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Berühmter Mediziner: Wege aus der Depression: Die ungewöhnlichen Methoden des Christian Peter Dogs

Christian Peter Dogs hatte eine katastrophale Kindheit. Der Klinikchef, Arzt und Psychotherapeut lebt seinen Patienten vor, dass es einen Ausweg gibt aus Angst und Depressionen.

Christian Peter Dogs vor einer Bergkulisse

Wer gut drauf sein will, muss für Endorphine sorgen, predigt Christian Peter Dogs. Er selbst arbeitet deshalb in großartiger Kulisse, in Scheidegg im Allgäu.

Die Fenster in Christian Peter Dogs Büro sind weit aufgerissen, drei mächtige schwarze Lederdrehstühle stehen kreuz und quer, als hätten ein paar Leute Hals über Kopf den Raum verlassen. Dogs lehnt am Fensterrahmen, er dehnt die Arme, atmet tief durch. "Gerade war Paartherapie", sagt er, lächelt wölfisch. Er reicht eine kraftvolle Hand, zeigt hinaus auf die Alpenkette vom Hohen Ifen über den Widderstein bis zur Mittagspitze, vergoldet von der Nachmittagssonne. "Wer so arbeitet wie ich, bekommt keinen Burnout", sagt Dogs. Dann fragt er: "Zieht es?", und, ohne eine Antwort abzuwarten: "Ich lasse die Fenster offen. Egal, was Sie sagen, das ist gut für die Botenstoffe."

Dogs ist ein Rebell in der deutschen Psychoszene, ein sperriger Typ; wer ihn trifft, liegt mit ihm schnell im Duell. Er liebt es zu provozieren. Es gefällt ihm, zu beobachten, ob ihm sein Gegenüber gewachsen ist. Dogs hat die stationäre Psychotherapie in Deutschland revolutioniert. Bei seinen Kollegen ist er oft angeeckt, weil er gerne Kritik an ihnen raushaut, öffentlich und hart. Heute würde er am liebsten einen großen Teil seiner Patienten revolutionieren. Aber noch ein bisschen lieber zieht sich der 63-Jährige jetzt aber vor diesen Patienten zurück. Mit seiner Meinung hält er trotzdem nicht hinterm Berg. Zum Beispiel dazu, was sich hinter manchem – keineswegs jedem! - angeblichem Burnout wirklich verbirgt.

1994 eröffnete er als ärztlicher Direktor ein Krankenhaus mit einem Konzept ganz nach seinen Vorstellungen. In Scheidegg, im bayerischen Allgäu, hatte er ein früheres Sporthotel entdeckt; gediegen, Kaminzimmer, breite Balkone, Schwimmbad, Sauna, Bergkulisse. Ein idealer Ort, fand er, für Menschen, die nicht mehr können. Die Besitzer, eine Unternehmerfamilie, ließen sich für Dogs Idee begeistern und übernahmen die Finanzierung.

Dogs hatte genug Erfahrungen mit sterilen Kliniken, abgehobenen Ärzten, endlosen, nutzlosen Therapien gesammelt. Er wollte beweisen, dass es anders geht, wirkungsvoller und würdevoller für die Kranken: Er kürzte erst einmal die in anderen psychosomatischen Kliniken übliche Verweildauer der Patienten von zwei bis drei Monaten auf durchschnittlich 33 Tage. Dann führte er die freie Therapeutenwahl ein: Seine Klienten sollten bei Nichtgefallen ihren Psychologen wechseln können. Dogs nahm sich außerdem freiwillig wissenschaftliche Begleitung an die Seite. Er wollte – damals noch absolut unüblich – eine Auseinandersetzung darüber, was funktioniert und was nicht.

Eine von vielen Erfolgsgeschichten: Dieser Patient kam tieftraurig in die Klinik. Nach fünf Wochen spielte er vor allen Klavier. Dogs nahm ihn begeistert in den Arm.

Eine von vielen Erfolgsgeschichten: Dieser Patient kam tieftraurig in die Klinik. Nach fünf Wochen spielte er vor allen Klavier. Dogs nahm ihn begeistert in den Arm.

