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Interview

Youtube-Kanal "Typisch Sissi": Sissi war jahrelang kaufsüchtig – heute sehen ihr Tausende beim Ausmisten zu

Mit dem steigenden Angebot an Online-Shops wachsen auch die Massen an Zeug, die man besitzt. Youtuberin Sissi war jahrelang kaufsüchtig – heute liebt sie es, ihre Wohnung auszumisten. Und tausende Follower gucken ihr dabei zu. Zum Beispiel unsere Autorin.

Sissi Kandziora: Youtuberin nimmt ihre Follower beim Ausmisten mit

Sissi Kandziora nimmt auf ihrem Youtube-Kanal "Typisch Sissi" ihre 250.000 beim Aufräumen in ihrer Wohnung mit

Heute vor einer Woche habe ich mich als Freak geoutet, denn ich habe zugegeben: Ich bin süchtig nach Aufräumen. So sehr, dass ich sogar Fremden dabei zugucke. Eine von diesen Fremden heißt Sissi Kandziora. Die Youtuberin hat 250.000 Abonnenten, die sie regelmäßig beim Aufräumen und Ausmisten ihrer Wohnung mitnimmt. Die Rubrik nennt sie #nurwasichmag, benannt nach ihrer eigenen Methode. Zehntausende Menschen gucken sich ihre Videos an – darunter ich. Vor zwei Jahren hat sie sogar ein gleichnamiges Ratgeber-Buch geschrieben. Die Prämisse: Wie schaffe ich es, nur das zu besitzen, was ich mag?

Wenn ich Sissi beim Aussortieren und Ordnung schaffen zuschaue, bekomme ich immer selbst Lust, in meiner Wohnung tätig zu werden. Ihr bereitet das Aufräumen genauso viel Freude wie mir. Aber wie kam es bei ihr eigentlich dazu – und wie hat sich ihr Leben durch #nurwasichmag verändert? Ich habe mit Sissi über unser gemeinsames Hobby gesprochen.

Von der Kaufsüchtigen zur Aufräum-Youtuberin

NEON: Seit drei Jahren nimmst du deine Zuschauer beim Aufräumen in deiner Wohnung mit – wie kam es dazu?

Sissi: Den großen Knall gab es vor ungefähr drei Jahren. Ich arbeite ja als Youtuberin und Influencerin und hatte ungefragt ein 20 Kilo schweres Paket mit PR-Samples bekommen, darin jede Menge Shampoos, Spülungen, Haarsprays ... lauter Produkte, die ich niemals verwenden könnte. Ich saß vor dieser Kiste, mir sind die Tränen kommen, weil ich dachte: Das kann ich niemals alles aufbrauchen. Ich wusste einfach nicht mehr, wohin damit. Damals war ich außerdem kaufsüchtig, das heißt, ich habe mindestens zweimal die Woche eingekauft und habe die Sachen teilweise noch in den Tüten in meinen Schrank gestopft. Ich war zwar eine Schnäppchen-Jägerin, habe mich also nicht in Umkosten gestürzt, aber ich habe mich einfach erdrückt gefühlt. Da wusste ich: Ich muss was ändern. 

Wie ist deine Kaufsucht denn entstanden?

Das hat schon früh angefangen, ich muss 16 oder 17 gewesen sein. Es gab bei uns Outlet-Center, in denen man Jeans für einen Euro kaufen konnte. Damals war Shoppen für mich ein Hobby und ich war total stolz, wie viele Klamotten ich hatte. Später wurde das durch Youtube noch gefördert, weil die sogenannten "Hauls", also Videos, in denen man seine Shopping-Ausbeute zeigt, auf meinem Kanal total beliebt waren. Deswegen wollte ich meinen Zuschauern jede Woche etwas Neues präsentieren. 

Sissis Buch "Nur was ich mag: Leben kann so einfach sein" gibt es für 10 Euro zu kaufen

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Wann hast du gemerkt, dass du süchtig bist? 

Als mein Mann zu mir in die Wohnung gezogen ist. Vorher konnte ich ständig mit Einkaufstüten nach Hause kommen und keiner hat es gemerkt – doch dann habe ich angefangen, die Sachen vor ihm zu verstecken und habe mich schlecht gefühlt. Wenn ich die Klamotten angezogen habe, ist es ihm natürlich trotzdem aufgefallen. Da habe ich gemerkt, dass mein Einkaufsverhalten nicht so normal ist, wie ich dachte. Nach und nach habe ich realisiert, dass ich über die Maßen lebe. Die Erkenntnis kam schleichend – genau so, wie es auch angefangen hatte. 

Die Versuchung lauert überall

Wie schaffst du es heute, der Versuchung zu widerstehen?

