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sexbewusst-header-img #SEXBEWUSST Die neue NEON-Serie für junge Frauen und alle, die sich sonst noch dafür interessieren

NEON-Serie #sexbewusst: Deine Vulva ist Kunst: Warum diese freizügigen Gipsabdrücke wichtig sind

Alles begann mit der Idee für eine Kunstinstallation, inzwischen ist "I show flag" ein Kunstprojekt von beträchtlichem Umfang. Hunderte Gipsabdrücke von Vulven hat Mirko Hecht auf einem Instagram-Kanal bereits veröffentlicht. Jetzt möchte er das Projekt auf neuen Boden stellen.

NEON-Serie #sexbewusst: Hallo Vulva! Warum sich ein Blick in den Schritt lohnt

Mirko Hecht hat in seinem Projekt „I show flag“ die von etwa 300 Frauen als Abdrücke festgehalten. Was als fixe Idee für ein Kunstwerk fürs Wohnzimmer begann, hat sich zu einem aufwendigen Kunstprojekt entwickelt, das der gelernte Tierarzt neben seinem Beruf auf Instagram und seiner Webseite in die Welt trägt. Unter den existierenden Vulva-Künstlern, ist er eher eine Ausnahme, denn er ist ein Mann. 

Wie der 43-Jährige dazu kam, dieses Projekt zu starten, was seine Frau darüber denkt und warum Frauen hre Genitalien in gießen lassen, erzählt Hecht im Interview mit NEON.


NEON: Wie bist du dazu gekommen Vulven- zu machen?

Kunst und Design haben mich schon immer interessiert. Ich entwerfe gerne individuelle Möbel und Lampen und liebe extravagante Dinge. Nach einem Umzug in eine neue Wohnung hatte ich eine große jungfräuliche Wand, die danach schrie, mit einem Kunstobjekt geschmückt zu werden. Bei der Suche stieß ich auf den Künstler Jamie McCartney und seiner "Great Wall of Vagina“. Ich war fasziniert von dem Gedanken, eine Wandinstallation mit 60 eigenhändig abgeformten Vulven in meinen Räumlichkeiten zu haben. Das war etwas, das meinen Ansprüchen an ein Kunstobjekt genügt - Individualität, Ästhetik, Geometrie, etwas Ausgefallenes und Provokatives. Kurz gesagt: Vor vier Jahren begann eine Challenge zur Schaffung eines Aufsehen erregenden Kunstobjekts für meine Wohnung.

Eine Challenge?

Natürlich war da zum einen die Herausforderung: Kann ich 60 Frauen überzeugen, dass ich einen Abdruck nehmen darf? Und zum anderen: Wie bekomme ich das handwerklich hin? Ich habe damals auch mit Jamey McCartney Kontakt aufgenommen, weil ich ihn fragen wollte, ob es für ihn in Ordnung ist, dass ich ein ähnliches starte. Er sagte, er könne mir es nicht verbieten und gab mir folgenden Tipp: 'Individualität ist das Maß der Dinge.’


I show flag

Hunderte Gipsabdrücke hat Mirko Hecht von Vulven bereits angefertigt. Momentan plant er einen Fotoband, in dem die Abdrücke zu sehen sein sollen. 


Was fasziniert dich an Vulven-Abdrücken?

Ich finde diese Abdrücke haben eine ähnliche Wirkung auf den Betrachter wie ein Mosaik - nur dass es umgekehrt ist. Je weiter man von einem Mosaik weg ist, desto vollständiger wird das Bild. Bei den Gipsabdrücken ist es andersrum. Je weiter man von ihnen weg ist, desto diffuser wird das Bild. Für mich ist das eine schöne Symbolik dafür, wie wir gesellschaftlich mit Vulven umgehen. Viele Menschen und auch Frauen benutzen keine konkreten Worte für sie: "Da unten“ oder einfach nur "sie“ sind gängige Formulierungen für die Vulva. Ich möchte das ändern.

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Warum bieten sich Vulven als Leinwand an? 

Eine Vulvabformung als Leinwand zu nutzen, war die Idee einer Couchsurferin, die in meiner Wohnung in Hamburg zu Gast war. Sie war beim Anblick meiner persönlichen "Wall of Vulvas" fasziniert und wollte mitmachen. Allerdings sollte ich ihren Abdruck mit den Landesfarben ihres Herkunftslandes bemalen: Griechenland. So entstand der Titel „I show flag“.