Prophezeit wurde ihm von vielen, dass er mit seinem Konzept, vor allem der kurzen Verweildauer, an die Wand fahren werde. Das Gegenteil war der Fall. Die Patienten profitierten auffallend. Auch ein Jahr nach dem Klinikaufenthalt ging es den meisten besser als vorher. Das Ärzteblatt berichtete 1998 begeistert darüber. Andere Klinikchefs regten sich auf, feindeten Dogs an, fürchteten, dass die Kassen ihnen Druck machen würden, ebenfalls etwas zu verändern. Dogs experimentierte unverdrossen weiter, bezog in die Therapie Pferde auf einem benachbarten Bauernhof mit ein, suchte ein unkonventionelles Team zusammen. Outdoor-Freaks aus dem Dorf für die Sporttherapie gehörten dazu, Ärzte, die chinesische Medizin oder Blutegel anboten, am liebsten Psychologen mit Lebenserfahrung. Und er schmiss immer wieder mal jemanden raus. Vor kurzem erst wieder, einen Psychotherapeuten, bei dem kein Patient bleiben wollte. "Der konnte keinen Kontakt herstellen, der hat den falschen Beruf", sagt Dogs.

In vielen Kliniken hat sich heute durchgesetzt, was Dogs anstieß: Die durchschnittliche Verweildauer liegt in den Krankenhäusern für Psychosomatik in Deutschland heute bei sechs, sieben Wochen, Verhaltenstherapie verdrängt zunehmend die Psychoanalyse. Und Qualitätssicherung ist Pflicht. Viele Kliniken achten darauf, dass die Chemie zwischen Therapeut und Klient stimmt. Fundierte Studien haben Dogs Recht gegeben: Die größten Defizite haben psychisch kranke Menschen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Nicht die therapeutische Methode bestimmt über den Heilerfolg, sondern, ob es zwischen den Beteiligten funkt.

Anfang dieses Jahres, im März, gab es, dachte Dogs, eine wunderbare Chance, endlich einem Millionenpublikum vorzuführen, wie es in einer modernen psychosomatischen Klinik zugeht. Das ZDF verfilmte einen Bestseller, der in der Panoramaklinik seinen Anfang genommen hatte, "Brief an mein Leben". Miriam Meckel hatte ihn geschrieben, damals jüngste Professorin Deutschlands, heute Chefredakteurin der "Wirtschaftswoche", vielen vor allem ein Begriff als Lebenspartnerin von Anne Will. Meckel verbrachte 2007 fünf Wochen in Scheidegg, sie hatte einen nervlichen Zusammenbruch hinter sich. Das ZDF recherchierte zwar in der Panoramafachklinik, bediente dann aber doch alle alten Klischees: Der Klinikchef (gespielt von Hanns Zischler) unnahbar, die Patienten schrill und kaum zu retten, die Räume steril, die analytischen Therapiegespräche seltsam verquast. Dogs war enttäuscht.

Die Psychoanalyse? Laut Dogs ist es die Therapieform "mit dem geringsten Erfolg"

Was den Patienten hilft? Lebensfreude. Schöne Atmosphäre. Beglückende Verbindungen mit anderen, findet er. Die Psychoanalyse würde er am liebsten sofort abschaffen, er nennt sie "die teuerste und aufwendigste Therapieform mit dem geringsten Erfolg."

Er ist vernarrt in die Hirnforschung. Manches, findet er, sei wunderbar einfach: Das Gehirn wird in den ersten Lebensjahren verschaltet, erläutert er seinen Patienten in regelmäßigen Vorträgen. Damit sei die Grundlage geschaffen, wie jemand die Welt interpretiert und ob er sich, zum Beispiel, auch in schwierigen Situationen selbst beruhigen kann. Bei großem Stress werden große Mengen Cortisol und Noradrenalin ausgeschüttet. Um den Stoffwechsel in der Balance zu halten, produziert der Körper Serotonin, Dopamin und Endorphine – bei Menschen, die nicht gelernt haben, gut für sich selbst zu sorgen, aber nicht in ausreichenden Mengen.

Das kann zu Depressionen führen, zu Burnout, zu Angsterkrankungen, wie immer man die Sache nennen will, die Symptome ähneln einander: Schlafprobleme, Antriebsprobleme, Traurigkeit, Verspannungen, körperliche Symptome wie Verdauungsprobleme, Kopfscherzen, Tinnitus. Manchmal verabreicht Dogs Medikamente, meist vorübergehend, um die Produktion der Botenstoffe anzuschieben. Dann geht es los.

