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Psychische Erkrankungen Der Therapeut kommt nach Hause: Wie Online-Therapien Depressiven helfen können

Frau sitzt traurig vor dem Computer
Bei Online-Therapieformen sehen sich Therapeut und Patient nur am Computer – der Wirkung soll das aber keinen Abbruch tun
© fizkes / Getty Images
Therapieplätze sind für Menschen mit psychischen Erkrankungen nur selten zeitnah zu bekommen. Für schnellere Hilfe können Online-Therapien sorgen. Die neuen Therapieformen bieten für viele Patienten praktische Vorteile – dennoch sind viele Krankenkassen noch zurückhaltend.

Nach der Trennung von seiner Frau hatte Klaus B. schwer zu kämpfen. So schwer, dass er sich nach einiger Zeit professionelle psychologische Hilfe suchen wollte – doch das erwies sich als schwieriger als gedacht. Bei einigen Therapeuten landete der 52 Jahre alte Gymnasiallehrer aus Niedersachsen auf Wartelisten, andere hatten gleich einen Aufnahmestopp für neue Patienten verhängt. Allein auf ein Vorgespräch hätte er fünf Monate warten müssen, berichtet B. im Gespräch mit dem stern.

Zufällig wurde Klaus B. auf ein Online-Therapie-Angebot aufmerksam. Seit fast anderthalb Jahren wird er dort wegen einer mittelschweren Depressionserkrankung behandelt. Auf der Plattform Minddoc, die professionelle Therapiesitzungen im Internet anbietet, schaltet er sich regelmäßig mit seinem Therapeuten zusammen. Per Videokonferenz werden Probleme und mögliche Lösungen besprochen – so wie es viele Menschen mittlerweile auch aus ihrem Arbeitsalltag und im privaten Kontext kennen.

Online-Therapie: Ausweg bei langen Wartelisten

Nicht erst seit der Corona-Krise hat die Nachfrage nach Psychotherapie im Internet zugenommen. Denn die Suche nach herkömmlichen ambulanten Therapiemöglichkeiten wird für Patienten, die meist ohnehin in einer schweren Krise stecken, oft zum weiteren Problem: Therapieplätze gibt es meist nur nach langen Wartezeiten, in ländlichen Gegenden finden sich oft keine geeigneten Möglichkeiten. Manche Patienten sind durch lange Anfahrtswege, fehlende Mobilität oder gesundheitliche Probleme eingeschränkt, bei anderen ist die Scham zu groß, um eine herkömmliche Therapie anzutreten.

Online-Therapeuten möchten die digitalen Möglichkeiten nutzen, um diese Hindernisse zu überwinden. Für viele Patienten, die derartige Angebote wie nutzen, ist das nicht nur praktisch, sondern im Alltag auch eine große Hilfe. "Mein Therapeut kommt zu mir nach Hause", sagt Klaus B. Dabei sind es nicht nur junge Menschen, die den Weg über das Internet suchen. "Es gibt mehr und mehr Patienten, die das genauso wollen", beobachtet auch Bernhard Backes, therapeutischer Leiter bei Minddoc. Das Angebot der Schön-Kliniken existiert seit 2017, besonders Menschen mit Essstörungen und Depressionen werden dort behandelt. "Wir haben Patienten im Alter zwischen 18 und 78 Jahren. Für die meisten ist es ganz normal", sagte Backes dem stern.

In der Corona-Krise sinkt die Skepsis vor digitaler Kommunikation weiter

In der Corona-Krise hat die Nachfrage nach Online-Angeboten in diesem Bereich noch einmal zugenommen. Minddoc-Therapeut Backes berichtet, dass in der Krisenzeit mehr Menschen einen Therapiebedarf bei sich erkennen – durch Einsamkeit, Jobverlust oder Zukunftsangst. Dabei handelt es sich aber meist um Veranlagungen, die vorher schon bestanden und jetzt zu Tage treten, so der Therapeut: "Viele konnten das im Alltag noch gut kompensieren, aber die Corona-Krise hat letzten Endes das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Leute kommen aber nicht wegen Corona, sondern oft, weil sie jetzt mehr Zeit zum Nachdenken haben oder weil sie nun überhaupt einmal Zeit haben, zum Psychotherapeuten zu gehen, weil alles andere heruntergefahren ist." Zum anderen ist die Scheu vor digitaler Kommunikation gehörig gesunken – selbst bei denen, die bisher skeptisch waren. Videokonferenzen mit Freunden oder Arbeitskollegen sind in Social-Distancing-Zeiten Alltag, für immer mehr wird diese Form des Austauschs normal. 

Im Normalfall dürfen Psychotherapeuten lediglich 20 Prozent ihrer Patienten online behandeln. Angesichts der Herausforderungen durch das Coronavirus haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung und GKV-Spitzenverband diese Beschränkung vorübergehend aufgehoben, vorerst bis Ende September. Ob die Regelung danach erneut verlängert oder zurückgesetzt wird, ist offen. Online-Therapie-Angebote wie Minddoc oder Selfapy, die nicht zur Regelversorgung der Krankenkassen gehören, arbeiten davon unabhängig und sind daher nicht an diese Begrenzungen gebunden.

