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Stern Logo Medizin und Psychologie - Wege aus der Sucht

Beziehungssucht: Blinde Liebe, blaue Flecken

Die 31-jährige Helene liebte ihren Partner, sie hat dafür sogar bereitwillig Prügel eingesteckt. Heute weiß sie, dass sie unter Beziehungssucht litt - oder noch leidet. Denn der Weg aus dieser Sucht ist schwer.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Ärger ohne Ende in der Partnerschaft - ein Beziehungsüchtiger kann sich davon dennoch nicht lösen

Ärger ohne Ende in der Partnerschaft - ein Beziehungsüchtiger kann sich davon dennoch nicht lösen

Er fragte, ob sie ihn heiraten wolle. Da kannten sie sich drei Wochen. Helene*, 31 Jahre alt, weißblondes Haar, Adern schimmern durch ihre dünne, blasse Haut, abgesplitterter Nagellack an den Fingern, sagt, sie hätte alles getan für diesen Mann. Und ja, natürlich, wollte sie ihn heiraten, lieber gestern als heute. Mit ihm eine Familie gründen, ein Haus bauen, was man halt so macht, wenn man glaubt, dass man der Liebe seines Lebens begegnet. Als sie dreieinhalb Jahre später von der Beziehung zu diesem Mann erzählt, sagt sie: "Ich habe die blauen Flecken nicht gezählt."

Knapp eine Woche nach dem Heiratsantrag, schubste er sie gegen eine Kommode, weil ihm das Kleid nicht gefiel, das sie trug. So fing es an. "Ja, ich bin eine von diesen Frauen gewesen, die von ihrem Partner geschlagen werden und trotzdem bei ihm bleiben", sagt Helene. "Ich bin eine von diesen Frauen gewesen, über die andere Frauen nur den Kopf schütteln." Sie redet über sich in der Vergangenheit, weil sie hofft, dass die Zukunft anders wird. Helene litt unter Beziehungssucht. Und möglicherweise leidet sie immer noch daran. So genau weiß man das nie - denn eine Beziehungssucht lässt sich nicht einfach so abschütteln.

"Herr Doktor, ich habe Beziehungssucht"

Es gibt in Deutschland keine genauen Zahlen darüber, wie viele Menschen von Beziehungssucht betroffen sind. Unter Medizinern ist umstritten, ob überhaupt von einer Sucht gesprochen werden kann. Der Begriff Sucht ist aus wissenschaftlicher Sicht an eine Stofflichkeit gebunden, beispielsweise Alkohol oder Drogen. Auch in der Krankheitsklassifizierung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) findet die Beziehungssucht keine Erwähnung. Die Folgen von nichtstofflichen Süchten wie der Kaufsucht oder eben der Beziehungssucht unterscheiden sich allerdings nicht wesentlich von Folgen stofflicher Süchte.

Oft geht die Beziehungssucht mit anderen Krankheitsbildern einher - beispielsweise Depression, Schlaf- und Essstörungen, Drogen- oder Medikamentensucht. "Kein Mensch kommt zum Arzt und sagt: "Herr Doktor, ich habe Beziehungssucht", sagt Jürgen Groll, Arzt für psychotherapeutische Medizin und stellvertretender Chefarzt der Hochgratklinik in Wolfsried, in der Beziehungssüchtige therapiert werden.

Ausschließlich für den Partner leben

Groll nennt typische Verhaltensmuster der Betroffenen: Entweder neigen Beziehungssüchtige dazu, von einer Beziehung in die nächste zu schlittern oder sie sind zumindest ständig auf der Suche danach. Immer in der Hoffnung, dass beim nächsten Partner alles ganz anders wird. Ein Dasein als Single erscheint bedrohlich, es frisst sie förmlich auf. "Beziehungssüchtige lernen nicht dazu", erklärt Groll, "sie machen dieselben Fehler immer wieder." Ebenso typisch: Betroffene klammern sich jahrelang an eine Beziehung, die längst in einer Sackgasse steckt. Ihr Leben und Denken orientiert sich ausschließlich am Partner, einzig dessen Wille zählt, irgendwann sind sie hörig.

Kommt es zu Demütigungen, wehren sich Beziehungssüchtige nicht - aus der immensen Angst, den Partner zu verlieren. Die Spirale nach unten dreht sich weiter und weiter: Selbstachtung und Selbstwertgefühl sinken. Kontakte zu Familie und Freunden nehmen rapide ab. Auch Helene stand irgendwann alleine da. "Mein Partner verbot mir jeglichen Kontakt zur Außenwelt", erzählt sie. "Er sagte: 'Du hast ja mich, wen brauchst du da sonst noch?'" Und so brach sie auch den restlichen Kontakt zu den wenigen Freunden ab, die ihr noch geblieben waren und gegen deren Warnungen sie längst taub geworden war.

*Name von der Redaktion geändert.

