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Depressionen bei Kindern: Keine Lust zum Spielen

Das wächst sich nicht aus: Ist ein Kind depressiv, braucht es Hilfe - je früher, desto besser. Doch Eltern erkennen meist erst recht spät, dass mit ihrem Sprössling etwas nicht stimmt.

Müde und lustlos: Depressionen sind bei Kindern schwer zu diagnostizieren

Müde und lustlos: Depressionen sind bei Kindern schwer zu diagnostizieren

Das Spielzeug lässt Ihr Kind einfach liegen. Im Essen stochert es lustlos herum. Abends kann es nicht einschlafen. Es hat vor allem möglichen Angst. Gleichzeitig wirkt Ihr Kind traurig und teilnahmslos. Ist es vielleicht depressiv?

Diese Frage sollten Sie bald klären - nicht erst nach Wochen oder gar Monaten. Gehen Sie mit Ihrem Sprössling zum Kinderarzt. Er wird Ihnen entweder eine Kinderpsychiaterin empfehlen oder raten, noch abzuwarten.

Fachleute sagen, ein Kind ist depressiv, wenn es mindestens zwei Wochen lang traurig, lustlos und oft müde ist. Diese Phasen können sich häufen und sogar Monate oder Jahre dauern. Schon Kleinkinder können unter Depressionen leiden, wie eine Studie am Hamburger Universitätsklinikum belegt: Knapp ein Prozent der Vier- bis Sechsjährigen war depressiv. Die Zahlen entsprechen Untersuchungen aus den USA: Dort waren knapp ein Prozent der Vorschulkinder, zwei Prozent der Schulkinder und zwischen zwei und acht Prozent der Jugendlichen depressiv. Das gilt für alle Schichten.

Depressive Kinder können depressive Erwachsene werden

Je jünger die Kinder sind, desto schwerer ist es, eine Depression zu erkennen. Kleinkinder zum Beispiel schreien und weinen anfangs viel, später ziehen sie sich zurück. Ältere Kinder können hingegen schon über ihre Lustlosigkeit sprechen, sie können aber auch plötzlich aggressiv werden. Möglicherweise ist Ihr Kind depressiv, wenn es:

In vielen Fällen genügt es, wenn eine Kinderpsychiaterin oder ein Kinderpsychologe Ihr Kind psychotherapeutisch betreut. Glauben Sie keinem Hausarzt, der meint, dass sich eine Depression auswächst. Denn die größte Gefahr ist, dass Ihr Sohn oder Ihre Tochter immer wieder depressiv wird, auch als Erwachsene. Untersuchungen zeigen, dass bis zu drei Viertel der Kinder, die vorübergehend depressiv waren, auch nach fünf Jahren noch Rückfälle erleben. Je jünger die Kinder sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit des Rückfalls.

Warum Kinder depressiv werden, ist noch nicht klar. Sicher ist: Die Veranlagung kann vererbt werden. So werden Kinder, deren Mutter, Vater oder beide Eltern depressiv sind, mit höherer Wahrscheinlichkeit ebenfalls depressiv. Ausgelöst wird die Krankheit beispielsweise, wenn ein Kind die Mutter oder den Vater verliert, wenn es misshandelt wird oder wenn es in der Schule Schwierigkeiten hat. Während einer depressiven Phase liegen verschiedene Hirnbotenstoffe entweder in vermehrter oder verminderter Konzentration vor. Dazu zählen die Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und auch Acetylcholin.

Symptome

Eine Depression bei einem Kind oder Jugendlichen zu erkennen ist gar nicht so einfach - sogar für Ärztinnen und Psychologen kann das schwierig sein. Kleine Kinder können kaum über ihre Probleme sprechen, Heranwachsende trauen sich oft nicht. Umso genauer sollten Sie Ihr Kind beobachten.

Bereits Babys können depressiv sein, vor allem wenn sie ihre Bezugperson verlieren oder wenn sie misshandelt werden. Sie schreien und weinen anfangs viel. Später werden sie teilnahmslos. Die Babys bleiben mager, wachsen zu langsam, greifen, krabbeln und brabbeln später als Gleichaltrige.

Auch Kleinkinder leiden sehr, wenn Mutter, Vater oder eine andere wichtige Person plötzlich fehlen oder sich nicht um sie kümmern. Sie lernen später laufen und sprechen. Sie sind mit den Händen weniger geschickt als ihre Altersgenossen. Sie schlafen schlecht ein und leiden unter Albträumen. Sie essen mitunter zu wenig. Manche Kinder sind sehr anhänglich und jammern viel. Andere sind auffällig teilnahmslos. Manche lutschen exzessiv am Daumen. Einige schaukeln wild vor und zurück, schlagen mit dem Kopf gegen die Wand oder reißen sich die Haare aus.

