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sexbewusst-header-img #SEXBEWUSST Die neue NEON-Serie für junge Frauen und alle, die sich sonst noch dafür interessieren

NEON-Reihe #sexbewusst: Orgasmus durch Atmen allein: Diese Frau zeigt, wie das geht

Orgasmen ohne Berührung? Wie soll das gehen? Das weiß Barabara Carrellas. Sie ist einer der bekanntesten Sexcoaches der USA und hat eine Technik für Atemorgasmen entwickelt. Im NEON-Interview erklärt sie, wie das funktioniert. 

NEON-Reihe #sexbewusst: Orgasmus durch Atmen allein: Diese Frau zeigt, wie das geht

NEON: Was ist für Sie ein Orgasmus?

Barabara Carrellas: Ich denke über Orgasmen anders als andere Menschen. Für mich ist es ein Energieereignis. Ich bezeichne viele Dinge als orgastisch: Gefühlsorgasmen zum Beispiel, Weinorgasmen, Lachorgasmen, Glücksorgasmen oder auch Essensorgasmen. Die Menschen lieben Essensorgasmen. Manche haben Sportorgasmen. Ich rede also von ausgedehnten ekstatischen Erfahrungen, die etwas mit unseren Genitalien zu tun haben können, aber nicht müssen. Auch wenn genitale Orgasmen ein toller Weg sind, einen Orgasmus zu haben, gibt es auch andere Wege. Und ich lade Menschen dazu ein, Orgasmen als physische Ereignisse und Energieereignisse zu verstehen.

Wann haben Sie zum ersten Mal einen Orgasmus ohne Berührung erlebt?

In den späten 80er Jahren habe ich mich mit Tantra beschäftigt. Ich habe es gelernt, um mich mit den Energieaspekten dieser Philosophie auseinanderzusetzen. In östlichen Arten der Sexualität liegt der Fokus mehr auf den Energieaspekten von Sex als auf den körperlichen. Ein Beispiel: In den den USA lesen wir in Magazinen oft Schlagzeilen wie 'Diese 30 Dinge kannst du tun, um einen besseren Orgasmus zu haben'. In Deutschland ist das sicher ähnlich. Sex wird also eher handlungsorientiert betrachtet.

Im Daoismus und im Tantra wird Sex eher als Energie verstanden, die du in dir zulässt. Obwohl es natürlich auch den physischen Aspekt dabei gibt. Aber der wird weniger stark betont. Das erste, was ich von meiner Tantra-Lehrerin lernte, war ein Atem- und Energie-Orgasmus. Dadurch haben wir vieles, worum es beim Tantra geht, schnell verstanden. Wie sich sexuelle Energie - die im Tantra einfach als Lebensenergie verstanden wird - natürlich und schnell in unserem Körper zu einem orgastischen Zustand bewegt. Indem wir es einfach zulassen. Es war eine Technik, die uns helfen sollte, zu verstehen, wie Energie und Atem beim Tantra zusammenspielen.

Wie geht diese Technik?

Es gibt viele Möglichkeiten, Energieorgasmen zu erleben. Ich bevorzuge einen Weg, der vor allem über den Atem geht. Man atmet einfach etwas voller und tiefer, als man das gewohnt ist. Ich mag es, den Mund dabei zu entspannen, denn dadurch kann ich mehr Luft, mehr Sauerstoff aufnehmen. Eine andere wichtige Komponente ist für mich, die Vorstellungskraft mit einzubeziehen. Ich stelle mir vor, dass mein Körper immer mehr mit Energie aufgefüllt wird. Ich atme sie in meinen Körper - von unten nach oben. 

Ein weiterer Aspekt ist der Beckenboden, den ich entspanne und anziehe. Das sind die Muskeln, die wir beim Pinkeln auch benutzen. Das funktioniert wie eine Art Energiepumpe. 

Und dann stelle ich mir vor, dass ich einfach größer werden und mich mehr und mehr mit Energie fülle. Und die Kombination von Atem, der Beckenbodenbewegung und meine Vorstellungskraft bringt mich in einen orgastischen Zustand. 

Das kann ein lauter, lachender Zustand sein. Es können auch Tränen auftauchen. Manchmal wird alles auch ganz ruhig und ich empfinde tiefes Glück - oder alle diese Zustände finden hintereinander statt." 

Und wie genau stellen Sie sich diese Energiebewegung vor?

