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Zeit schenken: Einsamkeit ist die neue Volkskrankheit - und betrifft längst nicht nur alte Menschen

Einsamkeit betrifft nicht nur ältere Menschen - fast jeder fünfte Millennial fühlt sich betroffen. Auch unsere Autorin manchmal. Deswegen hat sie ein Programm des Malteser Hilfsdiensts getestet und ist erstaunt, wie viel Freude eine Stunde ihrer Zeit schenken kann. 

Von Stephanie Morcinek

Frau sitzt alleine auf dem Boden

Immer mehr Menschen sind einsam - und das nicht nur im Alter. 

Unsplash

Es war dieser kalte, eklige Mittwoch im Februar. Ich saß – wie an jedem anderen Tag auch – in meiner Wohnung und arbeitete im Home Office. Ich hatte Lust, am Abend etwas zu unternehmen, schrieb ein paar WhatsApp, versuchte Freunde anzurufen, ließ bei einer Freundin eine Message auf der Facebook-Wall zurück. Doch nach und nach trudelten die Absagen ein. "Sorry Süße, bin auf 'nem Event", "Tut mir leid, ich muss arbeiten", "Bin leider schon verabredet", "Keine Zeit". Ich hatte zu diesem Zeitpunkt wegen eines längeren Projekts viel Zeit mit mir verbracht. Doch weil die Arbeit endlich weniger und die Freizeit wieder sichtbarer wurde, wollte ich raus, etwas unternehmen, mich über Belangloses und Witziges unterhalten.

Doch als mir auch der letzte Freund eine Absage schickte, saß ich da und hatte ein Gefühl in mir, das mich traurig werden ließ: Ich fühlte mich einsam.

Einsamkeit ist nicht nur ein Problem der Älteren

So wie mir an diesem Mittwoch geht es Millionen Menschen jeden Tag. Mit dem Unterschied, dass es bei mir nur eine kurze Phase des Einsamkeitsgefühls war, die am nächsten Tag bereits vorüber ging. Bei vielen Älteren ist es der Alltag, der immer-Zustand. Ein Befinden, das sich nicht morgen oder übermorgen ändern wird. Fast jeder 5. Deutsche über 80 Jahren ist einsam. Doch auch bei jungen Menschen schleicht sich die Isolation hinterhältig an. In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen fühlen sich laut einer repräsentativen Umfrage vom vergangenen Jahr 17 Prozent oft oder ständig allein. Und die Zahl nimmt von Jahr zu Jahr zu.

Und das, obwohl es doch eigentlich gerade durch die Sozialen Medien eine weltweite Vernetzung und einen ständigen Zugriff auf die Freundeslisten gibt. Doch eine schnell dahin getippte iMessage kann eben die Qualität eines langen Gesprächs Face-to-Face nicht ersetzen, genauso wenig wie eine Sprachnachricht ein interaktives Telefonat ausgleichen kann.

Die Einsamkeit schleicht sich heran wie eine gefährliche Wildkatze, die uns, hat sie uns erwischt, langsam und genüsslich in Stücke reißt. Der Psychiater und Hirnforscher Manfred Spitzer schreibt in seinem Buch "Einsamkeit – die unerkannte Krankheit" sogar, dass Einsamkeit die Todesursache Nr. 1 ist, und bei Isolation das Schmerzempfinden im Gehirn angeregt wird. Einsamkeit tut demnach richtig weh.

Ehrenamtliche helfen Einsamen

Der Malteser Hilfsdienst hat ein Projekt ins Leben gerufen, das einsamen Menschen helfen soll, ihre Isolation wenigstens für ein paar Stunden pro Woche zu vergessen und diesen Schmerz zu mildern: den Besuchsdienst für einsame Menschen.

Ehrenamtliche werden dabei an fünf Abendterminen zu "Einsamkeitshelfern" ausgebildet. Dabei lernen sie, wie man auf einsame Menschen zugeht, sie bekommen ein Rollstuhl- und Rollator-Training, man spricht über den Umgang mit dem Tod. Denn viele Ehrenamtliche begleiten ihre "Senioren", wie Veronika Moser, Leiterin Soziales Ehrenamt bei den Maltesern in München, die Einsamen liebevoll nennt, bis zum Lebensende.

"Die Dunkelziffer der Einsamen ist bestimmt sehr hoch. Viele möchten nicht zugeben, dass sie alleine sind, dass sie sich isoliert fühlen", sagt Moser. "Meist geben uns Nachbarn, entfernt lebende Verwandte oder der Sozialdienst einen Hinweis, dass es hier einen einsamen Menschen gibt. Dann reden wir mit ihm. Es ist oftmals so erstaunlich, wie gut es den Menschen tut, wenn ich nur mit ihnen telefoniere und sie endlich mal wieder jemanden haben, der ihnen zuhört, mit dem sie sich austauschen können."

