Ein Video, das Tim Schäcker, Luis Freitag, Julien Brown, Jacob Rott und Bene Schulz im Fahrstuhl aufnahmen und auf Tiktok posteten, machte sie berühmt. Es folgten viele ähnliche Clips und schon bald wurden die Elevator Boys – die coolen, gut aussehenden Jungs aus dem Aufzug – zu echten Social-Media-Größen. Sie haben Millionen Follower, drehen Videos mit Prominenten wie Heidi Klum und gehören selbst zur Riege der internationalen Stars. Dass sie sich nun mit dem Thema mentale Gesundheit beschäftigen, passt auf den ersten Blick so gar nicht zu ihrem Sonnyboy-Image. In dem Youtube-Format "MindFAQ" sprechen sie offen mit Menschen, die Erfahrungen mit Suizid, Essstörungen oder Panikattacken gemacht haben. Und zugegeben: Auch das können sie. Der stern traf Julien, Tim und Luis für ein Gespräch in München. Dabei ging es nicht nur um ihr neues Projekt, sondern auch um persönliche Erfahrungen mit Tod und Trauer sowie um die Gruppentherapie, die sie kürzlich begonnen haben.
Wie war es für euch, die Rolle der "Therapeuten" einzunehmen und mit Unbekannten über sehr intime Themen zu sprechen?
Luis: Uns war von Anfang an wichtig, nicht in die Rolle des Therapeuten zu rutschen. Wir wollten ein Umfeld schaffen, in dem Betroffene von mentalen Erkrankungen oder traumatischen Erlebnissen offen sprechen können. Ein Umfeld, in dem man Fragen stellen kann, die man normalerweise scheut, aus Angst, etwas Falsches zu sagen.
Julien: Wir waren überrascht, wie die Leute mit uns interagierten. Zum Beispiel Sammy, die ihre Mutter durch Suizid verloren hat. Da geht man mit der Erwartung hinein, dass das Gespräch sehr schwierig wird und die Stimmung bedrückend ist. Und dann wird plötzlich gelacht und alles erscheint leicht.
Die Folge mit ihr hat mich auch am meisten berührt, vor allem der Moment, als sie den Text, den sie ihrer Mutter geschrieben hat, vorliest.
Luis: Ja, da war ich auch den Tränen nahe und musste erst mal durchatmen.
Luis, du erzählst auch davon, dass du in jungen Jahren einen engen Freund verloren hast. Wie hat dich diese Erfahrung geprägt?
Luis: Sowohl negativ als auch positiv. Einerseits habe ich einen Freund verloren, der mir sehr wichtig war. Andererseits habe ich noch nie einen so schönen Abschied miterlebt. Ich habe gelernt, dass man traurig sein und gleichzeitig das Leben des Verstorbenen feiern kann. Das hat mir sehr dabei geholfen, mit seinem Tod umzugehen.
Hat dich das emotional reifen lassen?
Luis: Ich glaube schon, denn es hat mir eine andere Perspektive auf Tod, Trauer und Verlust gegeben. Außerdem habe ich angefangen, darüber nachzudenken, wie ich es mir für mich selbst vorstelle, wenn es einmal so weit ist. Bis dahin war das für mich kein Thema.
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Durch den Job fühlte ich mich oft unter Druck gesetzt
Julien, du erzählst in einer Folge, dass du schon einmal eine Therapie gemacht hast. Möchtest du erzählen, warum?
Julien: Durch den Job fühlte ich mich oft unter Druck gesetzt und ich wollte mich in diesem Gefühl nicht verlieren. Ich habe damals viel über das 'innere Kind' gelesen und gehört. Damit wollte ich mich beschäftigen.
Und was hast du für dich aus der Therapie mitgenommen?
Julien: Mich selbst zu analysieren. Zu verstehen, warum ich so bin, wie ich bin. Meine Verhaltensmuster und Beziehungen zu anderen Leuten. Und als Vorbereitung für die MindFAQ-Serie war die Therapie auch hilfreich.
Inwiefern?
Julien: Ich hatte bei den Gesprächen für die Serie ein oder zwei Berührungspunkte mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben.
Was ist FAQ You?
Die Initiative "FAQ You" setzt sich für sexualpädagogische und gesellschaftliche Aufklärung ein und richtet sich besonders an Jugendliche sowie Lehrkräfte. Bekannt geworden ist die Initiative vor allem durch Projekte wie die "FAQ-You-Academy", in der Schülerinnen und Schüler in einem zweitägigen Programm zu sogenannten Peers ausgebildet werden. Nach Abschluss sind sie befähigt, selbst Aufklärungsworkshops an ihrer Schule zu geben. "MindFAQ" ist eine Ergänzung zu "FAQ You" und fokussiert sich auf die mentale Gesundheit junger Menschen. Mit Youtube-Serien, Social-Media- und Expertenformaten werden Themen wie Suizid, Drogensucht oder Ängste enttabuisiert. Bekannte Creator wie die Elevator Boys unterstützen das Vorhaben und sind Hosts in dem Youtube-Format von "MindFAQ". Daniel Nagel ist der Gründer und CEO hinter "FAQ You" und "MindFAQ". Bereits im Alter von 17 Jahren gründete er eine Initiative gegen Aids, aus der schließlich eine der größten privat initiierten Gesundheitsorganisationen weltweit wurde.