Ich habe damals einen harten Entzug gemacht, eine Shopping-Diät. Ich wollte ein paar Kilo abnehmen und es gab nichts, was mich mehr angespornt hätte als das Shoppen. Ich habe das gebraucht, wollte jede Woche shoppen gehen und wurde ganz nervös. Also habe ich die beiden Sachen miteinander verknüpft: für zwei verlorene Kilo durch gesunde Ernährung und Sport, gab es einmal Shopping als Belohnung. Das hat drei Monate gedauert. Nach dieser Zeit habe ich gemerkt, dass ich es nicht mehr so dringend brauche. Es ist aber noch heute so, dass ich in stressigen Phasen das Bedürfnis habe, in die Stadt zu gehen und mir etwas Schönes zu kaufen. Aber ich kann heute einfach besser reflektieren, wo der Drang herkommt. Durch das Ausmisten habe ich gemerkt, wie viel Zeug ich eigentlich habe. Wenn man alle Kleidung aus dem Schrank holt und ausbreitet, realisiert man das erstmal so richtig und fängt an, umzudenken. 

Deine eigene Methode heißt #nurwasichmag. Wie funktioniert sie?

Wenn man Minimalismus hört, denkt man oft an weiße, kahle Räume. Das war überhaupt nicht meins. Mittlerweile weiß ich aber, dass es Minimalismus in verschiedenen Stufen gibt. #nurwasichmag ist auch eine Form davon. Es geht darum herauszufinden, was sich für einen selbst gut anfühlt. Die Dinge müssen einen aber auch nicht total glücklich machen – so wie bei Marie Kondo: "Does it spark joy?" Ich finde nicht, dass eine Klobürste "Joy" versprühen muss. Es reicht, wenn ich die Dinge mag. Das klingt nicht so abschreckend wie Minimalismus. Mein Mantra ist: Ich behalte nur, was ich mag; ich kaufe nur, was ich brauche; und ich tue, was ich liebe.  

Die besten Tipps von Sissi Kandziora

Was ist dein Tipp für alle, die mit dem Ausmisten anfangen wollen?

Man sollte sich eine Struktur überlegen: Raum für Raum oder Kategorie für Kategorie. Außerdem sollte man versuchen, alle gleichen Dinge zusammenzubringen. Zum Beispiel alle Servietten, die man in der Küche oder im Wohnzimmer verteilt hat, an einem Ort aufbewahren. So hat man immer im Blick, wie viel man von was noch zu Hause hat. Bei Menschen, denen das Ausmisten total schwerfällt, so wie bei vielen meiner Zuschauer, rate ich immer: Setzt euch nicht unter Druck. Bei der ersten Ausmist-Runde geht es erstmal nur darum, ein Gefühl dafür zu bekommen. Mit jeder neuen Runde nähert man sich dann dem Ideal an, mit dem man sich wohlfühlt. Am besten fängt man mit einer Kategorie an, die keinen emotionalen Bezug hat. Bei vielen Methoden fängt man mit der Kleidung an – das finde ich persönlich aber total schwierig. Ich verbinde mit vielen Kleidungsstücken Erinnerungen. Deswegen rate ich, zum Beispiel mit Putzmitteln zu starten. 

Nach dem Ausmisten kommt dann immer die Frage: Wohin mit dem ganzen Zeug?

Das ist für viele tatsächlich das größte Problem. Einfach ist es bei Dingen wie Kosmetik. Wenn die abgelaufen ist und nicht mehr gut riecht, sollte man sie wegschmeißen. Noch unbenutzte oder gut erhaltene Produkte kann man super auch im Freundeskreis verschenken. Ich habe früher, als ich noch festangestellt war, auch gerne eine kleine Kiste gepackt und sie in die Gemeinschaftsküche gestellt. Da haben sich die Kolleginnen und Kollegen immer sehr gefreut – und am Ende war alles weg. Dinge wie Kleidung, Möbelstücke oder Haushaltsgegenstände kann man auch an Hilfsorganisationen spenden, das habe ich oft gemacht. Wenn man online oder auf dem Flohmarkt etwas verkaufen möchte, sollte man sich genau überlegen: Was ist mir meine Zeit wert? Artikel für 50 Cent über das Internet zu verkaufen macht wenig Sinn. Dann lieber verschenken. Man sollte sich eine Grenze setzen. 

Wie hat sich dein Leben durch #nurwasichmag verändert? 

Ich habe viel mehr Zeit, weil ich nicht mehr so viel putzen muss, habe weniger Ausgaben und ich weiß Dinge mehr zu schätzen. Und ich fühle mich viel wohler zu Hause. Wenn Besuch kommt, kann ich die Wohnung innerhalb von einer Stunde aufräumen. 

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