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Rat einer Expertin: Was hilft, wenn du trotz sexueller Lust noch nie einen Orgasmus hattest

Es gibt Frauen, die nicht wissen, wie sich ein Orgasmus anfühlt. Und das, obwohl sie beim Sex Lust verspüren und auch masturbieren. Die Hemmung nicht als Krankheit anzusehen, kann der erste Schritt zur Heilung sein.

Von Carina Kaiser

Für manche ist ein Orgasmus die einfachste Sache der Welt. Andere gehen daran kaputt, keinen bekommen zu können. 

Für manche ist ein Orgasmus die einfachste Sache der Welt. Andere gehen daran kaputt, keinen bekommen zu können. 

Dieses Kribbeln, das in den Zehenspitzen anfängt, wie eine heiße Welle durch den ganzen Körper strömt, bis sich die angesammelte Spannung explosionsartig entlädt und das Gehirn mit Glückshormonen flutet: Wer als Frau schon mal einen sexuellen Höhepunkt erlebt hat, kennt den süchtig machenden Rausch des Orgasmus. Er gilt als das maximale Lustgefühl.

Sabrina ist 27 und kennt dieses Gefühl nicht. Bis heute hatte sie sechs Sexualpartner, aber noch nie einen Orgasmus. Trotz sexueller Lust und etlicher Selbstbefriedigungsversuche scheitert sie an der vermeintlich "einfachsten Sache der Welt". "Keine Ahnung, woran das liegt oder was ich falsch mache – vielleicht bin ich ein hoffnungsloser Fall", erzählt Sabrina mir. "Meine Sexpartner geben sich echt Mühe und versuchen alles, aber ich glaube, ich bin einfach zu verkopft", sagt sie in schuldigem Tonfall. Es muss ernüchternd sein, wenn der eigene Körper die völlige Hingabe verweigert. Jede Frau wünscht sich, dieses Feuerwerk zu erleben.

Vor drei Monaten hat Sabrina das letzte Mal masturbiert. Wenn aber auch nach einer halben Stunde nichts passiert, fühlt es sich für sie unangenehm an. Sie probiert es deshalb kaum noch. "Das frustriert mich – vor allem, wenn ich von Freundinnen höre, wie explosiv ein Orgasmus sein muss", sagt sie. Auf verschiedensten Internetseiten liest man über sexuelle Funktionsstörungen. Ein Begriff taucht in dem Zusammenhang immer wieder auf: Anorgasmie. Er beschreibt eine Orgasmusstörung, bei der ein sexueller Höhepunkt ausbleibt. Ob beim Geschlechtsverkehr oder bei der Selbstbefriedigung; es kommt nie zur orgastischen Entladung.

In einer reprasentativen Studie, die in den 90er-Jahren bei Frauen und Männern zwischen 18 und 59 Jahren in den USA durchgeführt wurde, berichten 24,1 Prozent der befragten Frauen über Orgasmusprobleme, wobei das völlige Ausbleiben eines Orgasmus als Hauptproblem genannt wurde. Die Dunkelzahl ist wahrscheinlich noch höher. Bei Männern ist als größtes Problem der vorzeitige Orgasmus angegeben.

Eine Orgasmushemmung ist keine Krankheit

Anorgasmie kann als Folge von körperlichen oder psychischen Hemmungen ausgelöst werden, zum Beispiel bei nervlichen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Depressionen oder als Nebenwirkung von vaginalchirurgischen Eingriffen. Häufig hat die Orgasmusproblematik bei Frauen einen psychischen Hintergrund. Zu den meistverbreiteten Symptomen zählen Lustlosigkeit, Stress oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Seit geraumer Zeit werden wissenschaftliche Fachausdrücke wie "Sexuelle weibliche Dysfunktion" (FSD: female sexual dysfuction) oder "weibliche Erregungsstörung" (female sexual arousal disorder: FSAD) an die Oberfläche des öffentlichen Bewusstseins gespült. Und damit in die Köpfe von Frauen, die folglich denken, irgendwas sei nicht normal, nicht richtig mit ihrem Körper.