Ärger ohne Ende in der Partnerschaft - ein Beziehungsüchtiger kann sich davon dennoch nicht lösen

Ärger ohne Ende in der Partnerschaft - ein Beziehungsüchtiger kann sich davon dennoch nicht lösen

"Jegliche Vorwürfe von außen müssen lange abgewehrt werden", sagt Groll. Es gebe eine Strategie der Verleugnung wie bei allen anderen Süchten auch. Die Gefahr sei groß, dass jahrelang keiner merke, was eigentlich los sei. Gerade bei nichtstofflichen Süchten wie Arbeits-, Spiel- oder eben Beziehungssucht, dauere es besonders lange, bis sie entdeckt werden. "Ein stofflich Süchtiger, etwa ein Alkoholiker, kommt schneller an Grenzen, weil die Sucht gesellschaftlich sanktioniert wird", sagt Groll. Bei nichtstofflichen Süchten trete die soziale Korrektur sehr spät ein. "Im schlimmsten Fall leiden Beziehungssüchtige bis ins hohe Rentenalter vor sich hin." Noch verborgener bleibe die Sucht, wenn der Betroffene ausschließlich in Beziehungsfantasien schwelge. Das heißt: Die Betroffenen gehen gar keine Beziehung ein, sondern leben sie mit dem "Objekt" ihrer Begierde lediglich in ihrer Fantasie aus.

Ein weiteres Erscheinungsbild sind die so genannten "sekundär Beziehungssüchtigen". Dazu zählen Menschen mit Borderline-Störungen und so genannten "dependenten Persönlichkeitsstörungen". "Borderline-Patienten haben eine riesige Angst, verlassen zu werden", erklärt Nico Niedermeier, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin aus München. "Patienten mit Dependenten Persönlichkeitsstörungen glauben, alleine nicht überleben zu können." In gewisser Weise, und da liege laut Niedermeier die Gefahr, entsprächen solche Ängste auch einem gesellschaftlich gehegten romantischen Beziehungsideal. "Partnerschaften entwickeln sich oft in die symbiotische Richtung und die Beteiligten verwechseln das mit Liebe", sagt Nico Niedermeier. Man denke nur an Versprechen wie: "Ich tue alles für dich." Oder Schwüre wie: "Ohne dich kann ich nicht leben."

Abmahnungen und böse Gerüchte

Helene quälte sich Nacht für Nacht, rang um jede Stunde Schlaf. "Wenn ich Glück hatte, konnte ich zuletzt zwei Stunden am Stück schlafen", erzählt sie. Bei der Arbeit nickte sie häufiger mal am Computer ein, ihr Chef erteilte ihr eine Abmahnung, die Kollegen tuschelten. Böse Gerüchte kamen über Helene in Umlauf, etwa, dass sie heimlich als Prostituierte arbeiten würde. "Mein Partner sagte nur, ich solle mich zusammenreißen und die Sache nicht so tragisch nehmen", erinnert sich Helene. Sie nahm es aber tragisch und irgendwann tauchte erstmals der Gedanke auf, vor die U-Bahn zu springen. Als ihr eine Freundin aus früheren Tagen über den Weg lief, kam der Wendepunkt. Die Freundin zeigte offen, wie entsetzt sie war über Helenes Traurigkeit. "Mensch, Lene, kannst du denn überhaupt noch lachen?", fragte sie. "Du warst doch immer die Lustigste von uns allen." Eine Woche später saß Helene bei ihrem Hausarzt. Sie schwieg lange. Dann sagte sie: "Ich will mein früheres Leben wieder zurück."

Ohne die tiefe Einsicht, dass es so nicht weiter gehen kann, können Beziehungssüchtige nicht auf Heilung hoffen. "Es ist notwendig zu erkennen, dass es mit der üblichen Bewältigungsstrategie nicht weiter geht", sagt Jürgen Groll. Betroffene müssten ehrlich mit sich selbst sein und sich unter anderem die Frage stellen: Welche zugrunde liegenden Erfahrungen habe ich gemacht, dass ich immer wieder auf diesen Fehler aufspringe? Wer übrigens glaubt, vor allem Frauen wären betroffen, der täuscht sich. "Männer sind genauso häufig und schmerzhaft abhängig in der Beziehung wie Frauen", sagt Groll.

60 Gruppen für Betroffene im deutschsprachigen Raum

Hilfe durch Therapie ist ein möglicher Weg. Beziehungssüchtige können sich unter anderem auch an "Die Anonymen Sex- und Liebessüchtigen" (Sex and Love Addicts Anonymous, kurz: SLAA) wenden. 1976 wurde in Boston die erste Gruppe gegründet - von genesenden Alkoholikern, die eine Analogie zwischen der stoffgebundenen Sucht nach Alkohol und der Sucht nach Liebe oder Sex entdeckt haben. Grundlage des Heilungsprozesses bildet das Zwölf-Schritte-Programm, wie es auch die Anonymen Alkoholiker anwenden. Im deutschsprachigen Raum gibt es etwa 60 Gruppen für Betroffene.

Häufig geht es darum, innere Spannungen und alte Enttäuschungen durch Liebe, Romantik und Sex zu kompensieren. An den Partner werde die Forderung gestellt: mach mich gefälligst glücklich und erlöse mich von meinem Leid. "Solche Erwartungen kann kein Partner erfüllen, die Last ist zu groß", sagt Groll. Viele Betroffene würden sich unvollkommen fühlen und erst durch den Partner aufgewertet. So wie Helene. "Erst in der Therapie lernte ich, dass ich auch alleine etwas wert bin", sagt sie. "Ich bin keine Last, ich bin ein Geschenk. Und ich bin berechtigt, meine Würde zu behalten." Helene lächelt, wenn sie das sagt. "In meiner nächsten Partnerschaft passe ich besser auf mich auf." Momentan noch hält sie Abstand zu den Männern. Neulich steckte ihr ein Mann im Café seine Telefonnummer zu. Helene hat nicht angerufen. "Er hat mir sehr gefallen, aber ich brauche noch Zeit."

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