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Kurzgeschichte

NEON-Kurzgeschichte: Der Traumtyp, dem du niemals begegnen möchtest

Lenny hat Mara den Kopf verdreht und beschert ihr einen unvergesslichen Moment nach dem anderen. Trotzdem lässt sie den hoffnungslosen Romantiker zappeln - bis zu der einen Nacht, die alles verändert. Eine fiktive Geschichte über einen unberechenbaren Mann.

Beziehungsunfähig Kurzgeschichte

"Lenny sehnte sich süchtig nach Mara und krönte sie zur Königin seiner Welt"

Lenny war ein Traumtyp, als Mara ihn traf. Er sehnte sich süchtig nach ihr und krönte sie zur Königin seiner Welt. Er sorgte für so viele Momente, an die Mara sich für immer erinnern wird. Einmal stand er um vier Uhr morgens vor ihrer WG-Tür, um sie mit Rotwein und Brot zu überraschen. Er würde die restliche Nacht nicht überleben, sagte er, wenn er sie nicht bei ihr verbringen dürfe. Wie immer war das wahnsinnig übertrieben. Lenny trug ständig verdammt dick auf. Aber Mara ließ ihn gewähren und sie plauderten bis zum Morgengrauen. Wenn sie ehrlich war, brauchte sie genau so einen Kerl, einen mit dem Kopf in den Wolken. Er war hoffnungsloser Romantiker, und deshalb verliebte sie sich in ihn.

Zwar machte Mara sich manchmal Gedanken, warum er so war. Sie wusste, dass er eine harte Trennung hinter sich hatte. Dass seine Ex-Freundin Fiona ihn verlassen hatte, musste ihn ziemlich mitgenommen haben. Zumindest erweckte er den Eindruck, indem er immer mal wieder von ihr erzählte. Allerdings wusste Mara nicht, was zwischen den beiden vorgefallen war - und wollte es auch nicht erfahren. Sie hielt nichts davon, den Ballast vergangener Beziehungen in frische Liebschaften mitzubringen. Aber solange Lenny aus der alten Enttäuschung den Antrieb für seine unbändige Leidenschaft zog, sollte es ihr recht sein.

Mara legte Lenny an die lange Leine

Trotzdem ließ sie ihn ein paar Wochen lang zappeln. Nicht dass sie ihm seine Avancen nicht abgekauft hätte, aber sie genoss es zu sehr, von ihm begehrt zu werden. Sie wollte weiter umworben und nicht zu schnell vom Alltag eingeholt werden. Er sollte sich ihrer nicht zu sicher sein. Mara wusste: Es machte ihn verrückt, es machte ihn an, es spornte ihn an. Also legte sie Lenny an die lange Leine, bis sie es selbst nicht mehr aushielt.

Ihre erste gemeinsame Nacht dauerte die ganze Nacht. Es war die Sorte Nacht, die nicht aufhört. Mara fühlte sich bestätigt in ihrer Entscheidung, nichts überstürzt zu haben. Sie hatte keine Sekunde zu lange gewartet. Es hatte sich gelohnt. Lenny war wirklich ein Traumtyp. Ihr war klar, dass sie nun ein Paar waren, und es fühlte sich gut an. Sie konnte kaum erwarten, wie es weitergehen würde. Bisher hatte er immer noch einen draufgesetzt. Und noch einen.

Am Tag nach der Nacht ließ Lenny nichts von sich hören. Mara war beeindruckt: Machte dieser Mann denn gar nichts falsch? Er schien genau zu wissen, dass die Nacht nachwirken musste. Um sie zu beschreiben, konnten selbst dem größten Romantiker nur die Worte nur fehlen: Das war die Botschaft, die sein Schweigen trug. Gemeinsam genossen sie die Stille nach dem Rausch. Ihre Gegenwart brauchten sie dafür nicht.

