HOME

Gewissenskonflikt: Er glaubt, dass sein Vater seine Mutter betrügt – und entscheidet sich, nichts zu sagen

Muss ich meiner Mutter sagen, dass mein Vater sie betrügt? Jahrelang kämpft dieser 25-Jährige mit seinen Zweifeln. Nun will er anderen mit seinem Bericht helfen.

Mann an Mauer

Muss ich es ihr sagen? In die Ehekrise der eigenen Eltern verwickelt zu sein, ist eine emotionale Belastung. (Symbolbild)

Zuerst war es Wut, dann Verleugnung und schließlich einfach nur Trauer und Enttäuschung: Mehrere Jahre vermutete ein 25-Jähriger, dass sein Vater eine Affäre hat – und spricht mit niemandem darüber. Im Interview mit Radio 1 Newsbeat's der BBC berichtet er von seinen Erfahrungen.

Der Verdacht

Eine erste Vermutung hatte er mit 19 Jahren. Im Bad entdeckte er ein Handy, das seinem Vater zu gehören schien – er hatte es schon öfter bei ihm im Auto gesehen, sich aber nie etwas dabei gedacht. "Es war nicht mit einem Code gesperrt", berichtet der heute 25-Jährige. "Also durchsuchte ich die Ordner und fand Nachrichten einer fremden Frau." Damals sei er einfach nur wütend gewesen. "Aber ich redete mir ein, dass es nicht genug Beweise für eine wirkliche Affäre gäbe", erzählt er im Interview. Doch schon damals konfrontierte er seinen Vater mit den Entdeckungen. "Er sagt, dass er wenige Freunde habe und meine Mutter nicht erfahren solle, dass er auch mit Frauen befreundet sei." Damals habe er sich entschieden, ihm zu glauben.

Erst nach zwei Jahren kam das Thema wieder zur Sprache. "Mein Vater half mir beim Umzug in eine neue Wohnung und verschickte ein Foto von mir", erzählt er. Als er seine Mutter nach dem Schnappschuss gefragt habe, wusste sie nichts davon; sein Vater hatte das Bild offensichtlich an jemand anderen verschickt. "Wenig später sah ich, dass er einer Person namens 'Amos' Nachrichten schrieb. Ich wusste, dass er keinen Freund hatte, der so hieß." Als er in der Nacht versuchte, das Handy seines Vaters zu durchsuchen, erwischte er ihn. Doch die beiden sprachen nicht darüber.

Deckname "Amos"

"Sechs Monate später hatte mein Vater Geburtstag", schildert der 25- Jährige weiter. "Alle warteten auf meine kleine Schwester, die zu spät zum Essen im Restaurant kam." Aufgebracht über die Verspätung sei sein Vater nach Hause gefahren. "Ich war wütend und folgte ihm. Und plötzlich brach es auch mir heraus: 'Wer ist diese Amos?'" Doch sein Vater sagte nichts. Vor lauter Verzweiflung über diese komische Situation sei er einfach in Tränen ausgebrochen und habe seinen Vater umarmt. Als die Familie schließlich dazu kam, dachten alle, es habe Streit gegeben. "Ich wollte damals auch meiner kleinen Schwester nichts erzählen", sagt er. "Sie war schließlich noch in der Schule."

Der 25-Jährige fühlte sich allein mit der ganzen Verantwortung. "Wenn man sich in so einer Situation befindet, sollte man zu einer Familienberatung gehen oder mit einem Lehrer oder Verwandten sprechen", sagt er heute. Man brauche jemanden, der einem hilft, mit diesen Gefühlen umzugehen und einem die Verantwortung abzunehmen.

Das Ende

Für ihn kam die Erleichterung erst zwei Jahre später: Seine Schwester, die noch zu Hause lebte, fand die Texte an "Amos" auf dem Handy des Vaters. Daraufhin rief der 25-Jährige seinen Vater an: "Ich sagte ihm, dass meine Schwester und ich bescheid wüssten. Er solle es meiner Mutter sagen, oder wir würden den Kontakt zu ihm abbrechen", erzählt er. Sein Vater bedankte sich für das Gespräch und legte auf.

Erst drei Monate später folgte eine Reaktion seines Vaters. Er schrieb seinem Sohn eine SMS:" Ich werde heute Nacht ausziehen. Ich habe einen Brief für eure Mutter geschrieben. Deine Schwester soll ihn ihr am Freitag geben." Diese Verhalten hätte ihn aufregen sollen, sagt der 25-Jährige heute. Aber er sei einfach nur froh gewesen, dass seine Schwester zu Hause nicht mehr habe mit der Situation leben müssen. "Als ich das nächste Mal nach Hause kam, wusste meine Mutter Bescheid. Ein Brief nach 25 Jahre Ehe – eine fruchtbare Art der Trennung."

Tipps für Betroffene

Heute bereut er nicht, wie die Sache damals öffentlich wurde. "Ich bin froh, dass ich es meiner Mutter nicht sagen musste. Sie weiß Bescheid, dass wir es früher herausgefunden haben und ist uns nicht böse." Aktuell hat der 25-Jährige keinen Kontakt mehr zu seinem Vater, nachdem dieser seiner Mutter die Unterhaltszahlungen verwehrt und die Scheidung vorantreibt. Er vermute, dass sein Vater mit der unbekannten Frau mit dem Decknamen "Amos" zusammenlebe.

Für Leute, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, hat er zwei Ratschläge: "Mach einen Schritt zurück und überlege genau, bevor du überstürzt die Initiative ergreifst." Außerdem rät er jedem, mit einem Vertrauten zu sprechen. "Das Verhältnis zwischen mir und meiner Schwester ist seit dieser Zeit noch enger als vorher", berichtet er.

Wie es nun weitergeht weiß er jedoch nicht: "Ich versuche gerade noch einen Weg zu finden, um irgendwann wieder eine Beziehung zu meinem Vater aufzubauen."

lau