HOME

Psychische Erkrankung: Wie Ex-Jupiter-Jones-Sänger Nicholas Müller seine Angststörung in den Griff bekam

Mit der Band Jupiter Jones feierte Nicholas Müller Erfolge, bis eine Angststörung sein Leben verschluckte. Erst ein vorbeirasender Zug brachte die Wende.

Nicholas Müller, ehemaliger Sänger der Band Jupiter Jones, steht vor einer Wand in Hamburg

"Das Singen fällt schwer, wenn man gerade hyperventiliert": Nicholas Müller (35) spricht offen über seine Angst- und Panikstörung

Wenn es wieder losgeht, legt er sich auf den Rücken und winkelt die Beine an. Stellt man sich den Anblick vor, denkt man automatisch an Kafkas Gregor Samsa, und tatsächlich ist es für Nicholas Müller ja auch jedes Mal wieder eine Verwandlung. Sein Geist, gerade noch in guter Verfassung, spielt ihm urplötzlich eine neue Realität vor: das Ende seines Lebens, so glaubhaft wie einer dieser Träume, aus denen man nachts schweißgebadet aufschreckt. Nur dass Nicholas eben schon wach ist. Sein Herzschlag rast dann dem Puls hinterher, er ist nicht mehr empfänglich für Logik oder Beruhigung, er ist sich vollkommen sicher, sterben zu müssen, jetzt und hier, die Gründe wechseln von Anfall zu Anfall, eine Aussicht auf Entkommen aber gibt es nie. "Man kann sich das vorstellen wie den Moment, in dem man auf einer sehr hohen Treppe stolpert und kurz damit rechnet, in die Tiefe zu stürzen. Nur dass sich dieser Moment über eine halbe, manchmal eine Dreiviertelstunde dehnt."

Über 1000 dieser Attacken hat Nicholas schon über sich ergehen lassen, in der schlimmsten Zeit bis zu drei am Tag. Das Einzige, was dann helfe, sagt er, sei atmen, ganz tief in den Bauch, ganz bewusst ein und aus. Deshalb die Rückenlage mit den angewinkelten Beinen. Im Liegen kann Nicholas der Angst etwas entgegenstellen, das stärker ist als sie: Der natürliche Drang des Körpers zu leben, so lange es irgendwie geht. Luft in die Lungen zu pumpen, sie wieder auszustoßen, wieder zu pumpen, ewig weiter, bis es wirklich einen Grund gibt, damit aufzuhören.

Die Panikattacken kamen mit 24

"Still" heißt das Lied, mit dem im Frühjahr 2011 schlagartig berühmt wurde. Es war einer dieser Songs, die man für Wochen nicht mehr aus dem Kopf bekam, melancholisch, aber kraftvoll, mit einem eingängigen, aber nicht belanglosen Text. Er erspielte dreifach Gold, gewann den Echo in der Kategorie Radio, und auch sonst schien für die vier Freunde aus der Eifel nichts mehr unmöglich. Es waren helle, aufgeregte Wochen, und trotzdem wurde es für Sänger Nicholas selbst in dieser Zeit immer wieder dunkel.

Die erste Panikattacke hatte der heute 36-Jährige ein paar Jahre zuvor erlebt, mit 24, während der Trauerfeier zum Tod seiner Mutter. Wenige Monate zuvor war schon seine Großmutter gestorben, die ihn aufgezogen hatte, zwei Verluste in relativ kurzer Zeit, es war nicht auszuschließen, dass irgendein Teil seines Körpers vor lauter Stress streikte. "Im Krankenhaus schickte man mich durch alle Abteilungen, aber die Ärzte fanden kein körperliches Problem. Also entließen sie mich ohne Diagnose", sagt Nicholas. Sechs Wochen später ging er zu seiner Hausärztin in dem kleinen 800-Seelen-Ort, in dem er lebt. Sie hörte sich seine Geschichte an und sagte ihm dann ohne Umschweife auf den Kopf zu: "Herr Müller, für mich klingt das nach einer ."

Wenn eine Gefahr erst einmal benannt ist, ist sie auch gebannt, heißt es häufig. Für Panikattacken, genau wie für die meisten anderen Krankheiten der Psyche, stimmt das nur bedingt. "Ich wusste, dass mein Kopf mir nur vorspielt, dass ich sterben muss. Aber so ein Kopf kann eben sehr glaubwürdig sein", sagt Nicholas. "Bei jeder neuen Attacke dachte ich: Okay, gut, bisher waren das Panikanfälle, aber dieses Mal ist es wirklich vorbei, dieses Mal habe ich wirklich einen Herzinfarkt/ eine Hirnhautentzündung/ spontane Epilepsie. Die Angst ist in dieser Hinsicht sehr kreativ."