Rückzug, weil sich niemand kümmert

Sind Kinder im Vorschulalter depressiv, dann sind sie oft sehr ängstlich und launisch. Einerseits können sie in sich gekehrt sein. Sie verlieren die Lust, mit anderen Kindern zu spielen und lernen deshalb erst spät, mit dem Laufrad zu fahren oder am Klettergerüst zu hangeln. Gleichzeitig können depressive Drei- bis Sechsjährige auch sehr aggressiv sein. Sie neigen dann zu Streit und stören das Spiel der anderen. Hinzu kommen Ess- und Schlafstörungen oder Kopf- und Bauchschmerzen. Einige Kinder fangen wieder an, am Daumen zu lutschen oder einzunässen.

Je älter die Kinder werden, desto besser lässt sich die Krankheit erkennen. Depressive Schulkinder sind traurig und ängstlich. Was sie gestern gern getan haben, macht ihnen heute keinen Spaß mehr. Sie denken viel über sich und ihr Leben nach und sind dabei überkritisch gegenüber sich selbst.

Weil sie in diesem Gedankenstrudel so gefangen sind, werden sie unkonzentriert und vergesslich. Dadurch rutschen sie in der Schule ab – und werfen es sich vor. Depressive Schulkinder neigen zu Ess-Störungen; sie essen entweder zu viel oder zu wenig. Sie leiden unter Albträumen, schlafen schlecht ein und selten durch. Der Gedanke, sich selbst zu töten, wird konkreter.

Depressive Jugendliche sind oft unnahbar

Depressive Teenager schwanken zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Was sie heute hellauf begeistert, ist am nächsten Tag schon wieder uninteressant. Die Jugendlichen grübeln, zweifeln an der Welt, sind zynisch und gelangweilt. Sie bleiben in ihrem Zimmer hocken und schließen die Eltern aus. Häufig lassen ihre Leistungen in der Schule nach.

Typisch sind auch Schlaf- und Ess-Störungen sowie Kopfschmerzen. Vor allem Mädchen neigen zu Magersucht oder Fressattacken. Manche Jugendliche versuchen ihre Probleme mit Alkohol und Drogen in den Griff zu kriegen. Erwachsene stören. Jeden Annäherungsversuch empfinden die Teenager als lästig. In ihrer Traurigkeit fühlen sie sich so hoffnungslos und minderwertig, dass ihnen ein Selbstmord wie der einzige Ausweg erscheint. Bis zu zehn Prozent der Jugendlichen versuchen wenigstens einmal, sich selbst zu töten.

Diagnose

Die Stimmung von Kindern und Jugendlichen schwankt: Mal sind sie wütend, mal sind sie traurig. Mal rebellieren sie, mal ziehen sie sich zurück. Mal verweigern sie die Nahrung, mal haben sie plötzlich keine Lust mehr auf ihre Freunde. All diese Situationen sind normal; die Kinder erlernen soziales Verhalten, sie üben, sich abzugrenzen und ihre eigenen Wege zu gehen. Das ist also kein Grund zur Sorge.

Ist Ihr Kind aber häufig traurig, ist es länger als zwei Wochen scheinbar ohne Grund niedergeschlagen und lustlos, dann sollten Sie sich Rat bei einem Arzt holen. Meist wird das der Kinderarzt sein. Er kennt Ihren Sprössling und sein soziales Umfeld oft schon lange und gut. Er kann daher am besten beurteilen, ob die Traurigkeit nur eine Entwicklungsphase ist oder ob sie bereits bedenklich ist.

Der Arzt will wissen, wie Ihr Kind sich verhält

Als erstes wird die Ärztin mit Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn sprechen. Zusätzlich gibt es diverse Tests und Fragebögen. Ist Ihr Kind noch klein und sind sich Ärzte und Therapeuten unsicher, ob es depressiv ist, dann beobachten sie es vielleicht einige Tage in der Klinik. Zusätzlich sind Beobachtungen und Einschätzungen aller Personen wichtig, die das Kind regelmäßig erleben. Der Arzt wird zunächst Sie als Eltern befragen, aber auch Erzieher, Betreuerinnen oder Lehrerinnen. Gelegentlich empfehlen Ärzte, ein Tagebuch zu führen: Sie notieren darin, wann, in welchen Situationen und wie oft Ihr Kind jammrig ist oder weint, wann es aggressiv ist oder wann es sich zurückzieht.