Ich hatte damals das Ziel, einen Vulva-Abdruck für jedes Land der Welt zu machen. Für mich war das ein Zeichen für Völkerverständigung und Selbstbestimmung von Frauen.

Wie viele Länder hast du bereits so dargestellt?

27. Allerdings habe ich das Projekt erst einmal eingestellt, nachdem es einen Medienaufschrei im Ausland zu einer Vulven-Flagge gab. Ich habe einen Abdruck von einer in Hamburg lebenden Aserbaidschanerin gefertigt, und ein Bild mit ihr und der bemalten Vulva auf Instagram veröffentlicht - mit ihrem Einverständnis natürlich. Sie hat es selbst auch auf ihrem Profil geteilt.

In den aserbaidschanischen Medien ist das skandalisiert worden. Die junge Frau wurde daraufhin beleidigt und ihr wurde gedroht. Das Bild habe ich daraufhin natürlich gelöscht.

Wie läuft es ab, wenn sich Frauen bei dir für einen Abdruck melden?

Ich nehme mir Zeit für ein Erstgespräch, und es ist mir wichtig, dass sich der Raum für die Frauen sicher anfühlt. Es ist auch in Ordnung, wenn sich eine Frau während des Gesprächs dagegen entscheidet. Bevor wir den Abdruck dann machen, hole ich eine schriftliche Einverständniserklärung ein, in der die Frau selbst festlegen kann, wie der Abdruck gezeigt werden darf.

Kann jede Frau zu dir kommen und einen Abdruck machen lassen?

Ja. Die einzige Bedingung ist, dass sie volljährig ist.

Wie geht deine Frau damit um, dass du Vulven von anderen Frauen in Gips modelierst?

Meine Frau habe ich in der ersten Phase meines Projekts in Hamburg kennengelernt. Sie war keine Teilnehmerin, sondern interessierte sich für meine Wohnungseinrichtung. Eine Freundin von ihr hatte bei dem Projekt mitgemacht und ihr von meiner Wohnung und der individuellen Einrichtung darin erzählt.  So haben wir uns kennengelernt und es hat sofort gefunkt. Sie steht also seit Beginn hinter dem Kunstprojekt und unterstützt mich in allen Belangen. Ich diskutiere neue Ideen mit ihr, damit ist sie also auch an der Entwicklung beteiligt.

Und wie gehen deine Eltern damit um?

Als wir unsere Eltern zum ersten Mal zu uns nach Hause einluden, war das tatsächlich ein großer Schritt für meine Frau und mich. Zuerst haben wir versucht, die Vulven-Abdrücke abzuhängen. Allerdings waren es damals schon sehr viele. Wir haben uns dann entschlossen, die Gästetoilette damit auszukleiden und zu sehen, was passiert, wenn der erste auf die Toilette geht. Für meine Eltern war es schon eine Überraschung. Sie haben sich auch kurz gefragt, ob sie alles in ihrer Erziehung richtig gemacht haben. Als wir ihnen erklärt haben, worum es bei dem Kunst-Projekt geht, haben sie es verstanden, und gehen heute entspannt damit um. Wir übrigens auch: Heute stehen bei uns im ganzen Haus Vulvenabdrücke herum.

Wie lange dauert es, die Abdrücke zu nehmen und wo stellst du sie her?

Einen Abdruck zu nehmen, benötigt am Modell etwa fünf bis acht Minuten Zeit. Ich benutze dafür Alginat. Das ist eine Masse, die auch für Zahnabdrücke verwendet wird. Daraus entsteht ein Negativ-Abdruck. Der wird in einem zweiten Arbeitsschritt mit Gips ausgegossen und nach einer gewissen Trocknungszeit nachbearbeitet. Das dauert etwa 45 Minuten. Das Abdrucknehmen am Modell kann wahlweise in der eigenen Wohnung geschehen, oder auch als Event mit anderen Teilnehmerinnen an einem individuellen Ort oder bei uns Zuhause.

Über was redest du in dieser Zeit mit den Frauen?

