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Interview

"Das ganze Leben wird schwierig. Richtig schwierig"

Nicholas Müller war Frontmann der Band "Jupiter Jones", sang vor Zehntausenden Fans, gewann Preise. Dann setzte die Panik ein und zwang ihn zum Ausstieg. Wie geht es ihm heute? Ein Gespräch über Vorurteile, Todesangst auf der Bühne - und die Bedeutung des Wortes "normal". 

Nicholas Müller, ehemaliger Sänger der Band Jupiter Jones, steht vor einer Wand in Hamburg

"Das Singen fällt schwer, wenn man gerade hyperventiliert": Nicholas Müller (35) spricht offen über seine Angst- und Panikstörung

Herr Müller, in Interviews bekommen Sie oft folgende Frage zu hören: 'Wie geht es Ihnen?' Nervt Sie das nicht langsam?

Das stimmt, diese Frage kommt oft. Ich antworte dann immer: 'Danke, mir geht es sehr gut.' Aber natürlich ist diese Frage legitim.

Inwiefern?

Oft wird 'Wie geht es Dir?' als Floskel verwendet, als Ausdruck von Höflichkeit. Fakt ist, dass es mir lange Zeit überhaupt nicht gut ging. Daher kann ich gut verstehen, warum ich das so oft gefragt werde.

Sie waren Sänger der Band , hatten großen Erfolg und Preise gewonnen. Im Jahr 2014 sind Sie wegen einer Angst- und Panikstörung aus der Band ausgestiegen. War das rückblickend eine gute Entscheidung?

Es war die einzige Entscheidung, die ich treffen konnte. Ich war nicht mehr in der Lage, in einer Band oder in einer anderen Position zu funktionieren. Funktionieren ist so ein schäbiges Wort, aber es war tatsächlich so. Ich brauchte eine Pause. Ich konnte nicht mehr reinen Gewissens sagen: Das geht schon noch, das kriegen wir als Band hin.

Was stand Ihnen im Weg?

In erster Linie die Panik. Mit der Zeit hat sie mir meine Arbeit als Sänger unmöglich gemacht. Irgendwann hat sich die Panik leider auf die Bühne geschlichen, ein Ort, den ich eigentlich immer als Komfortzone empfunden habe. Da war mir klar: Es geht nicht mehr, du bist nicht mehr bei der Sache.

Was meinen Sie mit 'auf die Bühne geschlichen'?

Irgendwann kam der Tag, an dem ich auf der Bühne eine hatte. Ich habe geschwitzt, hatte Herzrasen und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Das Singen fällt auch schwer, wenn man gerade hyperventiliert.

Wie haben Sie reagiert?

Ich glaube, ich habe noch einen Teil des Konzerts im Sitzen absolviert. Aber das hat nicht lange funktioniert. Ich musste abbrechen und zu den Sanitätern gehen. So etwas frisst sich ins Hirn. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich ständig Angst davor, eine weitere Attacke auf der Bühne zu bekommen.

Neben den Panikattacken waren Sie an einer generalisierten erkrankt. Was hat das für Ihren Alltag bedeutet?

Die Angst war immer da, sie war ein steter Begleiter. Ich dachte, ich würde angestarrt. Als wäre ich ständig unter Beobachtung. Dazu sind noch ein paar Phobien gekommen. Das waren so die Handelsüblichen: Flugangst, Angst vor Fröschen… 

Fröschen?

Ja, Frösche finde ich völlig scheiße. Diese Phobien haben mich aber nicht so sehr im Alltag eingeschränkt. Schlimm war die Panik, die mir ein normales Leben unmöglich gemacht hat. Ich konnte nicht mehr vor die Tür gehen, ohne Angst davor zu haben, jeden Moment abzuschmieren und wieder das Gefühl zu haben, sterben zu müssen. Das ganze Leben wird schwierig. Richtig schwierig.

Wie fühlt sich eine Panikattacke an?

Das werde ich häufiger gefragt, und ich antworte dann: Stell‘ dir vor, du rutschst auf der obersten Treppenstufe aus und kannst dich noch in letzter Sekunde fangen. Du hast aber schon vor Augen, dass du die 80 Stufen hinunterpolterst, und das nicht überleben wirst. Diese eine Schrecksekunde auf 45 Minuten gedehnt – das ist eine Panikattacke. Die meisten Menschen können das Gefühl dann sehr gut nachvollziehen. Panik bedeutet Todesahnung.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist?