Ein Kind kann depressiv werden, wenn:

  • sich die Eltern scheiden lassen,
  • sich die Eltern ständig streiten,
  • jemand in der Familie stirbt,
  • Mutter oder Vater es allein erzieht,
  • ein Elternteil körperlich oder seelisch krank ist,
  • es misshandelt oder vernachlässigt wird,
  • es etwas Schreckliches erlebt hat, etwa einen Unfall,
  • es hochbegabt ist.

Im Elterngespräch wird der Arzt Sie nach Situationen fragen, die für Ihr Kind besonders belastend gewesen sein könnten. Das kann eine Adoption sein, die schwere psychische oder körperliche Erkrankung eines Elternteils oder der Tod einer engen Bezugsperson.

Therapie

Depressionen können Psychotherapeutinnen oder Psychiater heute gut behandeln: In Frage kommen entweder eine Psychotherapie oder Medikamente. Die Therapeuten werden Ihnen eine Behandlung vorschlagen und alles mit Ihnen besprechen - dazu gehört auch, Ihnen zu sagen, wie Sie Ihr Kind während der Therapie unterstützen können.

Die meisten depressiven Kinder und Jugendliche werden ambulant behandelt. In die Klinik sollte Ihr Nachwuchs nur gehen, wenn er schwer depressiv und suizidgefährdet ist. Ein Aufenthalt im Krankenhaus kann auch sinnvoll sein, wenn sich Kinder von belastenden häuslichen oder schulischen Problemen erholen sollen. Bei solchen stationären Therapien kümmern sich Ärzte und Psychologinnen, Sozialarbeiter und Pädagoginnen gemeinsam um die Kinder und Jugendlichen. Das Team stimmt die Therapie auf das Alter, die Interessen und die familiäre und soziale Situation eines Kindes ab.

Psychotherapie heißt: Probleme lösen lernen

Psychotherapien helfen depressiven Kindern und Jugendlichen, sich besser zu verstehen und entspannter mit Stress umzugehen. Sie bauen ihr Selbstwertgefühl wieder auf und unterstützen sie dabei, mit anderen Menschen gut zurecht zukommen und sich dabei wohl zu fühlen. So können die Kinder zukünftig besser mit Problemen, Zweifeln und Fragen umgehen.

Psychotherapien helfen bei leichten oder mittelschweren Depression am besten. Schwer depressiven Kindern helfen solche Verfahren auch, aber Medikamente können den Erfolg in solchen Fällen noch verbessern. Es gibt mehrere psychotherapeutische Methoden, um depressive Kinder behandeln:

  • Kognitive Verhaltenstherapie: Sie geht davon aus, dass unser Denken darüber bestimmt, wie wir fühlen und uns verhalten. Depressive Kinder mögen sich oft selbst nicht und trauen sich wenig zu. In der Therapie lernen sie, sich zu akzeptieren und sich mehr zuzutrauen. Interpersonale Psychotherapie: Häufig lösen Probleme mit Eltern, Geschwistern oder Mitschülern eine Depression aus. Die interpersonale Psychotherapie hilft den Kindern, ihre Rolle zu erkennen und zu verändern, die sie gegenüber anderen spielen. Sie ist der kognitiven Verhaltenstherapie relativ ähnlich, konzentriert sich aber vor allem auf die aktuelle Situation.
  • Familientherapie: Sie geht davon aus, dass ein Kind mit einer Depression auf Probleme in der Familie reagiert. Im Gespräch regt die Therapeutin die Familie an, die Kräfte und Wechselwirkungen im Familienleben aufzudecken und aufzulösen, die das Kind belasten.
  • Klientenzentrierte Spieltherapie: Sie nutzt das Spiel als Mittel, um Gefühle auszudrücken. Die Kinder spielen, ohne dass der Therapeut eingreift. Er spiegelt den Kinder wieder, welche Spannungen, Unsicherheiten, Ängste oder Aggressionen er wahrnimmt. So lernt das Kind, seine Gefühle besser zu verstehen. Und es erfährt, dass es sich entfalten kann und darf.
  • Tiefenpsychologische Therapie: Diese Therapie eignet sich vor allem für ältere Kinder und Jugendliche. Während der Sitzung sprechen sie über alles, was sie gerade denken und fühlen. Dieses so genannte freie Assoziieren kann von aktuellen seelischen Problemen zurückführen zu Gefühlen, die sie in der Vergangenheit erlebten. So können Situationen und Gefühle identifiziert werden, die für die Depression mitverantwortlich sind. Sind die Gründe erst einmal bewusst, können sie besprochen und verarbeitet werden.
  • Mutter-Kind-Training: Sind Säuglinge oder Kleinkinder depressiv, vermuten Fachleute oft eine gestörte Mutter-Kind-Bindung. Die Mutter schafft es nicht, die Gefühle ihres Kindes zu spiegeln: Sie lächelt nicht, wenn das Kind lächelt. Sie macht seine Laute nicht nach, sie ist kein Echo. Das ist aber notwendig, damit das Baby Sicherheit spürt und eine verlässliche Bindung aufbaut. Ohne den mütterlichen Spiegel verkümmert das Kind. Es isst und trinkt nicht mehr. Mutter-Kind-Trainingsprogramme helfen der Mutter, den Kontakt zu ihren Baby zu verbessern.