Patienten und Therapeuten müssen kreativ werden

Doch ganz ohne direkten Kontakt verläuft auch die Online-Therapie nicht. Potenzielle Patienten können mittels eines Fragebogens auf der Website des Therapieangebots kontrollieren, ob bei ihnen bestimmte Kriterien erfüllt sind, die für eine Erkrankung sprechen. Anschließend findet jedoch ein persönliches Erstgespräch mit einem Psychotherapeuten in der Nähe statt, der sich ein eigenes Bild macht. Erst danach beginnt die Therapie am Bildschirm. Die Sitzungen laufen dabei über zertifizierte Programme ab, die bestimmte Datenschutzvorgaben erfüllen.

Da der persönliche Kontakt während der Therapie fehlt, kommt der sprachlichen Kommunikation eine besonders große Bedeutung zu, berichtet Backes aus seinem Therapeutenalltag. "Normalerweise hat man viele Informationen vom Patienten, die man sich erschließen kann. Online bin ich als Therapeut gefordert, mir diese Informationen zu holen." Die Patienten müssen mehr reden als ohnehin schon, mitunter aber besteht auch die Gefahr, dass Dinge zurückgehalten und verheimlicht werden. Das bringt auch neue Herausforderungen für die Therapeuten mit sich. Bernhard Backes beispielsweise achtet sehr bewusst auf den Hintergrund, wenn er sich in eine Online-Therapiesitzung begibt. Kreativität ist gefragt, denn die neue Art der Therapie macht auch neue Methoden nötig.

Studien stellen kaum Unterschiede zu herkömmlichen Therapien fest

So lassen sich in der Therapie oft gute Ergebnisse erzielen. In der Wirkung ist gegenüber herkömmlichen Therapieformen kaum ein Unterschied festzustellen, das belegt auch die wissenschaftliche Forschung zu dem Thema. "Die therapeutische Beziehung ist virtuell, aber nichtsdestoweniger real", stellt die Psychologin Christiane Knaevelsrud in einer Untersuchung zur Wirksamkeit von Online-Psychotherapien fest. Forscher aus Schweden, die fünf Studien zu den Unterschieden zwischen Therapien on- und offline analysiert haben, stellten ebenfalls keine nennenswerten Differenzen fest. "Auch online ist eine gute Beziehung herstellbar", fasst Bernhard Backes seine Erfahrungen zusammen. Die Patienten von Minddoc würden dies in Fragebögen regelmäßig bestätigen. Und auch Klaus B. berichtet, dass ihn die Online-Therapie "sehr stabilisiert" habe.

Das richtige Angebot für die eigenen Bedürfnisse zu wählen, ist dennoch nicht immer einfach. Online-Therapie-Plattformen bieten zwar den Vorteil, Therapeuten mit verschiedenen Spezialgebieten zu haben, die in der unmittelbaren Nähe des Patienten mitunter schwierig zu finden oder schon ausgebucht sind. Dennoch bleibt die Therapie ein sensibles Feld. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) hat deshalb ein Gütesiegel der psychologischen Online-Beratung eingeführt, das Patienten helfen soll, die Seriosität von Angeboten zu erkennen. Qualitätskriterien sind dabei neben der Qualifikation der Therapeuten unter anderem auch die schnelle Beantwortung von Anfragen, Schweigepflicht und nicht zuletzt ein "verantwortlicher Umgang mit Grenzen".

Bei den möglichen praktischen und medizinischen Vorteilen kann nämlich auch die Online-Therapie nicht in jeder Lage weiterhelfen. "Manche Probleme, insbesondere stark belastende psychische Krisen, erfordern einem persönlichen und längerfristigen Kontakt", schreibt der BDP. Spätestens bei suizidalen Tendenzen sollten Patienten in direktem Kontakt betreut werden. "Da kommt jeder an seine Grenzen", sagt Bernhard Backes. Weitere Beispiele sind psychotische Störungen, bei denen der Patient den Kontakt zur Realität verliert, oder bei Persönlichkeitsstörungen.

Viele Krankenkassen sind noch zurückhaltend

Die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) ist zudem skeptisch gegenüber Modellen, bei denen das Erstgespräch ausgelagert wird und danach ein Online-Therapeut übernimmt. Die Vereinigung kritisiert die Fragmentierung des Therapieprozesses. "Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass Indikationsstellung, Behandlungsplanung und die anschließende Psychotherapie durch gut ausgebildete Psychotherapeuten in personeller Kontinuität erbracht werden", sagte der Bundesvorsitzende der DPtV, Gebhard Hentschel, dem "Deutschen Ärzteblatt".

Auch übernehmen nicht alle Versicherungen die Kosten für diese Form der Therapie. Die Techniker-Krankenkasse beispielsweise hat eigene Angebote im Internet zur Psychotherapie, die Betreuung über andere Anbieter im Netz werde jedoch nicht bezahlt, teilte ein Sprecher auf stern-Anfrage mit. Grundsätzlich empfiehlt es sich für potenzielle Patienten, die Kostenübernahme vor Beginn der Therapie individuell mit ihrer Krankenkasse abzuklären.

Quellen:Berufsverband Deutscher Psychologen und Psychologinnen"Internet-Psychotherapie: Wirksamkeit und Besonderheiten der therapeutischen Beziehung" / "Internet-supported versus face-to-face cognitive behavior therapy for depression""Tagesspiegel""Deutsches Ärzteblatt"

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Für Kinder und Jugendliche steht auch die Nummer gegen Kummer von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr zur Verfügung - die Nummer lautet 116 111.


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