Meine erste Panikattacke hatte ich auf der Trauerfeier für meine . Es gab aber davor schon Anzeichen, dass etwas nicht stimmt. Heute würde ich sagen: Ganz klar, das deutet auf eine Angststörung hin. Der Schwindel zum Beispiel, dass ich mich verfolgt gefühlt habe. Aber das wusste ich damals noch nicht.

Innerhalb kürzester Zeit starben Ihre Mutter und Großmutter an Krebs. Welchen Einfluss hatte das auf Ihre Krankheit?

Das war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Zunächst ist meine Mutter an Krebs erkrankt und war dann wieder weitgehend gesund. Dann bekam meine Großmutter, die wie eine zweite Mutter für mich war, die Diagnose terminaler Hirntumor. Und über die Pflege meiner Großmutter ist meine Mutter wieder an Krebs erkrankt. Dieses Mal zeichnete sich jedoch schnell ab, dass es kein gutes Ende nehmen würde. Diese Abfolge an Schicksalsschlägen war heftig. Klar schalten da die Nerven aus.

Angst haben und Mann-Sein – das ist etwas, was in unserer Gesellschaft noch immer auf Unverständnis stößt. Wie gehen Sie damit um?

Mein Mann-Sein ist mir relativ egal. Deswegen hat mich das nie gestört. Aber es stimmt schon, dass Nachfragen kommen: 'Du bist doch über 1,90 Meter groß, du bist tätowiert und stark, wie kann ausgerechnet dir so etwas passieren?' Und ich antworte dann: 'So wie jedem anderen auch.' Ich würde fast meinen Arsch darauf verwetten, dass es auch bei den Hells Angels jemanden mit Angststörung gibt.

Sie standen in der Öffentlichkeit, als Sie erkrankten. War das eine zusätzliche Last – trotz allem funktionieren zu müssen?

Funktionieren ist ein schlimmes Wort. Klar, das Musikbusiness wird hier und da zu Recht verteufelt. Man muss ja nur den ganzen generischen Mist anhören, den man im Radio vorgekotzt bekommt. Aber ich war nie ein Musikbusiness-Opfer. Das sage ich, weil ich mit großartigen Menschen zusammenarbeiten durfte. Und weil es eine Exklusivität herstellt, die es nicht gibt. In Deutschland leben mehr als zehn Millionen Angstkranke. Das sind nicht alles Musiker und Künstler. Das geht durch alle Schichten und Berufsgruppen.

Wegen Ihrer Krankheit konnten Sie zuletzt nicht einmal mehr die einfachsten Dinge machen, wie einkaufen gehen und Behördengänge erledigen. Was hat Sie davon abgehalten?

Ich steckte in einem Teufelskreis. Das Perfide ist, dass man irgendwann Angst vor der Angst bekommt. In dem Moment, in dem ich in den Supermarkt gegangen bin, hatte ich Angst, dort eine Panikattacke zu bekommen. In der Öffentlichkeit ist das nichts Schönes. In der Öffentlichkeit ist das noch schlimmer als auf der heimischen Couch. Also habe ich mir Pläne zurechtgelegt. Ich habe mir gesagt: 'Okay, wenn ich eine Panikattacke bekomme, lasse ich den Einkaufswagen stehen und renne einfach nach Hause.' Das hat es aber nur schlimmer gemacht, weil ich damit meine eigenen Prophezeiungen erfüllt habe.

Wie fühlt es sich an, wenn man im Supermarkt steht und merkt: Jetzt stimmt gerade etwas nicht mit mir?

So eine Panikattacke kann sich anschleichen, das passiert aber nur selten. Wenn sie sich anbahnte, überkam mich so ein diffuses Gefühl von Unwohlsein. Ich habe mich dann in dieses Gefühl hineingesteigert. Es kamen praktisch die Geister, die ich rief. Oft genug kommt so eine Attacke aber mit dem Holzhammer, und dann schaut man reichlich dumm aus der Wäsche. Absurderweise habe ich meist dann Panik bekommen, wenn ich darüber nachdachte, dass ich heute noch gar keine Panikattacke hatte. Das war die Sekunde, in der es dann losging.

Gab es einen Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass es so nicht weitergehen kann, dass Sie eine Entscheidung treffen müssen – für oder gegen die Band?

Ich war eines Tages auf dem Weg zu meiner Therapeutin und musste an einem Bahnübergang warten. Ein stinknormaler Zug fuhr an mir vorbei. Aber der Lärm, der Krach, die schnelle Bewegung – das hat mich aus den Latschen gehauen. Im Anschluss musste ich eine Viertelstunde warten, um mich wieder zu beruhigen und kam entsprechend spät zu meiner Therapiestunde. Als mich meine Therapeutin fragte, was passiert sei, erzählte ich ihr davon. Sie meinte dann nur: 'Okay, es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Sie legen jetzt eine Pause ein – oder ich therapiere Sie nicht mehr weiter, weil ich das unverantwortlich finde.'