Die gesetzlichen Krankenkassen und die meisten privaten Krankenkassen zahlen die Kosten für eine Psychotherapie, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt sind: Die psychische Störung muss diagnostiziert und der Therapeut zugelassen sein.

Psychiater schlagen nur in besonders schweren Fällen Medikamente vor. Etwa, wenn es dem Kind oder dem Heranwachsenden so schlecht geht, dass eine Psychotherapie zunächst nicht möglich ist. Oder wenn die Psychotherapie scheitert. Medikamente können den Zustand dann zunächst stabilisieren. Arzneimittel sollten aber nicht die einzige Form der Therapie sein, sondern immer Teil einer umfassenden Behandlung.

Als wirksam haben sich Substanzen aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (selective serotonine reuptake inhibitors, SSRI) erwiesen. Sie sorgen dafür, dass ein körpereigener Botenstoff im Gehirn - das Serotonin - wieder in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Serotonin ist für das Gehirn eine Art Glückshormon, die Substanz macht gelöst und versetzt in eine freundliche Grundstimmung. Für Kinder ab acht Jahren ist der Wirkstoff Fluoxetin besonders gut geeignet, für Jugendliche der Wirkstoff Sertralin.

Diese so genannten Antidepressiva helfen aber nur, wenn sie regelmäßig und über einen längeren Zeitraum eingenommen werden. Sie wirken erst nach einigen Wochen. Auch wenn die Symptome abklingen, sollten die Medikamente noch weitere sechs Monate geschluckt werden. Wer sie abrupt absetzt, riskiert ein so genanntes Aktivierungs-Syndrom, das sich in Panikattacken, Schlaflosigkeit oder Aggressionen äußern kann. Eine weitere Gefahr: Obwohl die SSRI gut wirken, erhöhen sie möglicherweise das Suizid-Risiko. Um Selbstmordgedanken zu begegnen, empfehlen Fachleute deshalb immer gleichzeitig eine Verhaltenstherapie.

Bei leichten und mittelschweren Depressionen können möglicherweise Extrakte des Johanniskrauts helfen. Sie werden von Kindern gut vertragen. Allerdings gibt es bisher keine Studien, die belegen, dass die Kräuter bei Kindern auch wirken.

Tipps

Ist Ihr Kind depressiv, sollte die Therapie in der Hand von ausgebildeten Kinderpsychiatern, Kinder- und Jugend-Psychotherapeutinnen oder von Kinderpsychologinnen liegen. Oft sind auch Sozialarbeiter und Sozialpädagogen in die Behandlung eingebunden. Als erste Anlaufstelle sind Erziehungs- und Familien-Beratungsstellen gut.

Ihr Kind kann nur gesund werden, wenn Sie mithelfen. Informieren Sie sich über die Krankheit und die Behandlungsmöglichkeiten. Tun Sie die Krankheit nicht als Phase ab, die sich auswächst - damit schaden Sie Ihrem Nachwuchs.

Hören Sie Ihrem Kind zu, sprechen Sie mit ihm, auch über seine Ängste und Sorgen. Fragen Sie ruhig nach, aber drängen Sie Ihr Kind nicht: Ein Verhör wäre nicht gut, es setzt Ihr Kind nur unter Druck und hilft nicht. Vermeiden Sie gut gemeinte Ratschläge oder Aufmunterungsversuche - sie helfen dem Kind nicht weiter. Nehmen Sie die Gefühle Ihres Kindes stattdessen ernst.

Sie sollten es als Hinweis verstehen, wenn Ihr Kind Selbstmordwünsche andeutet. Das könnte heißen: Ihre Tochter oder Ihr Sohn kann sich nicht vorstellen, so wie bisher weiterzuleben. Der Tod erscheint als einziger Ausweg aus der Misere. Oft ist ein Selbsttötungsversuch ein Hilfeschrei: Ihr Kind braucht mehr Zuwendung und Anerkennung.

