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Offener Brief An den Mann, der sich wundert, dass seine Frau nach dem Sex masturbiert: Dein Ernst?

Frau befriedigt sich selbst
1. Dass Frauen sich selbst befriedigen, ist nicht in allen Ländern normal. 
In Russland geben nur 32 Prozent der Frauen an, dass sie bereits masturbiert haben. In China sind es gerade einmal 10 Prozent. Zum Vergleich: In Schweden sind es 85 Prozent. In Großbritannien: 71 Prozent. 
Kontula und Haavio-Manilla, "Masturbation in a generational perspective"; Journal of Psychology & Human Sexuality, 2002; 14(2-3): S. 49-83.


2. Im Kinsey-Report, den der US-Sexualforscher Alfred Kinsey 1948 und 1952 durchführte, sagten 45 Prozent der Frauen, die sich selbst befriedigten, dass sie innerhalb von 3 Minuten einen Orgasmus erreichen können.
Kinsey-Report


3. Wie man sich als Teenager befriedigt, prägt das Masturbationsverhalten ein Leben lang. Das fanden finnische Forscher durch mehrere nationale Umfragen heraus. Menschen in einer Alterskohorte änderten ihr Praktiken im Laufe ihres Lebens kaum.
 Kontula und Haavio-Manilla, "Masturbation in a generational perspective"; Journal of Psychology & Human Sexuality, 2002; 14(2-3): S. 49-83.


4. Die Ejakulation, die bei der Selbstbefriedigung entsteht, enthält weniger Samen als die Ejakulation beim Geschlechtsverkehr mit einem Partner.
Gerris, "Methods of semen collection not based on masturbation or surgical sperm retrieval", Oxford Journals; 5 (3): S. 211-215.


5. 1712 brachte ein Pseudowissenschaftler die Onanie in Verruf. Zur zeit Queen Annes wurde das Pamphlet "Onania" verbreitet. Darin wurde Selbstbefriedigung mit diversen Krankheiten verbunden. Erst Freud half, ihren Ruf wieder zu verbessern. Er beschrieb sie als wichtiges menschliches Entwicklungsstadium.
Laqueur, Solitary Sex: A Cultural History of Masturbation, 2003. Interview mit Laqueur auf Zeit.de 


6. In manchen Ländern ist Selbstbefriedigung noch heute tabu. In Indonesien liegt die Strafe dafür bei 32 Monaten im Gefängnis.
Masturbation laws around the world, Guradian, 19. September 2013





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Weil seine Freundin ihn nach dem Sex zum Duschen schickt und dann heimlich masturbiert, schreibt ein Brite einen Brief an die Kummerkastentante – die ihn dann verhätschelt. Unsere Autorin hat sich das Ganze zu Herzen genommen und eine brutal ehrliche Antwort formuliert. 

Im Internet kursiert zur Zeit ein Artikel aus dem britischen Blatt "The Guardian". Ein verzweifelter junger Mann hat der hauseigenen Kummerkastentante einen Brief geschrieben. Sein Problem: Er sei seit neun Monaten mit seiner Freundin zusammen. Immer nach dem Sex schicke sie ihn unter die Dusche. Zunächst habe er sich dabei nichts gedacht, bis ihm das Unfassbare klar geworden sei: Seine Freundin masturbiert nach dem Sex.

Die einzige Erklärung, die ihm dazu einfällt: Sie ist unersättlich. Was soll er jetzt nur tun? Twitter ist begeistert. "Leute, wer sagt's ihm?" ist die meist gestellte Frage. 

Wer sagt eigentlich, dass es sich hierbei um eine Sexualstörung handelt?

Besonders irritierend ist neben der Frage des unwissenden Jünglings aber vor allem die Antwort der Zeitung, verfasst von der Psychotherapeutin Pamela Stephenson Connolly. Sie schreibt: "Tu nichts. Dusch und lass sie ihr Ding machen. Diese Art Verhalten ist ganz normal […] Viele Frauen wollen einen zweiten Orgasmus." ZWEITEN? Gurl pleeeaaase. "Besonders", so die angebliche Expertin, die auf die Behandlung von sexuellen Störungen spezialisiert sein soll, "wenn sie während des Verkehrs sehr erregt wurde." Vielleicht wolle seine Freundin ihn mit ihren "Extrawünschen" einfach nicht nerven, in der Angst, dass er sie zu anspruchsvoll finden könnte.Punkt Eins: Wieso diese Frage überhaupt bei einer Expertin für Sexualstörungen landet, sei mal dahingestellt. Das würde jetzt höchstwahrscheinlich den Rahmen sprengen. Aber ernsthaft??

Punkt Zwei: Am Ende ihrer Antwort fehlt doch eigentlich nur noch ein Klaps auf den Hintern und ein sanft gesprochenes "Dein Penis ist riesig, du bist ein Sexgott und nimm dir beim Rausgehen noch einen Lolli aus dem Glas, mein kleiner Hengst." Also wirklich. Kann man jemanden noch mehr verhätscheln? Aus gegebenem Anlass haben wir uns entschieden, die Antwort zu schreiben, die wir eigentlich von Anfang an erwartet hätten. 

Die ehrliche Kummerkastentante

Lieber "Guardian"-Leser,

so wie sich deine Freundin nach dem Sex in den eigenen Schritt fasst, solltest du dir vielleicht mal an die eigene Nase fassen. Lass uns gemeinsam überlegen: Welchen anderen Grund als ihre "Unersättlichkeit" könnte es dafür geben, dass deine Freundin nach dem Sex heimlich masturbiert? Hm? Irgendwelche Ideen? Die Tatsache, dass du diese Frage einer Zeitung und nicht deiner Freundin stellst, sagt mir, dass eure Kommunikation zwischen den Laken vielleicht noch Verbesserungsbedarf hat. Gut möglich also, dass du die wirklich wichtigen Signale verpasst hast. Na? Wird's schon wärmer?

Ich möchte hier niemandem was unterstellen, aber ich befürchte, dass deine Freundin während des Sex einfach keinen Orgasmus hat. So, jetzt ist es raus. Und dass sie dir das bislang nicht gesagt hat, hat wahrscheinlich weniger damit zu tun, dass sie dir nicht auf die Nerven gehen will und mehr damit, dass sie deine Gefühle nicht verletzen will. Womit wir wieder bei der Kommunikation im Bett (oder auf dem Sofa, oder auf dem Küchenboden, oder etc.) wären. Ich würde anregen, dass du sie einfach mal fragst, was sie erregt. Hier ein Vorschlag: "Du, Schatz, ich hab so das Gefühl, dass du unseren Sex als nicht ganz so befriedigend empfindest wie ich. Was kann ich besser machen? Was wünscht du dir?" Ist eigentlich ganz einfach. 

Viel Spaß und frohes Schaffen,

deine ehrliche Kummerkastentante.

Dear anonymous "Guardian" reader, head here if you need a translation.

Offener Brief: An den Mann, der sich wundert, dass seine Frau nach dem Sex masturbiert: Dein Ernst?

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