War das der Wendepunkt?

Ich dachte mir: 'Damit wird sie wohl Recht haben.'

Sie haben ein Buch über ihre Krankheitsgeschichte geschrieben. Was hat Sie dazu motiviert?

Ich wollte die Schamhaftigkeit aus der Sache nehmen. Es gibt so viele Betroffene, aber niemand muss sich für seine Krankheit schämen. Ich möchte kein Ratgeber sein, sondern einfach eine Geschichte erzählen. Mein Anspruch war nie, über die Qualifikation eines Betroffenen hinaus zu agieren.  

Oft erzählen Autoren, es habe ihnen gut getan, sich den Kummer von der Seele zu schreiben. War das bei Ihnen ähnlich?

In erster Linie war es eine Rückführung in eine Zeit, die ich als sehr belastend empfunden habe. Tatsächlich war das Schreiben häufiger schwierig als einfach oder befreiend. Aber als die letzte Fassung meiner Lektorin zurückkam, in der stand ‚Nun haben wir ein Buch‘, war ich unfassbar glücklich und stolz.

Viele Ihrer Fans freuen sich auf das Buch, machen sich aber auch gleichzeitig Sorgen um Sie. Das ist zumindest den Kommentaren auf Ihrer Facebook-Seite zu entnehmen. Wie gehen Sie damit um?

Empathie finde ich toll, sich um jemanden Sorgen machen auch. Man sieht mir an, dass ich abgenommen habe, ganz ordentlich sogar. Das verbinden viele mit Kummer und denken sich, dass etwas bei mir nicht stimmt. Das nervt mich ehrlich gesagt ein wenig. Es ist dann an mir zu sagen: 'Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Es ist alles gut.'

Würden Sie sich heute als gesund bezeichnen?

Ich lebe wieder unbeschwert. Meine Panikattacken sind zur absoluten Ausnahme geworden. Früher hatte ich bis zu drei Stück am Tag. Meine letzte liegt nun vier Monate zurück. Das ist ungeheurer Luxus. Dementsprechend bezeichne ich mich als gesund.

Was hat Ihnen geholfen?

Zunächst einmal das Erkennen, das Verstehen der Krankheit. Dann die Hilfe eines Therapeuten. Das ist ein anstrengendes, aber sehr, sehr gutes Mittel. Angst ist ein Lernprozess. Aber man kann Angst auch wieder verlernen. Das zu verstehen war für mich unheimlich wichtig. 

Sie haben einmal gesagt: 'Normal ist auch nur ein Wort.' Hat der Begriff für Sie überhaupt eine Bedeutung?

Nur in Alltagsdingen. Normal druckt man auf Waschmittelverpackungen, wenn 25 Prozent mehr Inhalt 'als normal' drin steckt. Klar, ich habe mir zwischenzeitlich nichts mehr als Normalität gewünscht. Aber letzten Endes ist das eine Definitionssache. So, wie ich jetzt bin, wie ich lebe, fühle ich mich normal. Aber das passt bestimmt nicht in die Schemata anderer Menschen. Normal ist ein Begriff, der impliziert, dass man funktioniert. Deswegen mag ich das Wort nicht. Wie man funktioniert, das fragen die wenigsten.

Haben Sie heute noch vor etwas Angst?

Ja, klar. Unser politisches Debakel dieser Tage macht mir wirklich Angst. Allein der Gedanke, dass meine Tochter in einer Fascho-Welt aufwächst, ängstigt mich. Allerdings keine Angst, die mich lähmt, sondern Angst, die mich wütend macht. Und das ist eine gute Form von Angst. Und dann gibt es da noch die Sachen, vor denen ich schon immer Angst hatte: Ich steige immer noch unglaublich ungern in ein Flugzeug. Ich finde Frösche immer noch doof. Angst ist ein Ur-Instinkt und deswegen eine wichtige Angelegenheit. Man sollte sie als gewissen Teil des eigenen Ichs akzeptieren. Oder um es mit Peter Gabriel zu sagen: Man sollte die Angst besitzen, nicht umgekehrt. Das ist unheimlich wichtig.

Gibt es etwas, das Sie aus dieser ganzen Sache gelernt haben?

Dass das Leben allerhöchstens ein Achtel so bescheuert ist wie ich dachte. Es ist eigentlich eine wunderbare Einrichtung. Es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Ich habe es zu schätzen und zu würdigen gelernt. Ich habe Demut gelernt.


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