Es sind tatsächlich Fragen, die wir hier auch besprechen: Wie bist du dazu gekommen? Was sagt deine Frau dazu? Wie kommst du als Mann dazu, dieses Projekt zu machen? Oft fragen mich Frauen auch ganz direkt, ob es mich als Mann erregt, den Abdruck zu nehmen. Schließlich arbeite ich da direkt an Vulven. Da kann ich nur sagen: Nö. Das Auftragen der Paste auf die Haut muss sehr schnell und konzentriert gemacht werden, weil sie schnell fest wird, und auch klumpen kann. Deshalb bin ich in der Zeit des Auftragens sehr auf den Prozess fokussiert, die Vulva ist meine Arbeitsfläche.

Das Hauptthema in den Gesprächen ist aber meistens, wie vielfältig Vulven sind und das verschobene Bild, das Frauen durch Medien und Pornoindustrie vermittelt bekommen.

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Warum machen die Frauen, die zu dir kommen, bei dem Projekt mit?

Es gibt Frauen, die finden ihre Vulva  schön und möchten deshalb einen Abdruck. Das sind allerdings nur wenige. Der größte Teil möchte das Projekt unterstützen und helfen, die Vielfalt von Vulven sichtbar zu machen. Viele der Frauen haben eine skeptische Einstellung zu ihrer Vulva. Manche haben auch gar keine Ahnung, wie sie aussieht. Der Abdruck ist für sie etwas Besonderes, da sie durch ihn ihre Vulva wortwörtlich anders begreifen können. 

Redest du mit den Frauen auch über das Aussehen von Vulven?

Nur reaktiv. Ich werde häufig gefragt, ob "sie“ normal oder individuell aussieht. Viele Frauen denken, dass die Labien klein aussehen sollen, dass das schöner oder normal sei. 90 Prozent der Frauen, die ich gesehen habe, haben größere innere Lippen. In der Literatur wird, glaube ich, in neun grobe Vulven-Formen unterschieden, ich selbst würde die Formen in sechs Kategorien unterteilen. 

Manchmal kommt es zu einem sehr tiefgreifenden Dialog rund um Mythen und Vorurteile über das weibliche Genital. Ein Mythos ist ja auch, dass Männer kleine Labien bevorzugen würden. Aus dem Feedback, das die Abdrücke auf meinem Instagram-Kanal erhalten, sehe ich, dass das nicht der Fall ist.   

Wie ist es für Frauen ihre Vulva aus Gips in den Händen zu halten? 

Es kann eine verändernde Erfahrung sein - zumindest habe ich das beobacht. Die Begegnung mit zwei Modellen hat mich selbst bewegt, weil ich dadurch gemerkt habe, was durch die Arbeit möglich wird. Diese beiden Frauen sind unabhängig voneinander bei mir gewesen, weil sie vorhatten, ihre Labien beschneiden zu lassen. Sie wollten einen Abdruck von ihrer Vulva haben, um nach der OP vergleichen zu können. Beide haben sich gegen die OP entschieden, nachdem sie den Abdruck in den Händen gehalten hatten.

Was sind die nächsten Schritte für das Projekt? 

Ich habe mehrere Ziele. Ich möchte das Projekt bekannter machen. Ich plane Ausstellungen zusammen mit anderen Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit der Darstellung von Vulven beschäftigen. Dafür suche ich Ausstellungsräume in der Region Frankfurt. 

Ich freue mich auch über neue Kontakte zu anderen Künstlern in dem Bereich. Mein Internetauftritt bekommt gerade ein neues Gesicht, denn ich möchte meine Arbeit für wohltätige Zwecke einsetzen und bin auf der Suche nach Kooperationen mit passenden Vereinen und Organisationen, die sich zum Beispiel gegen Genitalverstümmelung einsetzen. 

Ein großer Wunsch von mir wäre es auch, ein Projekt mit prominenten Frauen zum Beispiel aus einer Sportmannschaft zu starten.

Hast du Tipps, falls eine Frau selbst so einen Abdruck machen möchte?

Vorbereitung ist alles. Den Umgang mit den Materialien kann man zunächst an anderen Körperstellen ausprobieren, um ein Gefühl für die Verarbeitungsgeschwindigkeit und Haptik zu bekommen. Es gibt dafür auch Bodycasting-Sets, die man bei Künstlern online bestellen kann. Ein weiterer Tipp: Eine Intimrasur vereinfacht den Abformprozess. Ansonsten kann man wenig falsch machen – einfach ausprobieren. Gute Ergebnisse erhält man schon nach wenigen Versuchen, wenn man etwas handwerkliches Geschick hat.