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Betroffenenkongress in Leipzig: Depression ist keine Schande

Wer an Depression erkrankt ist, muss sich nicht verstecken. Das ist die Botschaft des ersten Patientenkongresses für Betroffene in Leipzig. Prominenter Schirmherr ist Harald Schmidt.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Vier Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Deprssionen

Vier Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Deprssionen

Vier Millionen Depressive in Deutschland - das kann nicht nur am Fernsehprogramm liegen. Sagt Harald Schmidt. Wie bitte? Rumkasperln bei so einem ernsten Thema? Schon ahnt man, dass sich die Fraktion der passionierten Buhrufer und Hobby-Empörer erheben will, um ihr lautstarkes Veto einzulegen. Doch Harald Schmidt ist mitnichten angetreten, um sich mal wieder sein umstrittenes Lästermaul zu zerreißen. "Depression ist eine ernst zu nehmende Volkskrankheit", so der Entertainer weiter. "Das Erkennen der Symptome und die mögliche Behandlung der Krankheit soll einer großen Öffentlichkeit vermittelt werden."

Genau aus diesem Grund engagiert sich "Dirty Harry" nicht nur als Schirmherr in der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, sondern moderiert am Sonntag, den 2. Oktober, im Leipziger Gewandhaus den 1. Deutschen Patientenkongress Depression. Und kämpft damit auch gegen 08/15-Vorurteile. "Es gibt eben einen Unterschied zwischen total depri sein, wenn der neue SUV mit den falschen Fußmatten ausgeliefert wird oder wenn man tatsächlich an einer Depression erkrankt ist", so der Fernsehmoderator.

Angst, Leere und Verzweiflung

Der Name des Kongresses sagt es schon: Hier wird eine Plattform für Patienten - aber auch für deren Angehörige geboten. Auf dem Programm stehen Vorträge, Workshops und viel Raum für gegenseitigen Austausch. Bisher haben sich bereits rund 1000 Besucher angekündigt. "Eine Veranstaltung, die es so noch nie vorher gab", sagt Mitinitiator Nico Niedermeier, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Verhaltenstherapie aus München und Gründer eines Online-Forums für Betroffene. "Wir gehen so einen weiteren Schritt, um die Krankheit aus dem Schatten ans Licht zu holen. Und wir setzen damit auch ein entscheidendes gesellschaftspolitisches Signal." Depression sei immer noch zu stark tabuisiert - und das bei rund vier Millionen Betroffenen alleine in Deutschland, zwei Drittel von ihnen sind Frauen.

Irgendwo in diesem Land sitzen just in diesem Moment also Menschen, Mutter oder Manager, Krankenschwester oder Teenager, Busfahrer oder Lehrerin und wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll in ihrem Leben. Angst. Leere. Verzweiflung. Vielleicht lief eben noch alles richtig gut, und plötzlich waren sie zur Vollbremsung gezwungen: Halt auf freier Strecke. "Depression kann jeden treffen", so Niedermeier. "Insofern geht die Krankheit alle etwas an." Werden Rheumakranke zu einem Kongress geladen, so haben Interessierte keine Scheu, dort auch hinzugehen. Anders bei depressiven Menschen. "Patienten mit Depressionen sind in der Regel sehr antriebsgehemmt, viele haben soziale Ängste und Phobien. Anders gesagt: Sie kommen schlecht raus und gehen nur ungern unter Leute", erklärt Niedermeier. Sie zu mobilisieren sei also keine leichte Sache, aber umso dringlicher. "Depression ist eine Erkrankung, die die Betroffenen aus der Gesellschaft herauskatapultiert und in die Isolation treibt."

Ein Kongress biete da eine Möglichkeit, aus der Versenkung herauszukommen und Zusammengehörigkeit zu erleben. "Unsere Botschaft an die Betroffenen ist: Ihr müsst euch nicht verstecken. Traut euch nach draußen, schließt euch zusammen, erhebt eure Stimmen, vertretet eure Interessen", sagt Niedermeier. Es gehe um "Enpowerment", also darum, die Patienten in ihrem Selbstverständnis und Wissen zu stärken. Unter anderem gebe es deshalb auf dem Patientenkongress Tipps, wie man Selbsthilfegruppen findet beziehungsweise selbst gründet. Das gelte auch für Angehörige, die, so Niedermeier, ebenfalls sehr stark unter der Erkrankung leiden. "Wir hoffen, dass sich so neue Netzwerke bilden und bereits bestehende ausgebaut werden", formuliert es Christine Rummel-Kluge, Geschäftsführerin der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die den Patientenkongress gemeinsam mit der Deutschen Depressionsliga veranstaltet.