Das lässt sich vermeiden: Durch eine psychotherapeutische Herangehensweise könnten sich Betroffene selbst helfen, erklärt die Paar- und Sexualtherapeutin Brigitta Seidel. In ihren Praxen in Dinslaken am Niederrhein und in Ostfriesland beschäftigt sie sich mit den verschiedenen Ursachen für Orgasmushemmungen bei Frauen und behandelt ihre Patienten und Patientinnen mit dem sogenannten systemtherapeutischen Verfahren – mit Erfolg. "Anorgasmie ist keine angeborene Störung, die zum Wesen gehört", sagt Seidel. Betroffene müssten daher im ersten Schritt lernen, ihre Hemmung nicht als Krankheit anzusehen. 

Sie gibt drei weitere Tipps, die Betroffene beherzigen sollten.

1. Du bist nicht alleine mit dem Problem

Orgasmushemmungen werden oftmals geleugnet oder heruntergespielt. "Meistens kommen Frauen wegen einer Luststörung in meine Behandlung, doch erst im Gespräch zeigt sich, dass kein oder vielleicht noch nie ein Orgasmus erlebt wurde", erzählt die Sexualtherapeutin. Es fällt leicht, über offensichtliche Wunden zu sprechen. Geht es aber um unser Innenleben, ziehen wir uns zurück. Dabei sollte man laut der Expertin gerade dabei ungehemmt mit dem Thema umgehen.
Wer offen mit Freunden oder dem Sexualpartner über Probleme spricht, dem wird schnell bewusst, dass er mit dem Problem nicht alleine ist.

2. Nimm dir den Leistungsdruck 

"Für manche Männer war es wichtig, dass ich komme", erinnert sich Sabrina. "Wenn ich ihnen gesagt habe, dass ich mich mit einem Orgasmus schwer tue, haben sie es eher als Challenge gesehen. Natürlich hat es dann auch nicht geklappt. Die Männer haben es meist persönlich genommen." Eine als befriedigend erlebte und ausgelebte Libido wird als Quelle von Glück, Selbstbestätigung und Selbstwertgefühl erlebt. Ein Orgasmus zählt in unserer Gesellschaft als der vermeintlich ultimative Beweis für sexuelle Leistungsfähigkeit. Mit dem Druck, nicht auf Knopfdruck abliefern zu können, kommt meistens auch ein wackeliges Selbstbild.

Sex, ob mit sich selbst oder einem Partner, sollte nichts Zwanghaftes sein. Man soll ihn genießen, sich sexuell ausleben, sich dabei gut fühlen. Der Orgasmus ist dabei keine zielorientierte Aufgabe, der am Ende für Erfolg oder Misserfolg steht. Der Genuss des Augenblicks und der Weg dorthin kann mindestens genau so schön sein.

3. Durchbrich deine Ängste 

Anorgasmie hat häufig frühe Wurzeln. Betroffenen kann es deshalb helfen, einen Blick auf ihre Vergangenheit zu werfen. Wie wurde die sexuelle Entwicklung erlebt? Welche Werte wurden durch die Eltern vermittelt? Konnten sich Lustgefühle frei entwickeln oder wurden sie möglicherweise unterdrückt? Eventuell finden sich so längst verdrängte Ängste, die eine Orgasmushemmung hervorgerufen haben. Das können verletzende oder traumatische Erfahrungen sein, ein zu strenger Umgang mit der eigenen Sexualität oder mangelndes Vertrauen zu Sexualpartnern.

Seidel möchte, dass Patienten ihre Symptome in einen größeren Kontext setzen. "Oftmals ist der Perspektivwechsel der Weg zum Ziel, weil die Betroffenen Raum zum Reflektieren bekommen, und dadurch einen anderen Blick auf ihre Muster wahrnehmen können", erklärt sie. Betroffene sollten sich außerdem folgende Fragen stellen: Kann ich in meiner Partnerschaft über meine sexuellen Probleme sprechen? Hatte ich in anderen Partnerschaften ähnliche Probleme? Fühle ich mich wohl beim Sex? Kann ich mich fallen lassen? Wenn nein, warum nicht? Was macht mich scharf? Fühle ich mich schön?

Sind diese Fragen einmal beantwortet, lernen sich die Betroffenen oft neu kennen. Es ist ein Lernprozess – man könnte fast sagen ein Kennenlernprozess. Eine Art Selbstfindung, bei der die Erfüllung nicht im Ziel liegt, sondern in der Reise dorthin: Tu das, was sich für dich gut anfühlt und womit du dich wohl fühlst. "Das nimmt den Druck aus der Sache", sagt Seidel. Womöglich gibt es dann irgendwann den Moment, an dem der Knoten im Kopf platzt. Und der erste Orgasmus ist nicht mehr weit.

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