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Depressionen: Ich sitze am Flughafen und schaffe es nicht, in den wartenden Flieger nach Hause zu steigen

Depression ist nicht, den ganzen Tag schlecht gelaunt zu sein. Depression ist manchmal auch nur, nicht in ein Flugzeug zu steigen. Das wurde unserer Community-Autorin am Flughafen bewusst. 

Von NEON-Community-Mitglied SakiSuspicious

Depression: Am Flughafen

Am Flughafen hat unserer Community-Autorin mit ihrer Depression zu kämpfen

Getty Images

Ich mag fliegen und ich mag Flughäfen. Vielleicht weil man das automatisch mit Urlaub verbindet - obwohl ich wahrlich auch genügend Geschäftstermine bereits mit Flüssigkeiten im Zipp-Beutel aufgesucht habe. Ich bin mir also nicht sicher, ob es der Urlaubs-Aspekt ist. Ich habe auch noch nie Flugangst gehabt, ich war bei meinem ersten Flug zwar noch sehr klein und vielleicht haben meine Eltern da eine andere etwas dramatischere Version von mir im Kopf, aber soweit ich mich erinnere bestand meine größte Sorge am Flughafen stets darin, dass ich aus Versehen vergessen hab, die Nagelschere aus dem Handgepäck zu nehmen und filmreif und völlig verdachtsunabhängig zu Boden gerungen werde, obwohl meine Piercings die Sicherheitskontrolle erfolgreich überstanden haben. 

Ich warte

Vor kurzem flog ich - tatsächlich urlaubsbedingt - nach Berlin und etwa eine Woche später stand ich wieder in Tegel, bereit die Heimreise anzutreten. Online Check-In, Sicherheits-Kontrolle, keine Nagelschere, 20 Minuten vor Boarding am Gate, alles gut. Ich platziere mich auf dem Boden, aufgrund mangelnder Sitze. Das Boarding wird ausgerufen und wie ein Fisch-Schwarm finden sich alle Menschen mit ihren Köfferchen zu einem großen schlangen-ähnlichen Pulk zusammen. Jeder will zuerst, bekanntlich sind die besten Plätze ja sonst weg oder sogar das ganze Flugzeug. Ich warte. No risk, no fun. 

Die Schlange wird weniger und ich stehe nicht auf. Noch acht Personen, noch sieben, sechs, fünf, vier ... Ich sitze nach wie vor. In mir wird schon eine Stimme energisch: "Los jetzt!". Doch sie wird souverän von meinem Körper ignoriert. Ich stehe einfach nicht auf. Es ist ein bisschen die Demonstration dessen, was ein guter Freund von mir gerne sagt, wenn er keine Lust hat auf irgendwas: Ich würde so gerne wollen, aber ich will einfach nicht!

Angst kriecht in mir hoch

In mir kriecht doch so etwas wie Angst hoch. Ich werde meinen Flug verpassen, dann muss ich irgendwie anders nach Hause kommen. Das kostet furchtbar viel Geld, das ich nicht habe. Ich hab Termine zu Hause quasi direkt nach meiner Ankunft, die kann ich nicht absagen. Was, wenn ich erst am Folgetag einen Flieger kriege? Wie erkläre ich das den Menschen, die mich zurück erwarten und vor allem meinen Verwandten, die mich doch so schreiend pünktlich am Bahnhof abgesetzt haben?

Ich sitze auf dem Boden wie festgewurzelt und würde gerne heulen. Der letzte Koffer ist hinterm Gate-Zugang verschwunden und die Dame hinter dem Schalter ruft nochmal Nachzügler auf. Wenn ich jetzt einfach aufstehe, was wird sie denken? Dass ich so verpeilt durchs Leben gehe? Dass ich nicht raffe, dass genau vor mir mein Flieger gerade bereit steht? Wird sie mir ansehen, dass ich innerlich einen Kampf führe und mich bemitleiden? Wird sie sauer sein, weil ich den ganzen Prozess aufgehalten habe mit meinem Blödsinn?

Ich versuche, Ruhe in meinen Kopf zu bekommen. Versuche zu verstehen, warum ich nicht aufstehe. Weil ich nicht nach Hause möchte. Warum? Weil dann mein Urlaub vorbei ist. Logisch, so ist es immer irgendwann. Ist der Alltag denn so schlimm? Nein, doch.. Keine Ahnung. Der Job ist okay. Meine Leute hab ich sogar vermisst und freue mich, sie wiederzusehen. Und meine wundervollen Katzen erst.

Also was ist das Problem? Alles andere. 

Nun heule ich doch

Nun heule ich doch noch. Das löst ein kleines bisschen den Druck in meiner Brust. Noch ein Aufruf, jetzt aber wirklich der letzte. Ich beginne mich selbst auf zu rupfen und in meinen Einzelteilen rum zu wühlen. Ich will, dass dieses Gefühl aufhört. Sofort! Möchte mich wieder spüren, so richtig und echt, nicht wie ein Fremdkörper, den zu bewegen ich mit meinen Gedanken, in Ermangelung einer Jedi-Ausbildung, ich leider nicht vermag. 

Plötzlich denke ich sehr intensiv an meine Katzen. Daran, wie mein Großer so krank wurde, als ich damals in Kanada war. Wie sehr er mich vermisst hat und wie sehr ich ihn vermisse. Und ich denke daran, dass sie mich brauchen. Dass ich ein egoistisches, unverantwortliches, Tiere quälendes Stück Scheiße bin, wenn meine Katzen heute ganz alleine in der Wohnung bleiben. 

Die Depression: Das Monster in mir

Ich verwende mein größtes Monster, gegen mich selbst. Mir wurde gesagt, das wäre nicht der richtige Weg, denn eigentlich müsste ich dieses Monster ja bekämpfen. Den Drang immer und überall alles richtig zu machen und mich selbst dabei völlig aus den Augen zu verlieren. Ich müsste mir mal erlauben, so zu sein, wie ich grade bin und dafür zumindest ein bisschen Verständnis einzufordern. Andererseits wird mir gesagt, dass in diesen Momenten, in denen nix mehr geht, alles erlaubt ist, was funktioniert. 

Also was nun? Ich bleibe dabei. Meine Katzen! Die können ja nun am allerwenigsten etwas dafür. Meine Katzen – alleine in meiner Wohnung! Ich beiße mich an diesem Gedanken so fest wie ich nur kann, und ebenso an meinem Koffer. 

Dann stehe ich auf. 

Irgendwann bleibe ich sitzen, aber heute noch nicht. Heute muss ich nach Hause.

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Depressionen
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