Drei Tage später lud er sie zum Date. Endlich, dachte Mara, der die Zwischenzeit wie eine Ewigkeit vorgekommen war. Der Abend nahm einen klassischen Verlauf: Erst hatten sie Drinks, dann Sex. Mara wunderte sich ein wenig über Lenny: Er wirkte müde und leicht reizbar, sogar den einen oder anderen schnippischen Kommentar konnte er sich nicht verkneifen. So kannte sie ihn noch nicht. Andererseits kann er ja auch nicht jeden Tag so verrückt nach mir sein, dachte Mara, das wäre schließlich auch nicht gesund.

Das Problem war bloß: In den folgenden Wochen wurde Lenny immer weniger verrückt nach ihr. Sein heißes Blut kühlte auf Zimmertemperatur herunter. Er wollte über Kleinigkeiten diskutieren. Manchmal tauchte er für Tage ab. Mara fragte ihn, ob sie überhaupt noch zusammen seien. Er sah sie entgeistert an. Natürlich, sagte er, und wie sie denn überhaupt auf die Frage komme.

Sie verabredete sich auf einen Kaffee mit dem Ex

Es war, als habe Flo diese seltsame Phase gefühlt. Er funkte Mara an und gestand ihr, dass er sie immer noch liebte. Vor zehn Monaten hatten sie sich in Freundschaft getrennt, weil sie sich beide nach vier Jahren Beziehung doch nicht bereit für einen gemeinsamen Rest des Lebens gefühlt hatten. Über die Richtigkeit der Trennung hatte Mara anschließend nie wieder nachgedacht.

Bis jetzt.

Sie verabredete sich auf einen Kaffee mit Flo. Sie wollte wissen, was er wirklich wollte. "Du bist die Liebe meines Lebens", sagte er. "Das ist mir inzwischen klar geworden." Sein Geständnis klang nicht nur ziemlich gut - es rief Mara auch in Erinnerung, was Flo und sie damals hatten: blindes Vertrauen, gemeinsame Hobbies, denselben Humor. Na gut, die Funken waren zwischen ihnen irgendwann nicht mehr geflogen. Aber war das nicht normal?

Am selben Abend stellte Lenny sie zur Rede. Mara hatte ihm natürlich nichts von Flo erzählt, aber sie hatte ihr Handy zuhause vergessen. Ihr Mitbewohner hatte Lenny in die Wohnung gelassen, und Lenny hatte Flos Nachricht auf dem Display gelesen: "Komme zehn Minuten später." Als Mara nach Hause kam, erschrak sie kurz, als sie Lenny auf der Couch sitzen sah.

"Wer ist Flo?", fragte er, und Mara erzählte ihm alles. Auch, dass sie unsicher sei. Kaum hatte sie ihre Zweifel ausformuliert, wurden seine Augen wässrig. Er bat Mara um Nachsicht und berief sich auf seine traumatische Trennung von Fiona. "Schon gut", sagte Mara und versuchte, ihn zu trösten. Bald darauf begann Lenny zu brennen wie bei ihrer ersten Begegnung. Er machte sie wieder zu seiner Königin und buhlte wie besessen um ihre Gunst. Mara stand plötzlich zwischen zwei Männern.

Es dauerte ein paar wache Nächte, bis sie sich endgültig für Lenny entschieden hatte. Sie beschloss, nicht zurück in die Zukunft oder nach vorn in die Vergangenheit gehen zu wollen. Es war nicht ihre Art, alte Liebe aufzuwärmen. Flo war früher, Lenny war jetzt.

Plötzlich wurde Lenny wieder kühler

In den folgenden Wochen wurde Lenny plötzlich wieder kühler. Er suchte wieder Streit, war schwieriger zu erreichen. Was denn mit ihm los sei, wollte Mara eines Abends wissen. Er könne nicht vergessen, was Mara getan habe, sagte er und meinte ihr Treffen mit Flo. "Ganz ehrlich", sagte er, "ich fühle mich von dir hintergangen - und ich weiß nicht, ob ich dir verzeihen kann."

Einerseits konnte Mara es kaum glauben. Andererseits war sie seiner Launen längst müde. Sie wusste, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sie konnte kaum erwarten, sich von ihm zu trennen. Lenny war zwar ein Traumtyp - aber einer dieser Traumtypen, denen man am liebsten niemals begegnen möchte.

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