"Meine Arbeit hat seine Wurzeln im Tantra. Deshalb verwende ich das Chakra-System. Im westlichen Verständnis sind das eigentlich die einzelnen Drüsen unseres Hormonsystems im Körper. Beim Tantra werden sie als Energiezentren verstanden. Sie befinden sich am Perineum – das ist der Punkt zwischen den Genitalien und dem Anus, dem unteren Bauch, dem Solarplexus, dem Herzen, dem Hals, dem Bereich zwischen den Augen und der Schädeldecke. Ich stelle mir vor, wie ich jedes dieser Zentren mit Energie auffülle, während ich atme. Ich beginne am Perineum und atme dann weiter nach oben.

Das Schwierige daran ist, dass man seine Erwartungen loslässt: die Erwartung daran, dass es so oder so aussieht, oder die Gedanken, dass man es nicht hinbekommt. Das sind alles Erwartungen, die wir haben können, die aber nicht besonders hilfreich sind. Ich gehe da eher so ran: Lasst uns, uns einfach hinlegen und atmen, und dann schauen wir, was dabei passiert.

Was dabei passiert: Ist das nicht eigentlich nur das Ergebnis von Hyperventilation?

Ich habe mir diese Frage auch oft gestellt. Aber wenn es sich gut anfühlt, wen kümmert es, dass es nach einer Hyperventilation entsteht? Was ich normalerweise mit Hyperventilation verbinde, ist das, was der Körper macht, wenn wir eine Panikattacke erleben. Da liegt sehr viel Druck und Spannung auf dem Einatmen und Austamen. Das bringt uns an einen Punkt, der sich nicht besonders gut anfühlt. 

Aber wenn man seinen Kiefer, und seinem Körper so entspannt lässt wie möglich, und eher tief und entspannt atmet, erfährt man einen veränderten Bewusstseinszustand, der sich gut anfühlt.

Welche Rolle spielt bei dieser Technik, was man sich vorstellt?

Die Vorstellungskraft hat eigentlich nur die Aufgabe, dass deine Gedanken sich mit dem beschäftigen, was du gerade in deinem Körper erzeugen willst. Es soll deinen Geist auf etwas Produktives richten. Es passiert so oft, dass unsere Gedanken wegwandern, wenn wir Sex haben oder auch wenn wir meditieren. Meistens zu irgendeinem Problem oder auch woanders hin. 

Der Zweck vieler imaginärer Techniken ist einfach, dass wir uns auf den Atem konzentrieren, auf die Energie, auf den Prozess, der gerade in uns stattfindet.   

Das gilt übrigens auch für Genitalsex. Es ist hilfreich, wenn du darauf fokussieren kannst, was du gerade machst und nicht darüber nachdenkst, was vor zwei Minuten passiert ist, oder ob du bald einen Orgasmus haben wirst.

Was ist für Sie wichtig beim Thema Orgasmus?

Für mich ist es vor allem wichtig, dass Leuten klar ist: Was du in einen Orgasmus hineinsteckst, das bekommst du heraus. Wenn du einen Quickie hast, um dich einfach zu entspannen, dann ist daran nichts falsch. Wenn du aber die Energie mit Atem, mit Verbindung oder auch mit Sexspielen oder was auch immer aufbaust, und dem ganzen viel Zeit gibst, werden mit ein bisschen Übung die Orgasmen sehr viel länger dauern und dich in andere Zustände versetzen, als ein Orgasmus, in den du wenig Zeit und Fähigkeit investiert hast.

NEON-Reihe #sexbewusst: Orgasmus ohne Berührung - geht das?


In der neuen Podcast-Folge könnt ihr das selbst ausprobieren

Gedanken, Atem und Bewegungen spielen also eine wichtige Rolle für die Lust. Sie können für manche Frauen selbst Berührungen unnötig machen. "Je durchlässiger wir für den Atem werden, desto intensiver kann sich unsere Lust beim Sex entfalten", sagt Sexualtherapeutin Susanna-Sitari Rescio in der neuen Folge des #sexbewusst-Podcasts. Ihr wollt selbst ausprobieren, was durch den Atem möglich ist?

Susanna zeigt euch in etwa 20 Minuten, wie ihr durch Atmen und das Bewegen eures Körpers Lust und Erregung in euch aufbauen könnt. Die Sexualberaterin führt euch zunächst zu eurem Atem. Dann beschreibt sie, wie ihr ihn und eure Lust mit Beckenbewegungen erforschen könnt. Viel Spaß beim Ausprobieren!

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