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stern-Seelsorge Psychologe zur Coronakrise: "Wenn es gelingt miteinander zu lachen, ist etwas Wichtiges erreicht"

stern-Seelsorge Experten
Ein Teil der 30 Fachleute, die im Rahmen der stern-Seelsorge persönlich mit Lesern über deren Ängste und Probleme sprechen
© Imago; Norbert Neetz/epd; Sima Dehgani; Ilona Habben
Seit Anfang April beraten die Experten der stern-Seelsorge Leser am Telefon. Ihre Erfahrung: Die Krise macht auch Menschen zu schaffen, die nie gedacht hätten, dass sie zu erschüttern sind.
Von Nina Poelchau

Für die Aktion stern-Seelsorge haben sich mehr als 30 Fachleute bereit erklärt, mit Lesern persönlich über deren Ängste und Probleme zu sprechen. Zu unserem Team gehören Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, Familientherapeutinnen, Seelsorger und berufliche Coaches. Rufen Sie an, oder schreiben Sie uns eine E-Mail mit Ihrem Problem oder Anliegen. Wir suchen für Sie einen unserer Experten aus und stellen den Kontakt her. Es handelt sich um stützende und beratende Gespräche und keinen Ersatz für eine Psychotherapie. Alles bleibt anonym und ist kostenlos. Telefonnummer: 0172/1390173 (besetzt ­jeweils dienstags, donnerstags und sonntags zwischen 16 und 18 Uhr), E-Mail: seelsorge@stern.de (Mails werden täglich von 9 bis 20 Uhr bear­beitet)

Jennifer Jaque-Rodney ist Familienhebamme, und zurzeit, sagt sie, ist bei ihr Land unter. So viel Verunsicherung. So viele Anfragen. Von jungen Müttern, von Vätern auch. "Es fehlen die Treffen mit den eigenen Eltern, der direkte Austausch mit Freundinnen, viele haben große Angst, Fehler zu machen."

Jaque-Rodney gehört zu den rund 30 Experten, die seit Anfang April unentgeltlich für das Projekt stern-Seelsorge arbeiten. Inzwischen haben einige Hundert Menschen bei ihnen Hilfe gesucht und gefunden. Menschen, die schon vor der Pandemie zu kämpfen hatten und die nun nicht mehr weiterwissen. Aber auch Menschen, die nicht geglaubt hätten, dass die Ausnahmesituation ihnen derart zusetzen würde. Manchen geht es um ganz konkrete Ratschläge, anderen um seelischen Beistand. "Dass wir hier Schweigepflicht haben, zuhören, schnell verstehen und beraten, ist für viele entlastend", sagt Jaque-Rodney.

Auch die Psychotherapeutin Ruth Wollwerth de Chuquisengo gehört zum Team, und auch sie ist auf Familienprobleme spezialisiert. "Gerade bei alleinerziehenden Müttern, die sich vor der Corona-Krise durch ein soziales Netz stabilisiert hatten, sehe ich durch die plötzliche Isolation eine starke Gefährdung", sagt sie. Einige fühlten sich verlassen und mit den Bedürfnissen ihrer Kinder überfordert. Es könne ein Teufelskreis entstehen: "Die Kinder reagieren verunsichert, weil es die gewohnte Struktur nicht mehr gibt, und versuchen, ihre Mütter mit allen Mitteln zu erreichen. Dies verstärkt die Belastung der Mütter, sie entwickeln zum Teil eine massive Hilflosigkeit und Wut oder eine depressive Symptomatik."

Das Expertenteam ist konfrontiert mit der ganzen Bandbreite der psychischen Nöte, die in der Krise entstehen. So berichtet die Psychologin Ilka Hoffmann-Bisinger, Fachfrau für Kurzzeit-Therapien, von eskalierenden Konflikten bei Paaren und von Jugendlichen, die zwar "cool wirken, aber sehr belastet sind". "Was ich ihnen momentan anbieten kann, ist, hilfreiche Strategien im Umgang mit sich selber und mit anderen zu besprechen. Und mögliche Perspektiven zu erarbeiten. Hoffnung zu entwickeln, dass es weitergeht im Leben, in welcher Form auch immer." Im Übrigen komme es nicht nur auf "social distancing" an in diesen Tagen, sondern auch auf "mental distancing": " Wenn die Nachrichten, die im Überfluss über social media verbreitet werden, verwirren und Angst machen, sind sie nicht hilfreich – es ist wichtig, Abstand zu finden, um den inneren Halt nicht zu verlieren."

