HOME
Meinung

Aufräumwahn: Marie Kondo, was willst du von mir? Eine unaufgeräumte Wohnung ist das größte Kompliment

Wenn Gäste kommen, wird die Wohnung auf Vordermann gebracht. Das war schon immer so, wird durch den Aufräumwahn rund um Marie Kondo aber noch mal verstärkt. Unser Autor präsentiert lieber das ungeschönte Chaos.

Marie Kondo

Alles perfekt geordnet bei Marie Kondo. Aber will man das?

Picture Alliance

Vielleicht schaffen ja eine kleine, zierliche Japanerin und der Gruppenzwang eines Medienhypes das, was meine Eltern nicht vermochten: mich für das Aufräumen zu begeistern. Seit Marie Kondo auf Netflix demonstriert, wie man nicht nur das Chaos in seiner Wohnung, sondern im gleichen Zug auch das in seinem Leben in den Griff bekommen soll, widmen sich alle dem Großreinemachen. Ich gehörte schon immer zu jenen, die lieber das Chaos beherrschen – und wahrscheinlich wird es auch so bleiben.

Für mich selbst aufzuräumen, das erscheint mir nicht notwendig. Fleckige Küchenschränke, Bücherstapel auf dem Schreibtisch oder Unordnung in der Sockenschublade rauben mir nicht die innere Ruhe. Vielmehr habe ich zu Hause und anderswo immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Aufräumen nur zu Problemen führt. Dann nämlich, wenn man die Dinge, die man eben noch so stolz und voller Tatendrang weggeräumt hat, erst nach fieberhafter Suche wieder findet. Oder vielleicht auch gar nicht mehr.

Aufräumtrend: Wem will man etwas vormachen?

Wenn ich die Ordnung also nicht für mein persönliches Glück brauche, warum sollte ich dann aufräumen, Marie Kondo? Vielleicht würde sie auf diese Frage so etwas sagen wie: Um deinen Gästen eine Umgebung zu bieten, in der sie sich wohlfühlen. Aha, da ist er wieder, der soziale Zwang als Druckmittel. Wenn man ehrlich ist, räumen die meisten Menschen ihre Wohnung wohl nur für andere auf – und zwar nicht in erster Linie, damit sich Besucher wohlfühlen, sondern um sie zu beeindrucken. Es ist die Hoffnung, in der Achtung des anderen zu steigen. Der andere sollte aber bloß keine Schränke öffnen. Deshalb ist es auch so entscheidend, dass sich Besucher mindestens einige Stunden vorher anmelden.

Natürlich mache auch ich das. Kündigen sich Gäste an, ist das ein Anlass, zu saugen, zu wischen und den Müll auszuleeren. Die Wohnung wird zum Ausstellungsgegenstand, Beweismittel A im Fall "Ich bin besser als du dachtest". Man will es jemandem zeigen, man darf sich keine Schwäche erlauben.

Und so präsentiert jeder dem anderen einen inszenierten Raum, der den Besucher mit schlechtem Gewissen hinterlässt, weil er diese Show für die Normalität des anderen hält und sie mit seiner Normalität abgleicht.

Meine Freunde haben Schlimmeres von mir gesehen als ein chaotisches Zimmer

Eigentlich aber ist das doch alles Schauspielerei. Jeder weiß, dass ein Ort, an dem Menschen tagein, tagaus leben, nicht aussehen kann wie ein Hotelzimmer. Und mich beeindruckt Ehrlichkeit mehr als ein Zimmer, in dem man vom Boden essen könnte. Deshalb ist eine unaufgeräumte Wohnung das größte Kompliment, das man mir machen kann – und andersherum. Weil es sagt: Ich vertraue dir. Ich spiele nichts vor. Ich trete so auf, wie ich bin.

Wenn meine engsten Freunde mich besuchen, mache ich mir wenig Mühe mit dem Aufräumen. Nicht aus Faulheit (okay, ein wenig) und schon gar nicht aus fehlendem Respekt. Sondern weil diese Menschen mich an meinen tiefsten Punkten gesehen haben. Sie kennen Schlimmeres von mir als eine chaotische Wohnung– und sie sind trotzdem immer noch da.

Räumt ihr also bitte weiter auf. Ich bin lieber so wie ich bin, das ist meistens schon anstrengend genug.

Beitrag vom 13.03.2019: Ordnung im Familien-Haushalt: Wie gut funktioniert das Aufräumen nach Marie Kondo wirklich?
Themen in diesem Artikel