Ein Tag im Leben eines einsamen Menschen

Ivan Reymondez, 43, ist einer von etwa 100 Ehrenamtlichen in München und begleitet einen Senior seit nunmehr zwei Jahren. "Ich bin Spanier, seit 15 Jahren in Deutschland und ich kenne das Gefühl der Einsamkeit von meiner Mutter, aber auch von mir selbst. Ich wollte gerne etwas zurückgeben und als ich von den Maltesern und der ehrenamtlichen Arbeit erfahren habe, musste ich unbedingt mitmachen. Jeder hat doch ein, zwei Stunden Zeit pro Woche. Und der einsame Mensch ist einem dafür so dankbar."

In einem Pflegeheim im Münchner Osten besucht Ivan Max Börner. Der ehemalige Kameramann ist erst 68 Jahre alt, damit der Jüngste im Heim. Er hat eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die vor zwölf Jahren begann. Im Kopf ist er ganz klar, doch seine Beine, Arme, Hände und inzwischen auch sein Sprechvermögen, versagen ihre Dienste. Er kann sich nicht mehr ohne Hilfe bewegen und nur noch sehr schwer verständlich machen. "Ich habe Herrn Börner zunächst noch zu Hause besucht", erzählt Ivan, "doch seit einem Jahr finden diese Besuche nun im Heim statt."

Max Börner hat noch eine Familie, die nur zum Teil in München lebt und nicht ständig bei ihm sein kann, seitdem sein Leben daheim unmöglich geworden ist. Er wird zwar versorgt, doch er ist einsam. Ein Tag, an dem er nur ans Bett gefesselt ist, kann sehr lange sein. Es fehlt an individueller Zuwendung, Zeit für ihn, an menschlichen Kontakten zur Außenwelt, deren Teil er als Kameramann und Hobby-Fotograf so gerne war.

Ivan Reymond und Max Börner

Ivan Reymond (r.) und Max Börner kennen sich seit inzwischen zwei Jahren


Ivan füllt nun diese Lücke und erzählt Max Börner stattdessen Geschichten. Von seiner Arbeit als Lektor an der Universität, von seinen Reisen nach Spanien und Italien, dem Land, das auch Max Börner einst so gerne besuchte. "Oder ich bin einfach nur da", erzählt Ivan. "Man muss nicht immer reden, es ist manchmal die bloße Anwesenheit eines anderen Menschen, der den Schmerz der Einsamkeit mildert."

Auch ich erzähle Max Börner etwas. Von meiner Arbeit als Journalistin, von meinem geplanten Artikel, von meinen Reisen nach Südamerika. Er hört zu, möchte sich immer wieder ins Gespräch einbringen, und ich merke, wie er sich freut, dass noch jemand da ist, der etwas erzählt und er andere Impulse bekommt.

Viele Verwandte sind mit der Krankheit eines Angehörigen überfordert. Sie sind dankbar, wenn auch mal jemand Fremdes die Aufsicht übernimmt und man wenigstens für eine Stunde kurz durchschnaufen kann.

Es macht nachdenklich über das Leben

"Von den etwa 80 Einsamen, die wir gerade in München betreuen, haben die meisten noch Verwandte", so Veronika Moser. "Die sind dann aber mehrere hundert Kilometer weit weg. Oder man hat sich zerstritten. Daher freuen sich diese Menschen umso mehr, wenn ein Ehrenamtlicher bei ihnen regelmäßig vorbei schaut und ihnen eine gemeinsame Stunde schenkt."

Eine Stunde pro Woche. Ein Anfang, um einem einsamen Menschen ein wenig Lebensglück zu schenken. Auch ich merke, als wir die Tür zu Max Börners Heimtür schließen, wie erfüllt ich bin. Es ist eine Mischung aus Mitleid, aus Traurigkeit, aus Freude und aus Zufriedenheit. Es macht nachdenklich über das Leben, das so kurz ist, sich so schnell ändern kann. Und diese Stunde hat mir bewusst gemacht, dass jeder ein Stück seiner Zeit verschenken sollte. Irgendein Mensch, der jetzt gerade Löcher in die Luft starrt und den Sekundenzeiger der Uhr mit den Augen verfolgt, wird sich darüber so sehr freuen und die Trauer über seine Einsamkeit für 60 Minuten vergessen können.

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