Wenn man euch zuhört, hat man das Gefühl, dass euch "Deep Talk", also ernsthafte, tiefgehende Gespräche, relativ leichtfallen. Von wem habt ihr diese emotionale Intelligenz gelernt?
Tim: Von Mama und Papa (lacht). Ich denke, den Umgang mit Gefühlen lernt man zu Hause, und ich würde sagen, dass wir in dieser Hinsicht alle gut erzogen wurden. Wir haben viel Verständnis und sind reflektiert. Deswegen fällt es uns wahrscheinlich leicht.
Luis: Sicher spielt auch eine Rolle, dass wir eine Gruppentherapie machen. Wir sind wie Geschwister, haben sogar gemeinsam gewohnt und sind oft rund um die Uhr zusammen. Manchmal wird das schon sehr viel. Wenn man dann nicht anfängt, seine Themen aufzuarbeiten und seine kleinen Streitereien von jemandem mediieren zu lassen, staut sich einiges an. Das wollten wir vermeiden.
Wer hatte die Idee zur Gruppentherapie?
Luis: Meine Mutter (lacht), sie ist auch unsere Geschäftsführung. Sie hat gesagt: "Hey Jungs, ihr habt viel Stress und super wenig Zeit, über Sachen zu sprechen. Macht das doch präventiv, damit ihr nicht irgendwann keine Lust mehr aufeinander habt."
Mit wem sprecht ihr über eure persönlichen Sorgen und Probleme?
Julien: Jeder hat seine ein oder zwei Bezugspersonen in der Gruppe. Es ist auch ein bisschen themenabhängig, ob ich jetzt beispielsweise mit Luis darüber spreche oder doch mal meine Mutter anrufe. Aber wir haben alle ein offenes Ohr füreinander.
Es ist uns wichtig, ein verlängertes Sprachrohr für die Betroffenen zu sein
Warum habt ihr euch überhaupt dazu entschieden, bei "MindFAQ" mitzumachen?
Tim: Unser Job ist es, Menschen zu entertainen und das lieben wir auch. Gleichzeitig möchten wir nicht nur Entertainment in die Welt tragen.
Julien: Wir haben einfach eine große Reichweite und daher auch die Verantwortung, solchen Themen eine Plattform zu bieten.
Tim: Es ist uns wichtig, ein verlängertes Sprachrohr für die Betroffenen zu sein und diese Themen aus der Tabuecke zu holen.
Ihr seid durch Fahrstuhl-Videos auf Titok berühmt geworden und teilt seit Jahren euer Leben in den sozialen Medien. Was ist für euch daran besonders herausfordernd?
Luis: Immer zu performen. Gerade in den ersten ein bis zwei Jahren standen wir unter großem Druck, extrem viel Content zu produzieren. Zudem war es am Anfang schwer, mit Kommentaren umzugehen. Denn natürlich bekamen wir nicht nur positive Rückmeldung. Es gibt halt immer zwei Seiten der Medaille. Mit negativen Kommentaren können wir inzwischen deutlich gelassener umgehen. Vor allem, wenn es sich um unfundierten Hass handelt, kann ich mich heute gut davon abgrenzen.
Tim: Ich glaube, das Schlimmste an Social Media ist das ständige Vergleichen. Nicht nur für die Konsumenten, sondern auch für die Produzenten von Inhalten. Ich habe mal gelesen: Wenn man morgens direkt auf Social Media geht und zehn Leute aus ihren perfekt inszenierten Leben sieht, dann startet man mit einem viel schlechteren Gefühl in den Tag.
Mit eurem Auftritt in den sozialen Medien trag ihr auch dazu bei, dass sich andere mit euch vergleichen. Womöglich fühlen sich manche eurer Fans schlecht, weil sie das, was ihr geschafft habt, als unerreichbar empfinden.
Luis: Genau aus diesem Grund versuchen wir, mit Projekten wie MindFAQ ein Gegengewicht zu schaffen. Wir wollen nicht nur unsere perfekte Seite zeigen, sondern den Leuten da draußen klarmachen, dass auch wir ganz "normale" Menschen sind, die manchmal zu kämpfen haben und nicht davor scheuen, sich Hilfe zu holen.