Er hat eine rustikale Methode, die Menschen zu Erfahrungen zu führen, die längerfristig Glücksgefühle mit sich bringen. Zu allererst schneidet er ihnen gerne mal das Wort ab. Er reißt sie aus der Endlosschleife, in der die meisten hängen, wenn sie in seiner Klinik ankommen, aus ihrem Grübeln über verpasste Chancen, eine oft wirklich schrecklichen Kindheit, traumatische Erfahrungen.

Dogs wählt rustikale Methoden, um Herzen zu öffnen

Dogs will, dass sie von ihren Stärken berichten, von ihren aktuellen Konflikten, er möchte sie packen, bei ihrer Ehre, ihrer Überlebenskraft. Dogs wirft Patienten auch schon mal hin, dass sie ihr Drama liebten, sonst würden sie es nicht kreieren, dass sie Spaß daran hätten, sich aufzuopfern, sonst würden sie es nicht tun ("auch Mutter Theresa hat mit ihrer Aufopferung vor allem für ihre eigenen Endorphine gesorgt"). Wenn die so Angegriffenen sich dagegen wehren, dann hat er sie erreicht.

Erst vor kurzem war ein Unternehmensberater bei ihm, Mitte 40, erfolgreich, sympathisch, schwer depressiv, voll mit selbst abwertenden Gedanken. Bei ihm fiel Dogs gleich das Dauerlächeln auf. Sein Hintergrund: Ein Elternhaus, in dem es viel Strafe und Abwertung gab, Lob dagegen nur bei außergewöhnlicher Leistung. Emotionen zu zeigen war verboten, Selbstbeherrschung Gesetz. Sehr deutsch, findet Dogs. Sein Patient hatte irgendwann Panikschübe, Durchfall, er konnte sich nicht mehr konzentrieren, traute sich nicht mehr aus dem Haus. Zuerst wollte er auf keinen Fall in eine Klinik, hielt das für den Gipfel seines Versagens. Dann kam er doch. Dogs mag solche wie ihn, Kämpfernaturen.

Der Mann bekam als Basis das Standardprogramm verordnet: Entspannungstechniken, meditative Sitzungen, Maltherapie, Bewegungstherapie, Gruppenstunden. Obendrauf stellte sich Dogs als Sparringspartner in den Ring. Er schickte ihn ohne Essen und Ziel von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Wanderschaft, um ihn auf sich selbst zu werfen. Schärfte ihm ein, sich immer und überall auszuprobieren. Ein paar Tage lang nach allen Seiten radikal unfreundlich zu sein, gehörte dazu. Ebenso eine Nacht Schlafentzug und anschließend wie verrückt auf engem Raum zu tanzen, zu schwitzen, zu brüllen. Sechs Wochen intensives Selbsterfahrungsprogramm mit verlässlichem Echo durch Dogs und die Mitpatienten –zum Abschied sagte er: "Ein Deckel ist weggeflogen. Er kommt nicht mehr zurück, das weiß ich". Aber kann das auf die Dauer stimmen? Ja, sagt Dogs, denn die neuen Erfahrungen seien fundamental. Die Klinik bietet zudem – sie war damit 2001 die erste in Deutschland – ein Online-Nachsorgeprogramm an.

Dogs weiß, wie viel Veränderung möglich ist. Schlechtere Startbedingungen kann einer kaum haben. Wilfried Dogs, sein Vater, war Psychiater, er leitete Kliniken, gab, unter anderem im "Spiegel", Interviews zu Hypnose und autogenem Training, schrieb Bücher ("Ich kontra mich – die Geheimnisse der Autoaggression"). Wohl kaum einer ahnte, was sich in seiner Familie abspielte.

Christian Peter Dogs erinnert sich an eine erschütternde Kindheit. Der Vater war opiumabhängig (die Ärztekammer verweigerte ihm später die Genehmigung, andere weiterzubilden, da er, unter anderem, mit sexuellem Missbrauch und Rauschmitteln in Zusammenhang gebracht wurde), die Mutter trank und ließ den Vater machen. Christian Peter Dogs wurde nachts vom besoffenen Vater aus dem Schlaf geholt, geprügelt. Mit neun riss er aus, er kam in ein Kinderheim, Stempel: Schwer erziehbar. Seine Eltern ließen ihn fallen, auch finanziell. Seine Rettung waren Menschen, die sein Potenzial erkannten, sich für ihn engagierten.

