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Macht der Gedanken Wie spirituelles Manifestieren deine Psyche und deinen Kontostand verändern kann

Eine Frau steht vor dem Meer und wirft die Arme hoch
Viele Yoga-Fans praktizieren das Manifestieren. Doch positive Gedanken helfen auch weniger spirituellen Menschen 
© Jordi Boixareu/ZUMA Wire/dpa
Auf Instagram üben sich viele neben Selbstliebe und Astrologie-Memes auch im sogenannten Manifestieren. Die These: Positive Gedanken sollen positive Dinge anziehen. Eine Psychologin erklärt, ob das funktioniert und ob man sich so auch Geld herbei manifestieren kann. 

Stell dir vor, du stellst dich jeden Morgen mit einem breiten Lächeln vor den schmierigen Badezimmerspiegel in deiner WG, sagst dir einen Wunsch auf — und wenn du diese Prozedur oft genug wiederholst, wird er irgendwann wahr. Für viele klingt die Praxis des Manifestierens wie eine Do-it-yourself-Wunderlampe für Zuhause. Ganz so zauberhaft ist es natürlich nicht. Und doch: Werden Dinge wirklich Realität, wenn wir nur fest genug daran glauben?

Mit dem Boom von Yoga, Selbstliebe und der Vermischung von Spiritualität und Memes in sozialen Medien taucht auch das Manifestieren immer öfter auf. Das Konzept dahinter: Bewusst ausformulierte Ziele und Wünsche sollen Denkmuster umprogrammieren und so nachhaltig die eigene Realität verändern können. Wer manifestieren wolle, müsse seine Ziele so präzise wie möglich formulieren, aufschreiben und sich immer wieder ins Bewusstsein rufen, heißt es in Leitfäden. Positive Gedanken plus positives Handeln gleich positive Lebensrealitäten. Ergibt irgendwie Sinn. 

Kann man sich Reichtum herbei manifestieren?

Doch vor allem in sozialen Medien ist Selbstoptimierung auch ein Geschäft: Unter #manifesting erklären Instagram-Userinnen und -User unter Selfies, dass sie finanzielle Stabilität manifestieren, einen perfekten Ehemann oder die ihrer Ansicht nach perfekte Figur. Geschäftliche Accounts bieten weniger selbstoptimierten Menschen an, ihnen die Art des Manifestierens in Seminaren und Lebenscoaching-Programmen beizubringen. Selbst milliardenschwere Unternehmerinnen wie Oprah Winfrey schwören auf die Macht des positiven Denkens. 

"Man kann durch seine Gedanken viel kontrollieren", sagte Winfrey 2015 im Gespräch mit dem CEO der Berufsplattform LinkedIn. "Durch die Art, wie und woran wir glauben.” In einem Beitrag aus dem "Oprah Magazine" heißt es sogar, man könne sich auch Geld herbei manifestieren. Funktioniert das auch, wenn man sich statt einer Liebesbeziehung ein rotes Cabrio vor die Haustür wünscht?

In der Theorie können neue Denk- und Handlungsmuster durchaus auch zu materiellen Dingen führen, sagt die Psychologin Sonia Jaeger gegenüber NEON: "Wenn ich mich stark auf etwas fokussiere, kann das dazu führen, dass ich etwas mehr wahrnehme und verfolge und das Ziel vielleicht eher erreiche.” So ähnlich funktioniere das auch bei Neujahrsvorsätzen.



Der erste Schritt sei aber, sich mit seinen eigenen Werten und Überzeugungen auseinanderzusetzen. "Die Frage ist: Wann ist man von sich überzeugt? Was sind die eigenen Werte, die eigenen Wünsche, was ist einem wichtig im Leben?”, erklärt Jaeger. Das bedeute vor allem auch Arbeit an sich selbst. 

Manifestieren bedeutet nicht, die Welt zu kontrollieren

Viele missverstehen das Manifestieren aber offenbar als eine Neuauflage von "Wünsch dir was". In einem Video der "BBC" heißt es, besonders unerfahrene Leute sähen das Manifestieren als eine Art "Cheat-Code" fürs Leben, eine Rundum-Lösung für alle möglichen Probleme. Und seien frustriert, wenn diese in der Realität keine Früchte trage. 

Strukturelle Ungleichberechtigung, Rassismus oder Sexismus enden nicht dadurch, dass ihr Untergang auf kleinen Zettelchen in einer "Zukunfts-Box" manifestiert wurde. Und auch positive Gedanken helfen nur bedingt, wenn der Kontostand dauerhaft im Dispo ist und die Miete bezahlt werden soll. Diesen Anspruch erheben die spirituellen Lehren hinter dem Manifestieren und der Kraft der Gedanken allerdings gar nicht. 

Denn dort geht es in erster Linie um die bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst. Wichtig sei, dass die Ziele realistisch, greifbar und ich-bezogen, aber nicht vom Ego geleitet seien, so die Anleitung. Dass man akzeptiere, dass das Manifestieren nicht die Welt und andere Menschen kontrollierbar mache, sondern vielmehr das eigene Denken und Handeln. Dass die Praxis in erster Linie ein Instrument sei, um sich selbst besser kennenzulernen und seine Reaktionen auf die Welt – so, wie sie ist – auf lange Sicht in eine andere Richtung zu steuern. 

Am Ende ist Manifestieren auch Hilfe zur Selbsthilfe

"Unser Denken kann ganz grundsätzlich unser Leben, unser Handeln, unser Fühlen massiv beeinflussen", sagt auch Psychologin Sonia Jaeger. In dem Sinne habe das Manifestieren durchaus auch eine therapeutische Wirkung. "Jede Form von Therapie ist im Grunde genommen nichts anderes, als an den Gedanken zu arbeiten und wie man auf sie reagiert.” 

Wichtig sei aber, dass man auch tatsächlich glaube, was man sich vorsage, so Jaeger: "Das Problem ist, dass ganz viele davon überzeugt sind, dass sie eigentlich nicht liebenswert sind, oder dass sie dumm sind.” Dann helfe es auch nicht, das Gegenteil zu manifestieren.

Manifestationen sind also weder Wundermittel noch Manipulationswerkzeuge. Die schlechte Nachricht: Dein Crush wird sich ziemlich sicher nicht in dich verlieben, nur weil du es in einem Brief an das Universum manifestiert hast. Die gute Nachricht: Du kannst dir selbst immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass du trotzdem liebenswert bist – und versuchen, mit dem entsprechenden Selbstvertrauen zu handeln. Dann, so die Theorie, zieht das neue Handlungsmuster auch andere Dinge an. Und vielleicht bedeutet das sogar, dass dein nächster Crush du selbst bist. 

Verwendete Quellen:"The Oprah Magazine" / "BBC" 


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