Auch der Psychiater Christian Peter Dogs berichtet von einem Übermaß an Reizen, nicht allein durch die Ereignisse in der Welt, sondern eben auch durch jene in den eigenen vier Wänden – jedenfalls da, wo Menschen zusammenleben und sich nicht ausweichen können. "Das führt zu Explosivität", sagt er, "bis hin zu Gewalt." Auf der anderen Seite werde für viele, die nicht mit anderen zusammenwohnen, das Alleinsein zur Qual. Das gewohnte Netz von Alltagskontakten fehlt: die Familientreffen, das regelmäßige Wandern mit einer Gruppe, die Stammtische, Fußballspiele, Gottesdienste, die Gespräche auf der Parkbank oder am Spielplatzrand. War es für manchen anfangs womöglich ganz angenehm, endlich mal frei zu haben von seinen vielen Freizeitterminen, so werde das Ab­geschnittensein nun mit der Zeit immer belastender.

Wolfgang Schmidbauer, der gerade ein Buch mit dem Titel "Kaltes Denken, warmes Denken" geschrieben hat, findet: "Momentan fehlt uns das warme, das empathische Denken an vielen Stellen." Über seine Erfahrung im stern-Seelsorge- Projekt sagt der Psychoanalytiker: "Fast alle Anfragen an mich kamen bisher von Singles, die ihre Isolation nicht gut ertragen konnten, Ängste vor Ansteckung nicht mehr kontrollieren konnten oder von Schuldgefühlen heimgesucht wurden. Sie plagten sich mit Fragen, die sich bisher so nicht gestellt hatten – etwa nach den Gründen, aus denen sie den Kontakt zu Eltern oder Geschwistern verloren hatten oder nicht in einer Partnerschaft lebten." Einige hätten die Quarantäne zunächst gut bewältigt. Doch dann habe sich plötzlich alles gedreht – "zum Beispiel an einem Geburtstag, bei dem die Geschenke von den erwachsenen Kindern vor der Tür abgelegt wurden". Da könnten albtraumhafte Fantasien hochkommen, die Angst etwa vor einem einsamen Tod auf der Intensivstation.

Von Verzweiflung, Einsamkeit und Leid berichtet auch der Psychologe Nils Gehlen, der sonst häufig mit Unfallopfern arbeitet, die herausgeschleudert wurden aus ihrem alten Leben und ihrer Sicherheit. "Viele äußerten im Gespräch das Gefühl, sich in einer depressiven Episode zu befinden", sagt Gehlen über die Anrufer, die ihm vermittelt wurden. Es sei dann wichtig, "den Blick aus der aktuellen Schwere und den Sorgen in Richtung einer doch auch noch vorhandenen Leichtigkeit zu lenken. Wenn es gelingt, miteinander zu lachen, dann ist etwas Wichtiges erreicht."

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Die stern-Aktion will keine Konkurrenz sein zu vielen guten Hilfsangeboten, die es bereits gibt. Sie ist eine Ergänzung, die es Ratsuchenden ermöglicht, schnell, kostenlos und anonym mit Fachleuten in Kontakt zu kommen, die auf ganz unterschiedlichen Feldern Expertise haben. Schmidbauer, Dogs, Oskar Holzberg oder Ilka Hoffmann-Bisinger beispielsweise helfen bei Problemen in der Paarbeziehung, Jaque-Rodney und Wollwerth de Chuquisengo bei Fragen im Umgang mit Kleinkindern, Michaela Huber bei Retraumatisierungen. Psychologisch geschulte Business-Coaches wie etwa Iris Middelhove und Steffen Elbert erklären, welche Schritte jetzt beruflich sinnvoll sind und wie man ankommt gegen all die Wenn und Aber, die das eigene Handeln blockieren können.

Die frühere Bischöfin Margot Käßmann, die ebenfalls zum Seelsorge-Team gehört, hat beobachtet: "Bei manchen steigern sich bereits vorhandene Ängste ins Unermessliche." Sie erlebt Menschen, die es als ihr persönliches Versagen empfinden, dass sie jetzt vor dem beruflichen Aus stehen, und die sich schämen. Immer wieder wird sie gefragt, ob bei der Corona-Krise Gott im Spiel sei, ob "man für etwas büßen müsse". Käßmann will beruhigen. "Sie sind doch nicht schuld", sagt sie oft. Wer sich davor fürchtet, bestraft zu werden, dem gibt sie mit auf den Weg: "Gott schickt keine Strafen! Gott gibt dir die Kraft, mit Angst und Leid und Sorgen umzugehen."

Käßmann und die anderen ehrenamtlichen Experten unterstützen die Aktion, weil sie schnell und unkompliziert helfen wollen in dieser historischen Krise – die nicht nur das Gesundheitswesen und die Wirtschaft herausfordert, sondern auch die Psyche eines jeden Einzelnen. Dass ihnen das gelingt, zeigen neben direktem Dank die vielen Briefe, die bei der stern-Redaktion eingehen. Ein Mann und seine Frau, die sich zu getrennten Gesprächen an­gemeldet hatten, schrieben am Ende gemeinsam: "Ein Knoten hat sich gelöst, wir wissen jetzt wieder, dass es weitergeht."

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Erschienen in stern 19/2020

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