Expertenrat

Michael Schulte-Markwort, Leiter der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Hamburger Universitätsklinikum, antwortet:
Woran erkenne ich, ob mein Kind depressiv ist? Für die Eltern ist es nicht leicht, eine Depression bei ihrem Kind zu erkennen. Achten Sie auf Stimmungsschwankungen. Ist Ihr Kind traurig? Hat es die Lust an der Schule und seinen Freizeitaktivitäten verloren? Warten Sie nicht zu lange damit, sich Hilfe zu holen. Machen Sie lieber einen Arztbesuch zu viel als einen zu wenig. Insbesondere Suizidgedanken, -äußerungen und -drohungen sollten Sie ernst nehmen und nicht einfach abtun.

Wie gehe ich mit Selbstmord-Gedanken bei meinem Kind um? Spreche ich das an oder vermeide ich das Thema besser?

Unbedingt ansprechen. Ermuntern Sie Ihr Kind, mit Ihnen über seine traurigen und düsteren Gedanken zu sprechen. Was macht Dich denn so traurig? Versichern Sie ihm außerdem Ihre Liebe, Zuneigung und Wertschätzung: Ich möchte aber, dass Du bei uns bleibst. Unterstützung für den Umgang mit dem Thema bekommen Sie auch vom behandelnden Arzt Ihres Kindes.

Wenn ich die Vermutung habe, dass mein Kind depressiv ist, was mache ich am besten?

Gehen Sie als erstes zum Kinderarzt. Der kann die Situation am besten einschätzen, weil er Ihren Sohn oder Ihre Tochter bereits lange kennt. Gegebenenfalls wird er Ihr Kind an einen Kinder- und Jugendpsychiater überweisen.

Müssen depressive Kinder zwangsläufig Medikamente bekommen?

Den meisten Kindern genügt eine Psychotherapie. Damit haben wir wirklich sehr gute Erfolge. Doch selbst wenn der behandelnde Arzt empfiehlt, dass Ihr Kind Medikamente nehmen sollte, müssen Sie sich nicht ängstigen. Die modernen Antidepressiva machen nicht abhängig und sind sehr gut verträglich. In den ersten Wochen der Einnahme sollten Sie allerdings ein Auge auf Ihre Kinder haben: Die Medikament steigern die Aktivität, bevor sie die Stimmung verbessern. Dadurch können Aggressionen – gegen sich selbst und andere – häufiger auftreten.

Wächst sich eine Depression aus?

Eine Depression ist keine Kinderkrankheit, sondern eine behandlungsbedürftige schwere Erkrankung. Sie geht – entgegen der Annahme einiger Ärzte – eben nicht von allein weg. Professionelle Hilfe und Unterstützung sind für die depressiven Kin-der und deren Eltern dringend notwendig.

Welches ist die größte Gefahr bei einer Depression?

Die größte Gefahr besteht darin, eine Depression nicht rechtzeitig oder nicht richtig zu behandeln. Möglicherweise entwickelt sich daraus dann eine Erkrankung, die bis ins Erwachsenenalter anhält. Chronische Erkrankungen wiederum sind häufig von anderen Erkrankungen wie Kopf- und Rückenschmerzen sowie chronischen Darmbeschwerden begleitet. Das schränkt die Lebensqualität mitunter sehr ein.

Forschung

Kinder depressiver Mütter neigen ebenfalls zu Depressionen. Das muss aber kein Schicksal sein, wie eine amerikanische Studie belegt: Wurden die Mütter innerhalb von drei Monaten behandelt, neigen auch die Kinder seltener zu Depressionen, Angststörungen und auffälligem Verhalten.

Die Psychiaterin Myrna M. Weissmann und ihr Team untersuchten 151 Mütter und ihre Kinder. Alle Frauen wurden mit Antidepressiva behandelt. Kurz vor der Behandlung als auch drei Monate danach interviewten einige Teammitglieder von Weissmann die Mütter, andere befragten die Kinder. Das Ergebnis: Vor der Behandlung waren 35 Prozent der Kinder psychiatrisch auffällig. Ihr Anteil sank auf 24 Prozent bei den Müttern, denen es nach der Behandlung besser ging. Die Frauen, die trotz der Arzneimittel weiterhin depressiv waren, hatten auch häufiger seelisch belasteten Nachwuchs: 43 Prozent dieser Kinder waren mittlerweile psychiatrisch auffällig geworden.

Constanze Löffler
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