscheiden sich einige Paare lieber und freiwillig für einen Hund oder eine Katze als für ein Kind? Man kann sich – sofern man Empathie nicht nur für Tiere, sondern auch für Menschen hat – ein paar Gründe denken. Wirklich nachvollziehen kann ich es aber nicht.

Tierliebe als oberste Bürgerpflicht

Tierliebe scheint im 21. Jahrhundert, besonders in den Großstädten, ein ungeschriebenes Gesetz zu sein. Gut, man darf sagen, dass man kein Hunde- oder Katzenmensch ist. Aber eines von beiden sollte man schon sein. Tiere zu mögen, das steht im Wertekanon gerade ganz oben. Es wird einfach vorausgesetzt, denn wir sind doch alles anständige, zivilisierte Menschen, oder?

Deshalb wird erwartet, dass jeder mit Freuden den Kontakt zu anderen Spezies sucht. Dass das einigen vielleicht nicht so recht sein könnte, kommt dabei anscheinend gar nicht erst in Betracht. Kollegen bringen ihre Haustiere mit ins Büro, ohne die anderen zu fragen. Das mag noch okay sein, solange sich diese ruhig verhalten.

Aber wenn sie andere Mitarbeiter stören und belästigen, dann hört die Freiheit des Hundes dort auf, wo die Freiheit des Kollegen beginnt. Und mit Belästigen meine ich hier übrigens schon Beschnuppern.

Rücksicht ist für Tierhalter ein Fremdwort

Noch schlimmer ist es auf den Straßen oder im Park. Hundebesitzern scheint es ein besonderes Anliegen zu sein, jeden mit ihrem Haustier in Kontakt zu bringen. Zumindest nehmen sie es billigend in Kauf. Als Fußgänger wird man ständig von freilaufenden Hunden bedrängt, auch dort, wo diese schon qua Vorschrift an die Leine gehören, und muss sich dann mit einem gequälten Lächeln irgendwie höflich-souverän aus der Situation befreien. "Rücksicht" scheint da ein Fremdwort zu sein. Tierbesitzer können sich gern an ihren felligen Freunden erfreuen, nur sollen sie bitte andere damit verschonen. Aber wer das einem Hundehalter entgegenhält, wird gleich behandelt, als hätte er sich für jeglichen zivilisierten Diskurs disqualifiziert.

Das kann doch eigentlich nicht sein. So sieht es zum Glück auch das Oberlandesgericht Koblenz. Einem Jogger, der sich beim Versuch, einen nicht angeleinten Hund abzuwehren, verletzt hatte, sprach das Gericht einen Anspruch auf Schadensersatz zu. Passanten haben nun also auch das juristisch verbriefte Recht, sich gegen aufdringliche Hunde zur Wehr zu setzen.

"Der will doch nur spielen" – na und?

"Der will doch nur spielen", ist die Standardentschuldigung der Hundehalter dann. Schön für ihn, aber ich will halt nicht. Und dann müssen Hund und Herrchen eben damit leben. Denn der nächste Satz nach "Der will doch nur spielen" ist ja meistens "Das hat er noch nie gemacht".

Bin ich also ein Tierhasser? Ganz so schlimm ist es hoffentlich nicht. Ich like Hundebilder auf Facebook und schaue mir Katzenvideos auf Youtube an. Die majestätische Kraft von Tigern fasziniert mich. Ich kann Tieren durchaus etwas abgewinnen, wenn sie nur weit genug weg sind. Aber ich will sie nicht anfassen, nicht streicheln und nicht mit ihnen spielen. Sobald Tiere meine Privatsphäre stören, gilt: Lasst mich bloß in Ruhe!

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