Vier Jahre Ukraine-Krieg
"Es ist meine Pflicht, von hier aus zu helfen"

Andrii Katrych hilft aus Kassel mit Hilfslieferungen und Projekten der Ukraine. Foto: Nicole Schippers/dpa
Andrii Katrych hilft aus Kassel mit Hilfslieferungen und Projekten der Ukraine. Foto
© Nicole Schippers/dpa
Als russische Panzer Sumy überrollten, half Andrii Katrych bei Evakuierungen – jetzt organisiert der Ukrainer von Kassel aus Hilfsgüter für seine Heimat. Was ihn nach vier Jahren Krieg bewegt.

"Der 24. Februar ist ein trauriger Tag", sagt Andrii Katrych. Der Angriff Russlands auf die Ukraine, der sich an diesem Datum zum vierten Mal jährt, habe ihn und seine Familie völlig überrascht. "Am 23. Februar habe ich noch das letzte Regal in unserem frisch renovierten Bad angebracht und am nächsten Morgen um vier Uhr begann der Krieg", erinnert sich der 39-jährige Ukrainer, der inzwischen in Kassel wohnt. Damals lebte er mit seiner Frau und sechs Kindern in Sumy nur rund 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. 

Bereits um sechs Uhr seien russische Panzer durch seine Heimatstadt im Nordosten des Landes gerollt. "Das war ein Schock. Wir wussten erst gar nicht, was wir machen sollten", schildert er. Dann habe die Familie versucht, Lebensmittel einzukaufen. "Alles war voller Menschen. Aus dem Automaten kam kein Geld mehr." Es habe keine Panik geherrscht, aber die Menschen hätten nicht gewusst, ob sie bleiben oder fliehen sollten. 

Bei Evakuierungen geholfen

Nach Ausbruch des Krieges und der Besetzung der Region Sumy harrten Katrych und seine Familie zunächst in ihrer Heimat aus. Er habe ehrenamtlich bei der Evakuierung von Familien mit Kindern und Menschen mit Behinderung aus dem Kampfgebiet geholfen, berichtet der 39-Jährige. Zudem habe er Lebensmittel und Medikamente unter anderem an Altenheime und Waisenhäuser in Sumy und Umgebung geliefert. Vom Militärdienst war Katrych befreit, da er mehr als drei Kinder hat. 

Im August 2022 schließlich floh er mit seiner Frau und vier Kindern nach Deutschland. Zwei erwachsene Kinder blieben in Sumy. Eine Tochter arbeite dort als Ärztin, ein Sohn als Rettungswagenfahrer, erzählt Katrych. "Die Situation vor Ort ist sehr schwierig." Es gebe bei bitterer Kälte keine Heizung und nur zwei bis drei Stunden täglich Strom. "Es gibt immer wieder Bomben- und Drohnenangriffe." Die Kinder erzählten wenig, um die Eltern nicht zu belasten. "Wir sind aber gut vernetzt in der Ukraine und wissen immer, was los ist." 

Neues Leben in Deutschland aufgebaut

An eine Rückkehr in seine Heimat glaubt der Familienvater derzeit nicht. "Das ist zu gefährlich, so nah an Russland", sagt er. In Deutschland habe sich seine Familie ein neues Leben aufgebaut. "Die ganze Familie hat sich gut integriert. Das hat viel Kraft gekostet. Es wäre sehr schwer, das Leben noch einmal ganz von vorn zu beginnen." 

In der Ukraine hat Katrych einen Hochschulabschluss absolviert und eine Baufirma gegründet. Derzeit arbeitet er als Fahrer für ein Labor. Gerne würde er sich wieder selbstständig machen. "Aber das ist schwierig in Deutschland. Es gibt viele Regeln und Hürden", sagt er. Auch die Sprachbarriere spiele eine Rolle. 

Dabei spricht der Ukrainer nahezu fließend Deutsch. Bereits im Zug nach Deutschland habe er angefangen, die Sprache zu lernen, berichtet er. Um seine sprachlichen und beruflichen Fähigkeiten zu erweitern, bereitet sich Katrych derzeit selbstständig auf die C1-Prüfung vor, die fünfte von sechs Kompetenzstufen. 

Hilfslieferungen in die Ukraine

Um sein Heimatland aus der Ferne zu unterstützen, hat der 39-Jährige mit einem Team engagierter Freiwilliger in Kassel den deutsch-ukrainischen Verein "Der Kreis - Kassel" gegründet. Mit seinen Mitstreitern habe er zuvor bereits zwei Jahre lang zusammengearbeitet und der Ukraine geholfen, berichtet er. 

Der Verein organisiere regelmäßig humanitäre und kulturelle Projekte. Zudem habe er bereits mehrere Rettungswagen, Evakuierungs- und Feuerwehrfahrzeuge angeschafft und in die Ukraine gebracht, ebenso medizinische Ausrüstung, Medikamente sowie mit dem 3D-Drucker hergestellte Produkte wie medizinische Schienen und Tablettenboxen. 

Er sei in der Nacht gerade erst aus Norwegen zurückgekommen, wo er das nächste Fahrzeug - deutlich günstiger als in Deutschland - gekauft habe, erzählt Katrych. "Viele meiner Freunde und Kollegen sind an der Front. Viele sind gefallen. Es ist meine Pflicht, von hier aus zu helfen. Das ist mein Krieg", sagt er.

Viele haben alles verloren

Viele Ukrainer hätten alles verloren. Sie seien erschöpft und müde. "Vier Jahre sind eine lange Zeit." Aber sie wüssten, dass sie auf der richtigen Seite stünden. "Sie kämpfen für die Demokratie", betont Katrych. Er wünsche sich einen echten Frieden für sein Heimatland. Russland müsse die besetzten Gebiete zurückgeben und Reparationszahlungen leisten.

"Aber Russland will keinen Frieden", ist sich der Ukrainer sicher. Das Land müsse wirtschaftlich in die Knie gezwungen werden, meint er. Nicht nur für die Sicherheit der Ukraine, sondern für die Sicherheit Europas. "Nur 1.200 Kilometer entfernt von uns tobt ein Krieg, direkt vor den Toren Europas." Die Gefahr, die davon ausgehe, sei vielen offenbar noch nicht bewusst. 

"Wir müssen zusammenstehen, Europa muss stark und unabhängig werden", betont der 39-Jährige. "Das ist die einzige Chance auf Frieden für die Ukraine und ganz Europa. Nur zusammen können wir menschlich bleiben und Großes bewegen."

dpa