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Depression: Zehn Tipps für Partner und Freunde

Der Partner zieht sich zurück, hat keine Hoffnung mehr und sieht alles schwarz - kein gutes Zureden hilft. Eine Depression, wie sie den Nationaltorwart Robert Enke traf, ist für Angehörige belastend.

Von Werner Hinzpeter

Eine Depression ist eine ernsthafte Erkrankung, unter der nicht nur die Betroffenen leiden. Auch für Angehörige und Freunde ist dies eine schwierige und anstrengende Zeit; häufig wissen sie nicht, wie sie sich dem Depressiven gegenüber am besten verhalten sollen. Hilfreiche Tipps für Freunde und Verwandte von Erkrankten.

Erkennen Sie die Schwere der Krankheit an

Wenn Menschen ihre Ängste nicht mehr im Griff haben, wenn eine Depression ihre Persönlichkeit drastisch verändert, kann auch ein noch so hingebungsvoller Einsatz von Angehörigen das Leiden nicht besiegen. Wie bei anderen schweren Erkrankungen ist die Hilfe eines Profis nötig. Ermutigen Sie den Betroffenen, einen Arzt oder Psychotherapeuten aufzusuchen, unterstützen Sie ihn dabei, einen ersten Termin zu machen. Ist dieser Schritt getan, haben Sie schon eine Menge erreicht.

Unterschätzen Sie Ihren Einfluss nicht

Angehörige sind extrem wichtig. Sie können die Therapeuten in ihrer Arbeit spürbar unterstützen. Sie können es ihm aber durch falsches Verhalten auch schwerer machen, im schlimmsten Fall sogar alles wieder zunichtemachen, was zuvor in der Therapie aufgebaut wurde.

Informieren Sie sich

Machen Sie sich über das Krankheitsbild Ihres Angehörigen schlau. Wissen schützt vor falschen Erwartungen. Es hilft zu verstehen, dass Aggressionen und Zurückweisung Symptome einer Depression sind und nicht Ausdruck von Lieblosigkeit. Und es gibt Ihnen Sicherheit im Umgang mit dem Kranken, wenn Sie wissen, wie Sie ihn unterstützen können und mit welchen Verhaltensweisen Sie die Heilung erschweren. Nehmen Sie deshalb nach Möglichkeit auch Einladungen des Therapeuten zu gemeinsamen Gesprächen an.

Motivieren Sie

Einem Depressiven können Sie helfen, indem Sie ihn dabei unterstützen, die Aufgaben des Alltags zu erledigen, wenn er selbst nicht mehr dazu fähig ist. Aber Sie tun ihm keinen Gefallen, wenn Sie ihm dauerhaft alles abnehmen. Denn Aktivierung ist Teil der Behandlung. Ermuntern Sie ihn deshalb behutsam zu kleinen Aktivitäten. Es nützt ihm, von depressiven Gedanken und Grübeleien abgelenkt zu werden. Und es unterstützt ihn dabei, sein Verhalten mehr und mehr zu ändern. Achten Sie darauf, dass der Kranke Medikamente regelmäßig nimmt und Therapietermine einhält. Angstsymptome nehmen durch Training ab, also indem sich der Betroffene wiederholt der auslösenden Situation stellt. Einem Angstkranken hilft es deshalb, wenn Sie Ihre Unterstützung schrittweise abbauen. Motivieren Sie ihn, in bewältigbare angstbesetzte Situationen zu gehen und sie auszuhalten.

Überfordern Sie nicht

Das richtige Maß zwischen Motivation und Überforderung zu finden kann zur Gratwanderung werden. Erwarten Sie nichts, was der Kranke im Moment nicht leisten kann. So ersparen Sie sich und ihm Frustration. Verzichten Sie darauf, von einem depressiven Partner die Befriedigung Ihrer Bedürfnisse einzufordern, das gilt auch für Intimität. Setzen Sie einen Angstkranken nicht eisern unter Druck, sich in eine von ihm als bedrohlich empfundene Situation zu begeben – unter Umständen bewirken Sie sonst, dass er von seiner Angst überwältigt wird und sich sein Leiden verstärkt.

Achten Sie auf Ihre Wortwahl

Aus Unwissen oder Ungeduld geben Angehörige und Freunde seelisch Kranken oft gut gemeinte, aber nutzlose und mitunter schädliche Ratschläge wie:

  • Kopf hoch, das ist doch alles gar nicht so schlimm.
  • Stell dich nicht so an.
  • Du brauchst eigentlich nur mal Urlaub.
  • Reiß dich mal zusammen.
  • So schlimm kann es gar nicht sein.
  • Lach doch mal.