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Teils kommen die falschen Patienten

Er bekam, durch einen Pädagogen, ein Stipendium für ein Eliteinternat. Die anderen wurden von ihren Eltern in die Ferien geholt, er blieb zurück, klopfte stundenlang einen gelben Ball an die Wand. Ein Lehrer erbarmte sich und gab ihm Tennisstunden. In seiner Clique kam er in Kontakt mit Drogen; Alkohol, Marihuana, schließlich Heroin. Ein Arzt, der Vater eines Schulfreundes, sah sein Drogenproblem, er nahm ihn nach Korsika mit, vier Wochen kalter Entzug, "eine gnadenlose Erfahrung, für die ich unendlich dankbar bin", sagt Dogs. Er bekam die Kurve, arbeitete nach der Schule als Bademeister, jobbte als Tennistrainer in Genf, als Animateur in einem Ferienclub, er sparte das Geld, mit 26 begann er Medizin zu studieren, wurde Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Den Facharzt für Psychosomatik und Naturheilverfahren machte er auch noch.

Dogs weiß, wie das ist, verzweifelt an der Idee zu hängen, irgendwann doch noch die Anerkennung der Eltern zu bekommen. "Verabschieden Sie sich davon", rät er vielen seiner Patienten. Eine Begegnung mit dem Vater gab es noch, Anfang der 90er Jahre. Wilfried Dogs bot dem Sohn überraschend an, seine Klinik zu übernehmen. Der sagte zu. Als sie zusammen saßen, forderte der Vater eine Summe, die weit über dem Marktwert lag. Kein anderer hatte das bezahlen wollen. "Da habe ich es endlich begriffen", sagt Dogs. Es gab keine Versöhnung. Er sah seine Eltern, die inzwischen gestorben sind, nie wieder.

Seit 2008 gibt es zusätzlich zu dem früheren Hotel mit 106 Betten ein Haus mit 56 Betten für Privatpatienten. Beide sind ausgebucht. Neun Monate Wartezeit ist für Kassenpatienten üblich. Dogs könnte sich zurücklehnen.

Aber er kann es nicht lassen, er sieht einen Missstand, das muss raus. "Das Angebot in den Kliniken hat sich weiterentwickelt. Aber jetzt kommen die Falschen", sagt er. "Ungefähr ein Drittel der Patienten blockiert die Plätze, die andere viel dringender brauchen." In psychosomatischen Krankenhäusern landeten heute Menschen "mit ganz normalen Problemen, die einfach zum Leben gehören", solche, die in Umbruchphasen stecken oder tief, aber völlig angemessen trauern. Außerdem nerven ihn die vielen, vor allem privat Versicherten und Beamten, die ein paar Wochen stationäre Behandlung absolvierten, um ihre Dienst- oder Berufsunfähigkeit durchzusetzen. Dogs erzählt: Vor wenigen Wochen, bei einer Zimmervisite, sagte er zu einem Mann Mitte 50: "Spielen wir mit offenen Karten. Sie wollen nicht mehr arbeiten, obwohl sie könnten". Der Mann, sagt Dogs, lachte, als hätte er einen Komplizen vor sich, und stimmte zu. Dogs schrieb wahrheitsgetreu in den Entlassungsbrief: "Herr X. ist arbeitsfähig, aber er möchte nicht mehr arbeiten". X. bekam seine Pensionierung trotzdem durch.

Dogs findet: Die niedergelassenen Ärzte müssten besser differenzieren, wem sie eine Einweisung schreiben. Das wäre ein guter Anfang. Er will es wenigstens gesagt haben. Lösen müssen dieses Problem andere.

Im Oktober steigt Dogs aus. Im Bregenzer Wald hat er ein Bauernhaus gekauft, das renoviert er mit seiner Lebensgefährtin, einer Architektin. Eins A-Botenstofflage, Wildbach, Blick in die Berge. Er wird Paartherapie und Coaching anbieten, Anfragen hat er viele. Bei manchen hört er schon am Telefon, dass sie nicht zu ihm passen. Er sagt ihnen ab. Freie Patientenwahl. "Herrlich!", ruft er, steht auf, schaut raus, die Luft ist klar, die Berge leuchten. Grandiose Aussichten. Er freut sich schon.

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