Ausweichdiagnose Burnout

Auch Informationen aus der aktuellen Wissenschaft dürfen nicht fehlen. Unter anderem spricht der Psychiater Ulrich Hegerl über die "Modediagnose" Burnout. "Im Grunde hat die Mehrheit der Menschen, die an Burnout leiden, eine Depression. Burnout ist also meistens eine Ausweichdiagnose, die einfach nur besser klingt", so der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie des Universitätsklinikums Leipzig. Heikel: In der Behandlung führe das dann in die verkehrte Richtung. "Wenn es heißt Burnout, dann könnte man denken, das Wichtigste sei, sich zu erholen und auszuschlafen. Doch geht es um Depression, ist das genau das Falsche", sagt Hegerl. Denn längst gelte beispielsweise die Methode des Schlafentzugs als besonders wirksam gegen Depressionen.

Oder anders gesagt: Je länger depressiv Erkrankte schlafen, desto schlechter gehe es ihnen meist. Insofern dürfe man die tatsächliche Erkrankung nicht verschleiern, sondern müsse "die Depression auch Depression nennen". Dass immer mehr Menschen an Depression erkranken, könne Hegerl allerdings nicht bestätigen. "Vielmehr ist es so, dass sich immer mehr Betroffene Hilfe holen und immer mehr Ärzte die Erkrankung besser erkennen", sagt er.

Arbeit als Therapie gegen Depression

"Arbeit macht krank" - inwiefern ist da etwas dran? Diese Frage wird in einem der sechs Workshops, die auf dem Kongress angeboten werden, untersucht. Die Verhaltenstherapeutin Katarina Stengler nennt dazu Zahlen: Etwa sieben Prozent aller Erwerbstätigen erfüllen die Kriterien einer Depression. Erwerbsunfähigkeit und Frühberentungen werden in Deutschland am häufigsten durch psychische Störungen ausgeschrieben - am meisten durch Depression. Krankheitsauslösende Faktoren am Arbeitsplatz können unter anderem sein: geringe Wertschätzung, unsichere Berufsperspektiven, hoher Zeitdruck, geringer Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum. Allein: ursächlich für eine Depression ist nicht nur dieser oder jener Grund. "Viele verschiedene Faktoren tragen dazu bei, dass einer an Depression erkrankt", so Stengler. Manchmal könne eine Depression sogar auch einfach "aus dem Nichts" kommen.

Doch Arbeit ist manchmal auch die beste Therapie, gerade für Depressive. "Arbeit bietet eine feste Struktur, was für Betroffene enorm wichtig ist", sagt Stengler. Zudem garantiere der Job in der Regel soziale Kontakte, der Erkrankte komme immer wieder raus aus seiner Isolation. Und er werde am Arbeitsplatz auch abgelenkt von anderen Stresssituationen, etwa von Problemen in der Partnerschaft. "Der Betroffene wird gestärkt, wenn er im Job erlebt, dass gerade dort kein Chaos herrscht", so Stengler. Hier habe er eine Stabilität, daran könne er sich festhalten, während es anderswo in seinem Leben "brenne". Wohltuend sei auch, dass er am Arbeitsplatz erlebe, dass es etwas gebe, "was ich gut und richtig mache".

Depression ist keine Schande

Damit der Job nicht zur Hölle wird, appelliert Stengler dafür, Frühwarnsysteme in Unternehmen zu etablieren und Arbeitgeber für die Erkrankung zu sensibilisieren und zu schulen. "Arbeitgeber wissen heutzutage über Rückenbelastungen Bescheid und über Kreiskreislauferkrankungen, aber sie sind meist völlig blank wenn es um Depressionen geht", berichtet Stengler. "Leider ist es immer noch so, dass selbst wohl wollende Unternehmer über depressive Mitarbeiter sagen, die wären nur faul und machten blau." Auch Arbeitnehmer selbst könnten viel tun, um Depressionen vorzubeugen. "Wenn ich merke, dass etwas schief läuft, dass der Stress zunimmt, dann empfiehlt sich, zu prüfen, was man ändern kann", rät die Medizinerin.

Man sollte nicht einfach resignieren und sagen "So ist es nun mal", sondern versuchen, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. "Depression ist kein unausweichliches Schicksal", sagt Stengler. Und wer erkrankt ist, der müsse ebenfalls nicht denken, dass er da nie mehr rauskomme. Es gebe inzwischen sehr gute Behandlungs- und Heilungschancen. Man müsse nur den Mut haben, darüber zu sprechen und sich Hilfe zu holen. "Auch darin wollen wir Betroffene mit unserem Kongress unterstützen", sagt Stengler. Depression sei keine Schande.

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