Versuchen Sie, konstruktiv zu reagieren. Statt eines Vorwurfs, beispielsweise weil eine geplante gemeinsame Aktivität zu platzen droht, könnten Sie antworten: "Okay, dir geht es jetzt nicht so gut. Aber wir haben darüber gesprochen, dass es dir hilft, wenn wir rausgehen. Würdest du deshalb jetzt mit mir rausgehen?" Hilfreich ist, dem Betroffenen wiederholt zu sagen, dass Depressionen und Angststörungen nichts mit Willensschwäche zu tun haben, sondern Krankheiten sind, die behandelbar sind. Dass Sie zu ihm stehen und ihn unterstützen werden, dass Sie ihn nicht verlassen werden.

Reden Sie mit Freunden und Familie

Eine seelische Erkrankung beeinträchtigt häufig den Kontakt und das Verhältnis zu Freunden und Familienmitgliedern. Der Erkrankte zieht sich zurück, Menschen aus seinem Umfeld reagieren mitunter verstört auf die Symptome des Leidens. Besprechen Sie mit dem Betroffenen, welche Personen Sie über die Diagnose informieren, um so deren Verständnis und Unterstützung zu gewinnen. Auch mit Ihren Kindern sollten Sie reden, sofern das Miteinander mit ihnen beeinträchtigt ist. Schon kleinen Kindern kann man vermitteln, dass ein Elternteil krank ist und sich deswegen anders verhält als gewohnt.

Nehmen Sie Suizidgedanken ernst

Wen würde es kaltlassen, wenn ein Freund oder Angehöriger laut über Selbsttötung nachdenkt oder sie gar androht? Tatsächlich müssen solche Äußerungen ernst genommen werden, sie sind immer ein Zeichen dafür, dass der Betroffene große Schwierigkeiten hat. Gehen Sie darauf ein, hören Sie zu, überreden Sie ihn, seine Gedanken mit einem Arzt oder Therapeuten zu besprechen. In akuten Situationen kann es helfen, einen Vertrag zu schließen, in dem der Schwermütige sich verpflichtet, sich nichts anzutun, bevor er mit einem Therapeuten gesprochen hat. Ist der Depressive nicht dazu bereit, sich helfen zu lassen, dann schrecken Sie nicht davor zurück, zum Beispiel selbst beim Arzt oder Therapeuten anzurufen, notfalls auch bei der Polizei. Das gilt vor allem dann, wenn Sie ein auffälliges Verhalten beobachten wie etwa das Horten von Medikamenten.

Erlauben Sie sich Ihre Gefühle

Wenn jemand, der Ihnen viel bedeutet, an Depressionen oder einer Angsterkrankung leidet, empfinden Sie möglicherweise Gefühle wie Traurigkeit, Wut, Verärgerung und Frustration. Um helfen zu können, ist es wichtig, zu verstehen und zu akzeptieren, dass Sie diese Gefühle haben. Geben Sie dem Kranken keine Schuld daran, dass Sie sich so fühlen. Und seien Sie nicht zu streng mit sich, wenn Sie unter dieser Belastung nicht immer perfekt reagieren. Teilen Sie Ihre Sorgen mit Freunden. Überlegen Sie, ob Ihnen eine Angehörigengruppe guttut. Dort finden Sie Verständnis und bekommen praktische Tipps für den Alltag.

Achten Sie auf Ihr eigenes Wohlergehen

Niedergeschlagenheit eines Depressiven schwer auf die eigene Stimmung drücken. Und es dauert oft Monate oder Jahre, bis eine Depression geheilt ist. Das stehen Sie als Partner nur durch, wenn Sie die Grenzen Ihrer eigenen Belastbarkeit ernst nehmen. Organisieren Sie sich Hilfe durch Freunde oder Familienmitglieder, um sich Freiräume zu schaffen. Nutzen Sie, wenn Sie es sich leisten können, die Hilfe von Dienstleistern: Staut sich die Hausarbeit, dann stellen Sie eine Putzfrau ein. Schenken Sie sich Freizeit, damit Ihr Leben auch Momente enthält, die Spaß machen. Pflegen Sie Ihren Freundeskreis, sorgen Sie für Begegnungen mit fröhlichen, unbeschwerten Menschen. Droht die Belastung überhandzunehmen, kann es Ihnen helfen, Kontakt mit dem Therapeuten Ihres Angehörigen aufzunehmen und ihn um Unterstützung zu bitten.

Artikel gefunden in Gesund Leben, Nr. 5/2010

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