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stern-Seelsorge Psychiater: "Es ist eine Zeit, in der man sich selbst auszuhalten lernen kann"

Dr. Christian Peter Dogs
Dr. Christian Peter Dogs ist Psychiater und Arzt für psychosomatische Medizin und Naturheilkunde. Er hat über 20 Jahre die Panoramaklinik in Scheidegg geleitet. Sein Buch (zusammen mit Nina Poelchau) "Gefühle sind keine Krankheit" wurde zum Bestseller.
© Anita Affentranger
Dr. Christian Peter Dogs bietet im Rahmen der stern-Seelsorge seine Hilfe an. Er berichtet über die Auswirkungen der Ausgangsbeschränkungen auf unsere Psyche und erklärt, wie wir dennoch aus der Krise gestärkt hervorgehen können. 
Interview: Nina Poelchau

Für die Aktion stern-Seelsorge haben sich mehr als 30 Fachleute bereit erklärt, mit Lesern persönlich über deren Ängste und Probleme zu sprechen. Zu unserem Team gehören Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, Familientherapeutinnen, Seelsorger und berufliche Coaches. Rufen Sie an, oder schreiben Sie uns eine E-Mail mit Ihrem Problem oder Anliegen. Wir suchen für Sie einen unserer Experten aus und stellen den Kontakt her. Es handelt sich um stützende und beratende Gespräche und keinen Ersatz für eine Psychotherapie. Alles bleibt anonym und ist kostenlos. Telefonnummer: 0172/1390173 (besetzt ­jeweils dienstags, donnerstags und sonntags zwischen 16 und 18 Uhr), E-Mail: seelsorge@stern.de (Mails werden täglich von 9 bis 20 Uhr bear­beitet).

Dr. Christian Peter Dogs ist einer der Psychiater, der im Rahmen der stern-Seelsorge seine Hilfe anbietet. 

Herr Dogs, Sie sind einer der ärztlichen Psychotherapeuten, die zum stern-Seelsorgeteam gehören. Was fällt Ihnen bei den Menschen auf, die gerade Ihre Hilfe suchen?

Dogs: In den Gesprächen geht es oft um chronische Konflikte, die jetzt hochkommen, weil ein Klima von Unsicherheit herrscht und Verdrängung nicht mehr funktioniert. Es geht um Partnerschaftskonflikte und Erziehungsthemen, die weggeschoben wurden. Auch um Suizidalität, die schon lange latent bestanden hat und jetzt akut wird. Probleme mit dem Alleinsein haben vor allem Menschen, die gewohnt sind, ihr Selbst durch soziale Kontakte zu stabilisieren. Wer einsame Zeiten kennt, dem macht das erzwungene Alleinsein jetzt nicht viel aus, er hat es ja trainiert.

Ab welchem Punkt wird die Situation ­gefährlich für die Psyche?

Mir fällt auf, dass von Woche zu Woche die Aggressivität zunimmt. Menschen, die zu dicht aufeinandersitzen, kommen mit der permanenten Reizüberflutung nicht zurecht. Lagerkoller nennt man das, und es kann zu Gewalt führen. Problematisch ist es auch, wenn sich das Denken auf gefährliche Grübeleien verengt. Dann kann der Gedanke, dass sowieso alles keinen Sinn mehr hat, übermächtig werden. Das kann passieren, wenn Außenimpulse wie ein nettes Gespräch im Café oder im Fahrstuhl wegfallen – und damit ein wichtiges Korrektiv.

Was hilft da?

Das Gegenmittel ist Hoffnung, sind positive Nachrichten. Es ist wichtig, den Blick auf das zu richten, was jetzt, in dieser Krise, möglich ist, trotz aller Einschränkungen.

Welche guten Nachrichten können Sie anbieten?

Das ist – zumindest für die Mehrheit – eine wertvolle Zeit! Man kann sie nutzen, um sein bisheriges Verhalten zu überdenken und Zugang zu Gefühlen zu finden, die sonst in der Alltagsroutine untergehen. Es ist eine Zeit, in der man sich selbst auszuhalten lernen kann und auch seine Partner oder Kinder neu kennenlernt, denen man vielleicht schon jahrelang ausgewichen ist. Sich mit sich selbst und anderen, die einem nahe sind, zu versöhnen, ist vermutlich eine der besten Ideen, um diese Krise zu überstehen.

Einige müssen damit rechnen, im Laufe der Krise vor dem beruflichen Aus zu ­stehen. Da ist Optimismus schwierig.

Mich kontaktieren Menschen, die jetzt bereits so gut wie ruiniert sind. Sie haben das Gefühl, bei einer unklaren Faktenlage ohnmächtig zusehen zu müssen, wie alles, was sie geschaffen haben, kaputtgeht. Diese Menschen brauchen eine Perspektive. Und zwar sehr schnell. Ich kann nur hoffen, dass unsere Politiker diesen hochverzweifelten Menschen ermöglichen, durch Lockerungen und gleichzeitig klare Hygieneregeln wieder handlungsfähig zu werden.

Werden sich die Menschen ein bisschen verändert haben, wenn sie sich eines ­Tages wieder frei bewegen können?

Ich denke, die Zeit mit dem Virus wird ihre Spuren hinterlassen. Wir werden hoffentlich weniger auf der Flucht sein und vielleicht – für eine Zeit lang – das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Wir werden hoffentlich eine resilentere Gesellschaft bekommen, die nicht mehr verdrängen kann, dass Krankheit und Tod zum Leben gehören und es ein Leben ohne Risiko nicht gibt. Es kann jederzeit wieder ein anderes Virus kommen. Das innerlich zu akzeptieren und besonnen zu bleiben ist so wichtig, damit wir nicht von Angst ­überflutet werden. Dass das funktionieren kann, führen uns gerade übrigens unsere ältesten Mitbürger, die Hochrisikopopu­lation, vor: Sie gehen insgesamt gelassen mit dem Virus um, weil sie krisenerprobt sind.

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Erschienen in stern 18/2020

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