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Meinung

Body Positivity: Fat-Shaming im Live-TV: Warum fühlen wir uns von Dicken so provoziert?

In einer britischen Morning Show diskutieren der Moderator und eine adipöse Frau hitzig über ein ungesundes Körperbild. Unsere Autorin möchte wissen: Liebe nicht-dicke Menschen, warum fühlt ihr euch von Dicken so provoziert?

Fette Frau in Unterwäsche

Viele Menschen denken, es gehe sie etwas an, wie dick oder dünn jemand ist. 

Getty Images

Im britischen Fernsehen spielte sich diese Woche eine Szene ab, die mich einfach nicht mehr loslässt. In der TV-Morning Show "Good Morning Britain" kam es zu einer hitzigen Diskussion zwischen Moderator Pierce Morgan und Schauspielerin und Model Angelina Duplisea. Duplisea, die nicht ganz dem Idealbild einer Frau entspricht, hatte in dem neuen Musikvideo von Miley Cyrus einen Auftritt. Nun wird ihr vorgeworfen, sie würde ein ungesundes Körperbild promoten, ja sogar Fettsucht glorifizieren.

Alle Körper sind schön

Angelina Duplisea in Miley Cyrus Video

Um diese Szene mit Angelina Duplisea aus dem Video zu "Mother's Daughter" von Miley Cyrus ging es dem Moderator.

In dem Video liegt sie nackt auf einer Chaiselongue, ist aber nur kurz zu sehen und teilt sich die Aufmerksamkeit mit vielen anderen Variationen des weiblichen Körpers. Es sind unter anderem eine Frau mit Behinderung und eine Trans-Frau zu sehen. Der Clip spielt mit Tabus, die die Gesellschaft dem weiblichen Körper auferlegt hat. (Bravo, Miley!) 

In "Good Morning Britain" wird Duplisea auf die Kritik an ihrem Auftritt in dem Video angesprochen. Pierce Morgan fragt sie, ob sie ihren Auftritt nicht kritisch finde. Ob durch solche Darstellungen Zuschauer nicht animiert würden, selbst fettleibig zu werden. Die Diskussion artet aus: Dublisea wirft Morgan an den Kopf, wenn er so denken würde, dürfe er selbst ja auch nicht im TV auftreten. Er sagt ihr immer wieder, wie fett sie sei. Seine Co-Moderatorin hält sich zurück, das Ganze ist ihr sichtlich unangenehm. Gleichzeitig bekräftigt Morgan, dass er auch Magermodels auf Laufstegen als bedenklich erachtet.

Dicke gelten als faul und ungesund

Dennoch stellt sich mir eine Frage: Warum fühlen sich so viele von dicken Menschen provoziert und nicht von Magermodels? Regelmäßig werden Dicke als ungesund bezeichnet  und angepöbelt - auch von Fremden auf der Straße. Und immer wieder mischen sich dünne Menschen als Moralapostel in diese Diskussion ein. Aber warum?

Kein Mensch sieht eine fette Frau und sagt: "Mensch, so will ich auch aussehen!" Und das ist in den meisten Fällen auch nicht das Ziel von Fat-Activists und Plus-Size-Models. Sie wollen ihr Körpergewicht nicht glorifizieren. Dicke Menschen wollen Akzeptanz. Und dennoch erfahren sie Diskriminierung. Viele Nicht-Dicke fühlen sich dazu berechtigt, ihren Senf dazuzugeben – und lassen in Diskussionen ihre eigentlichen Prinzipien auch mal fallen. 

Machen beispielsweise Krankenversicherungen Unterschiede bei vorbelasteten Personen, ist das eine Frechheit – ist die Vorbelastung Übergewicht oder Diabetes, ist das in Ordnung. "Warum soll ich dafür zahlen, wenn andere zu faul sind und sich ungesund ernähren?", habe ich schon oft gehört. Nicht jede fettleibige Person ist ungesund und umgekehrt. Natürlich kommen mit Fettleibigkeit Gesundheitsrisiken, aber bedeutet das, dass wir Fette aus unserer Gesellschaft ausschließen sollten, sie nur als Attraktion und Mahnmal in Medien dargestellt werden können wie Zirkuspferde? Warum kann eine fette Frau nicht einfach nur mit der Message "Auch das sind Frauen" in einem Musikvideo auftauchen, in dem es um Emanzipation und Frauen-Power geht?

Fat-Shaming ist gesundheitsschädlich

Mehrere Studien zeigen, dass die gesundheitliche Folgen von Diskriminierung genauso schlimm sind wie die Fettleibigkeit selbst und diese sogar fördern und bedingen. Folgen sind Depressionen (hier ist das Risiko fast dreimal so hoch als ohne Diskriminierungserfahrungen), Essstörungen, Stress oder erhöhte Cholesterin-Werte. Diskriminierung aufgrund des Gewichts kann verschiedene chronische Krankheiten hervorrufen. "Die Diskriminierung, die man täglich erfährt, löst Stress aus. Das ist ganz schlecht für die Gesundheit“, sagte der Soziologe Friedrich Schorb, Leiter des Wissenschaftlichen Netzwerks "Fat Studies" der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Sender "Deutschlandfunk Nova". "Es ist immer noch so, dass Gewichtsdiskriminierung nicht ernst genommen wird."

Kleine Anleitung: Wie bin ich menschlich?

Deshalb: Liebe Nicht-Dicke, die denken, sie müssen anderen ihre Meinung aufzwängen - bevor ihr euch das nächste Mal einmischt, fragt euch doch vorher einmal selbst:

  • Hat irgendjemand nach eurem Input zu dem Thema gefragt?
  • Wenn euch jemand von seinen persönlichen Erfahrungen erzählt, nehmt euch erst einmal eine Minute, um das Gesagte aufzunehmen. Warum erzählt euch die Person davon?
  • Wenn ihr eine gegensätzliche Meinung zu einem Thema habt, das euch primär nicht betrifft, fragt euch: Warum ist sie gegensätzlich? Wem dient diese Meinung? Wen könnte eure Meinung verletzen und warum?
  • Was an der Fettleibigen stößt euch auf, warum bedrohen Fette euer Weltbild? Warum ist es euch wichtig, dass ihr genau dieses Weltbild vertretet?

Wenn ihr zuerst darüber nachdenkt, woher eure Empörung kommt, stellt ihr vielleicht fest, dass eure Wahrnehmung von der Gesellschaft genau von dieser geprägt ist. Werbung, Soziale Medien, Film und Fernsehen – das Bild, das dort von Frauen (und auch Männern) gezeigt wird, ist sehr eindimensional. Wie können wir uns an ein diverses Bild des weiblichen Körpers gewöhnen, wenn es nicht stattfindet? 

Ihr stellt vielleicht fest, dass ihr andere mit euren Aussagen verletzen könnt. Dass die Darstellung von Dicken in den Medien nichts an eurer Lebensrealität negativ verändern wird. UND: Dass es euch rein gar nichts angeht, wie eine andere Person aussieht und warum sie, obwohl sie nicht der "Norm" entspricht, respektiert werden will. 

Quellen: "Metro.uk", "Deutschlandfunk Nova"