Mit den Jahren wurden die Anfälle häufiger und schluckten Stück für Stück Nicholas’ gesamtes Leben. Seine Ehe ging in die Brüche, Freundschaften litten, mit 27 zog er wieder bei seinem Vater ein. "Man ist nicht gerade der netteste Mensch der Welt, wenn man diese Krankheit hat. Das ist keine Frage von Schuld, aber man sollte sich bewusst sein: Auch wenn man es nicht will, belastet man sein Umfeld. Und dadurch verschieben sich automatisch die Beziehungen."

Die Krankheit holte ihn auf der Bühne ein

Die Bühne war lange der letzte angstfreie Raum. "Die Woche konnte die Hölle gewesen sein, und trotzdem schaffte ich es erstaunlicherweise, am Wochenende Konzerte zu spielen." Bis zum Deichbrand-Festival 2014, als Nicholas nach dem zweiten Song eine Attacke bekam. Das Konzert musste abgebrochen werden, die Krankheit hatte sich auch das letzte Stück lebenswertes Leben einverleibt. "Man nennt das Angstgedächtnis: In dem Moment, in dem die Bühne ein Ort ist, an dem es einen solchen Anfall gab, kann sie zum Trigger werden."

Trotzdem war es ein viel kleinerer Moment, der einige Wochen später die Wende auslöste. Nicholas hatte auf dem Weg zu seiner Therapeutin an einem Bahnübergang halten müssen, nach Minuten des Wartens preschte schließlich der Zug an ihm vorbei und alles daran war in diesem Augenblick zu viel. "Ich spürte den Wind, die Kraft, diese Geschwindigkeit, die mich mitzureißen drohte, all diese Reize überforderten mich total. Ich kam zu spät zur Therapiesitzung, weil ich mich erst eine Viertelstunde davon hatte erholen müssen, dass ein Zug an mir vorbeigefahren war." Die Therapeutin machte daraufhin kurzen Prozess. Sie halte es nicht für verantwortbar, ihn weiter so zu behandeln, einmal die Woche zum Gespräch, das reiche nicht länger. Sie empfahl eine Klinik, in die Nicholas einmal für sechs, ein Jahr später noch einmal für vier Wochen ging.

Seither geht es. Nicholas hat sich die Hoheit über sein Leben zurückerkämpft und den Weg in eine Normalität wiederentdeckt, den die Krankheit ihm lange verstellt hatte: "Es ist ein hartes Stück Arbeit, weil man gezwungen ist, gegen sich selbst vorzugehen. Weil man sich sein eigenes Leben von sich selbst zurückholen muss."

Nicholas Müller Schirmherr für Angstselbsthilfe

Heute, drei Jahre nach dem letzten Klinikaufenthalt, sitzt Nicholas im Konferenzraum eines Hamburger Hotels. Beim Erzählen schweift sein Blick manchmal hinüber zur Alster, an der Menschen spazieren, joggen, mit ihren Hunden spielen, scheinbar angstfrei, aber wer weiß das schon. Er ist mittlerweile Schirmherr für die Deutsche Angstselbsthilfe. "Weil es immer noch viel zu wenig kurzfristige Therapieangebote gibt für Betroffene", sagt er. "Und das sind nach aktuellem Stand zehn Millionen Menschen in Deutschland." Zehn Millionen. Fast jeder Achte.

Auch Nicholas gehört noch zu ihnen. Die Angst ist nicht komplett weg. "Das wäre aber auch fatal, sie ist immerhin einer der wichtigsten Überlebenstriebe. Man muss sie nur im Griff haben." Während er das sagt, stützt Nicholas seinen Kopf auf die Hände, auf denen viel los ist, eine Menge Tätowierungen, Bilder, Worte, Sätze. Einer davon ein Peter-Gabriel-Zitat. "I own my fear", steht auf seinem rechten Handballen. Auf dem linken: "So it doesn’t own me."

Dieser Text ist in der Ausgabe 12/17 von NEON und auch digital für das Tablet auf iOS und Android erschienen. Hier können Einzelhefte des Magazins nachbestellt werden.